Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 23 (6.6.1913)
- Date
- 1913-06-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Sette 411 Nr. 23 Dr. Blochs Wochenschrift. Die Arbeit im Kichte der Thora. Von Oberrabbiner Dr. M. Gii bemann in Wien. Einer der beliebteren Vorwürfe, die man den Juden früher zu machen pflegte, war nebst dein „Schacher" die Scheu vor körperlicher Arbeit. Beide sind aus der Gebrauchsanweisung für Judengegner so ziemlich verschwunden, der erstere, seitdem Alles Handel treibt, Hoch und Niedrig, Bürgertum und Adel, Staaten und Privatpersonen, der letztere, seitdem die Juden von der ihnen früher versagt gewesenen Erlaubnis, sich am Handwerk zu beteiligen, Gebrauch machen. Ein Versuch über die Arbeit im Judentum besitzt daher keinen praktischen Wert mehr — als Widerlegung des Vorwurfs der Arbeitsscheu, — wie er noch der anerkennenswerten Schjrift von Franz Delitzsch „Handwerkerleben zur Zeit Jesu (3. Aufl. 1878) zukam, aber einen desto gröberen theoretischen. Denn die Rücksicht auf die praktische Verwendung einer wissenschaftlichen Untersuchung beeinträchtigt oft ihre Gründlichkeit und Objektivität. Da es nun immer das Beste ist, mit dem Anfang anzufangen, so werde ich die Grundschrist des Judentums, nämlich die Thora, zum Gegenstand meiner Untersuchung machen und darzustellen versuchen. Ln welchem Lichte die Arbeit schon in der Thora erscheint. I. Jede neue Lehre mutz, um sich durchzusetzen, als Opposition gegen die ältere, die sie beseitigen will, austreten: sonst wird sie nicht den Eindruck und die Schlagkraft einer neuen ausüben. Deshalb mutz eine Schrift, die sich als Grundschrift einer neuen Lehre Anerkennung Und Geltung verschaffen will, durch und durch impulsiv sein. Dieser Charakter eignet der Thora in hohem Grade und macht sih, wie auch die Kritik über sie urteilen mag, zu!einem Buche, das innerhalb des Judentums traditionell und unbestritten als sein Ursprungszeugnis und seine Grundschrift anerkannt worden ist. Diese in die entlegensten Zeiten zurückgehende, niemals unterbrochene Tradition des Judentums ist aber die yerlätzlichste und unanfechtbarste Kritik. Die Opposition der Thora richtet sich nun ziwiar mit gleicher Heftigkeit gegen die verschiedenen vorderasiatischen heidnischen Kulte, über deren Wesen wir immer noch am besten durch sie unterrichtet sind, es ist aber ,in den geschichtlichen Vorgängen begründet, datz Aegypten und sein Milieu in erster Reihe der Gegenstand dieser Opposition ist, was der Darstellung der Thora die ihr eigene Färbung und Richtung verleiht. Fast jeher Satz in der Thora ist ebenso ein Wegweiser nach einer neuen Weltanschauung, wie er ein Hinwegweiser aus dem Gedankenkreise Aegyptens ist. Diese. zwar bekannte, weil jedem aufmerksamen Leser sich aufdrängende Tatsache ist dennoch nicht genügend für das Verständnis der Thora verwertet worden. Ich habe an einem anderen Orte gezeigt, datz von diesem Gesichtspunkt aus es der Thora geradezu geboten erscheinen mutzte, das Jenseits und die Unsterblichkeit mit Stillschweigen zu übergehen, denn in Aegypten war das Leben vollständig von dem Jenseits beherrscht, und zwar von einem Jenseits, das man sich als die ewige Fortsetzung irdischer Hantierungen und irdischer Lustbarkeiten vorstellte. Vergegenwärtigt man sich die schädliche Rückwirkung, die eine von derartigen Vorstellungen beherrschte Anschauung vom Jenseits auf die Auffassung und Behandlung des Diesseits ausüben mutzte, so begreift man, datz die Thora dadurch, datz sie alles Eschatologische bei Seite lietz, die darauf bezüglichen ägyptischen Lehrmeinungen am wirksamsten bekämpfte. Damit erledigen sich die mannigfachen Erklärungen und Vermutungen, womit