Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 22 (30.5.1913)
- Date
- 1913-05-30
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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**•22 Dr. Blochs nur schwer den kleinen Druck lesen konnte. In den Nächten floh ihn der Schlaf und er blickte verzweifelt in die undurchdringliche 'Finsternis. während er durch den offenen Kamm das Heulen des Sturmes hören konnte. In solch einer schlaflosen Nacht war es. daß Schreiner auf den Gedanken kanh die weiche Erdmasse aus seinem Keller bezüglich ihrer Verwendbarkeit als Brennmaterial zu prüfen. Er riß einige Fäden aus seiner Barchentweste, rollte sie zusammen und knetete in den so erhaltenen Docht eine Kugel aus dem Schlamm. Die Baumwollfäden saugten die Fettigkeit ein. und als er sie am Abend anzü,ndets. erhellte eine tote Flamme die Stube. So sah die erste Lampe aus, die der Vater des Petroleums. Abraham Schreiner, in den ersten Wintertagen des Jahres achlzehnhundertdreiundfünfzig hergestellt Hatte. Erst zwei Jahre später glückte es einem Amerikaner, das Erdöl zu Brennzwecken zu verwenden, zu einer Zeit also, da die Erfindung /Schreiners in einem großen Teile Oesterreichs bereits bekannt gewordenwar. Als Schreiner das rote Licht emporflackern sah, schrie er kaut aus. vor Freude und tanzte wie besessen um. den Tisch. Dann schleppte er einen Folianten herbei, und als er sich überzeugt hatte, daß er bei der neuen Beleuchtung sehr gut sehen könnte, war er auf seihest Einsall recht stolz. Er setzte sich hin. blickte unverwandt in die Flamme und eine stille Freude erfüllte^ Mn. . Doch ahnte er in jenen Dämmerungstagen, da ihm seine,, Entdeckung soviel Genuß verschaffte, nicht, welchen DiWf/er her Menschheit erwiesen hatte;, er sah es schon/ als ein Glück an. daß er von nun an das Geld süv Beleuchtung ersparen werde und daß ihm in seiner Einsamkeit die Belehrung und Erbauung aus den heiligen Büchern nicht fehlen werde. In den folgenden Tagen befaßte sich aber Schreiner mehr mit seiner „Lampe" als mit dem Talmud. Vor allem beschäftigte ihn der Gedanke, wie er das Fett, das im Schlamm enthalten war und das eigentliche Leuchtmaterial bildete, absondern könnte. In der Pasternikschen Brennerei hatte er oft beobachtet. wie man aus der Kartoffelmaische Spiritus destillierte, und er beschloß, mit dem Schlamm einen ähnlichen Versuch zu machen. In der Küche entdeckte Schreiner einen alten eisernen Tops, der ihm für seine Zwecke geeignet schien. Ing Vorhause hatte er einen Haufen Kleinholz liegen und bald war im Herd ein großes Feuer angemacht. Nun füllte er den Topf bis an den Rand mit Schlamm, deckte ihn zu und stellte ihn auf den heißen Herd. Er dachte nämlich, daß sich das Oel auf der Oberfläche ansammeln und die festen Bestandteile zu Boden sinken -werden. ^SÄ" sah der erste Apparat zum Raffinieren des Petroleums aus! Schreiner stand am Feuerloch und ließ kein Auge vom Gesäß. Das Feuer beleuchtete ein Stück des Fußbodens, sonst aber War es dunkel in der Stube. Wie lange, es dauerte, bis die Masse zu sieden begann! Von Zeit zu Zeit legte Schreiner eine Handvoll .Holzscheite nach, bis die Herdplatte glühendrot wurde. Dem Topfe entstieg bald ein dichter Qualm und ein scharfer Geruch erfüllte die Stube. Der Deckel tanzte und siedende Tropfen fielen auf die Platts. Schreiner stand vorgebeugt und wartete, doch, als. der Deckel immer toller herumzuspringen begann, ent-, fernte er ihn ganz. / Wochenschrift. 406 In diesem Augenblick ertönte ein furchtbarer Krach. Der Topf ging in 'tausend Stücke. eine Flamme schlug empor, und die siedende Masse ergoß, sich über den Körper Schreiners, der, über und über mit Wunden bedeckt, bewußtlos zu Boden sank..... Das war ein schlimmer Winter für Abraham Schreiner gewesen. Viele Wochen lag er, mit Brandwunden bedeckt, unter gräßlichen Schmerzen, auf der schmalen Bettbank und wußte nichts von der Außenwelt. Das neue Licht, das er entdeckt hatte, hatte, ihn während dieser ganzen Zeit in.feinen Fieberträumen verfolgt. . Es war ihm, als wenn die Sonne jetzt blutig rot die Welt beschiene. Aus sein Geheiß begann der Feuerball am Himmel zu leuchten, denn er war der Herr des Lichts. . Und draußen war eine Kälte, daß man sich kaum auf die Gaffe getraute. Dieser Winter schien sich in das Gedächtnis der Leute einprägen zu wollen, denn nun zählte man schon achtzehnhundertvierundfünfzig und der Februar ging zu Ende, aber der Frost wollte noch immer nicht Nachlassen, und der Schnee fiel in solchem Maßen, daß das Tageslicht durch die verwehten Fenster nicht in die Stube dringen konnte. ' Stefan und sein Weib bemühten sich um den.Kranken, und kein Wetter hielt sie zurück, einige Male des Tages in seine Hütte zu kommen, um ihm einen neuen Verband anzülegen und seine Nahrung zu bereiten. Dreimal war auf. Veranlassung des Gutspächters der Wundarzt aus Drohobycz bei Schreiner gewesen, aber jetzt konnte der Schlitten die Wege nicht passieren, und so war der Kranke nur auf. die Hilfe des Bauernpaares angewiesen. In den ersten Apriltagen begann endlich der Schnee zu. schmelzen. Tagelang regnete es ununterbrochen, der Fluß trat aus seinen Ufern und Dorf und Feld standen unter Wasser. Als die Regengüße allmählich nachließen. heiterte sich der« Himmel auf, man sah ein Stück leuchtendes Himmelblau. Der Südwind machte die Luft lau und mild. Die Menschen verließen die dumpfen Behausungen, darin sie die lange Nacht des Winters verträumt hatten, und begannen an den Häusern und auf den Feldern die Wetterschäden auszubessern. Bald kamen die Schwalben geflogen und schwirrten um die Wipfel der grünenden Bäume. Tausend Keime brachen auf; das Leben sproßte und gebar und m der Lust lag etwas. das an die kommende schöne Jahreszeit erinnerte. Nun konnte auch Abraham Schreiner das Bett verlaßen. Er saß vor der Tür und blickte in den jungen Sonnenschein hinaus. Aus dem Dunkel einer endlosen Nacht flammte in seiner Erinnerung das rote Licht auf, das damals zum ersten Male geleuchtet hatte, und-die Erscheinung ließ in ihm ein nie geahntes Kraftgefühl sich regen. Den Juden konnte man jetzt oft in der Brennerei sehen. Er ließ , sich von den Arbeitern das Destillieren, des Spiritus erklären, und eines Tages trat er vor Herrn Pasternik hin und bat ihn um die Erlaubnis, einen Destillationsapparat auf kurze Zeit nach Hause nehmen zu dürfen. Schreiner schüttete den mit Fettigkeit vermischten Schlamm in den Apparat und hielt sich genau nach den Anordnungen, die man ihm in der Brennerei gegeben hatte. Wie schlug sein Herz, als er nach dem durchgeführten Destillationsprozeß zum ersten Mäle eine leicht bewegliche, gelbliche Flüssigkeit gewann!