man der Thora wegen ihres Schweigens über die Unsterblichkeit und das Jenseits, sowie wegen ihrer Beschränkung auf die irdische Belohnung zu Leibe gegangen ist. Man hat eben über ihrem absichtlichen Schweigen im Punkte des Jenseits übersehen, was sie zu Gunsten des Diesseits angestrebt und geleistet hat. Es ist das unvergängliche Verdienst der Thora, der Menschheit das Diesseits geschenkt, dem irdischen Leben Sinn und Inhalt verliehen zu haben. Leben, diesseitiges Leben, aus dem übrigens das jenseitige als das bessere und höhere sich von selbst ergibt, ist daher naturgemäh der immer wieder betonte Grundgedanke und der Triumph der Thora gegenüber der ägyptischen Weltanschauung, die, weil sie das erstere nicht zu würdigen wutzte, das letztere herabwürdigte?) II. Um an einem zweiten Beispiele darzutun, wie di?, Thora nur aus dem Gesichtspunkte der Verneinung und Abweisung Aegyptens zu verstehen ist und wie sie, auch ohne dieses namhaft zu machen, sich dagegen in Opposition stellt und dadurch sich bestimmen lätzt, verweise ich auf die im 2. Buch Moses befindlichen ausführlichen Kapitel über die Stistshütte, die der Kritik grotze Schwierigkeiten bereiten. In Aegypten hatte das israelitische« Volk als Stätten der Gottesverehrung nur Bauten von kolossalen Dimensionen kennen gelernt, wie noch jetzt die Ruinen von Karnak beweisen. Man vergegenwärtige sich die Tiefe des Eindrucks, der durch den langgewohnten Anblick solcher monumentalen Bauten im Bewutztsein des Volkes hervorgerufen war und wie diese Eindrücke der neuen Lehre von einem geistigen Gott und einer geistigen Gottesverehrung die grötzten Hindernisse bereiten mutzten. Es waren doch wohl, wie wir zur Ehre des Volkes annehmen dürfen, nicht blotz „die Fische, die Gurken und Melonen, der Lauch, die Zwiebeln und der Knoblauch" (IV. B. Mos. 11, 5), welche die Sehm sucht nach Aegypten wach erhielten, — wenngleich zur Zeit des Hungers die Vorstellung dieser ehbaren Dinge naturgemätz alles Andere in den Hintergrund drängte —. sondern die erwähnte Wirkung wird vornehmlich auch durch die Erinnerung an die imponierenden ägyptischen Tempelbauten begünstigt worden sein. Nichts war daher vom Standpunkte des vvrausfehrnden Gesetzgebers natürlicher und dringender geboten, als, wie es die Thora tatsächlich tut, gegen den monumentalen ägyp- - tischen Tempelbau zu demonstrieren und sein Ansehen zu untergraben. Dies geschieht durch die einfache, aber bestimmte Erklärung, von der das Volk sofort begreifen mutzte, wohin sie ziele, datz der einig-einzige Gott und Weltenherr nur einen „Altar von Erde" (II. B. Mos. 20, 24) verlang?, daß bei Errichtung cs.nes steinernen Altars „behauene Quadern" (das.) nicht in Anwendung kommen sollen und datz Gott „an jedem Orte" (das.) zu finden sei. Demgemätz war der erste Tempel, den Israel errichten sollte, kein Haus, sondern ein Zelt, eine Hütte, eine Bretterbude, und er sollte nichts anderes sein. Brachte dies schon der Aufenthalt in der Wüste mit sich, so liegt doch der ausführlichen Behandlung der Stistshütte das Motiv der Opposition gegen den monumentalen Tempslbau Aegyptens zu Grunde, ja gerade die Ausführlichkeit sollte dartun, datz auch eine Hütte, deren Ausschmückung nur dem Bedürfnis des Volkes entgegenkommen sollte, ein würdiges Heiligtum des einig-oinzigen Gottes sei. Die Stistshütte war also vom Standpunkt der Opposition eine Notwendigkeit. Voltaire hat bekanntlich gesagt: „Si Dieu n’existait pas, il faudrait l’inventer“. Mit demselben Rechte darf man behaupten: wenn die Kapitel von der Stistshütte in der Thora an ihrer jetzigen Stelle fehlten, mützte man sie vermissen. *) S. meine Schrift: Das Judentum in feinen G nndFgen. S. 50 ff.