Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 21 (23.5.1913)
- Date
- 1913-05-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Serie 382 Dr. BLochs Wochenschrift. -tr. 21 tum treu geblieben und er, der Offizier, ist öffentlich, für das orthodoxe Judentum eingetreten. Herr Lipmann hob hervor, wie man in Frankreich den heiligen Sabbat mit 'Füßen tritt, wie verwaist die Synagogen aussehen, wie er selbst in Versailles — bei 60 Familien — mit Beamten zusammen höchstens nur 14 Personen in der Synagoge findet, wie in Orleans. Bordeaux usw. kein jüdisches Geschäft am Sabbat geschlossen ist, wie überall die Speisegesetze übertreten werden, wie erschreckend die Unsumme der Taufen und Mischehen wirkt, wie empörend das kecke Auftreten der gesetzeslosen Liberalen und Assimilanten. wie verletzend das einseitige jüdische Selbstbewußtsein thorasremder Nationalisten ist. Wenn man von einer jüdischen Rasse sprechen wolle, so könne man von einer solchen nur als Produkt des thoratreuen Judentums reden. Dann kam Herr Lipmann auf die Reform in Deutschland zu sprechen und meinte schließlich^ daß Deutschland vermöge seiner geographischen Lage als Mittelpunkt der „Agudas Jisroel" auserkoren wurde. Redner fordert, wie das „Jüd. Blatt" hervorhebt, erst kraftvolle Tat, dann theoretische Erörterung. Nicht die Theorie, sondern die Praxis ist die Hauptsache, schließt er mit einem Appell an sein«; Zuhörer zur großzügigen 'Förderung des Thorastudiums und der jüdischen Erziehung überhaupt, sowie; eine von echtem jüdischen Geiste erfüllte Presse zu fördern. Nichtendemovllender Beifall setzte ein, man bestürmte das Podium, dem tapferen Manne die Hand zu drücken, und hundertfach erschollen in dem großen Saale die Rufe: „vive le Commandant Lipmann!“ Das Schweizer „Jsr. Wochenbl." berichtet darüber: „Es sprach sodann Herr Kommandant A. Lipmann aus Versailles über Z'^ndatß Jisroel en france“. Er betonte die Notwendigkeit des Zusammenschlusses zu einem Weltbünde aller derer, die es mit der jüdischen Religion aufrichtig meinen, und geißelte in seinem, oftmals mit stürmischem Applaus unterbrochenen Vortrag u. a. den Abfall vom Judentum in Frankreich. Herr Simon Altmann, als Präsident der bereits ca. 250 Mitglieder zählenden Ortsgruppe der Agudas Jisroel, leitete die Versammlung.. Er forderte die Anwesenden auf, der Vereinigung beizutreten und dankte dem zahlreich erschienenen Publikum für sein Ausharren bei dem bis 12 Uhr dauernden, höchst interessanten Vortragsabend. Der überaus große Verkauf der wohlgefälligen Agudah-Marken, ebenso die zahlreichen Neuanmeldungen als Mitglieder zeigten, daß es auch noch! in Paris Jehudim gibt, die Interesse am wahren Judentum haben. Strafe für das rituelle Schlachten. Wir haben bereits berichtet, daß in Halifax gegen den dortigen Schächter Abraham Levit die Gesellschaft für Tierschutz einen Prozeß angestrebt hat, um einq prinzipielle Entscheidung darüber zu provozieren, ob das Schächten vom Gesichtspunkte des Tierschutzes nicht strafbar ist. Das Gericht von Halifax ging darauf ein und verurteilte nach Anhörung der beiderseitigen Vertreter den Schächter Levit zu einer Geldstrafe von 6 Dollar und zur Tragung sämtlicher Gerichtskosten. Dieses Urteil hat begreiflicherweise unter den Juden von Halifax einen unangenehmen Eindruck hervorgerufen, und. da den gesetzestreuen Juden von Halifax auch die Möglichkeit. rituell geschlachtetes Fleisch von auswärts zü beschaffen, fehlt, haben sich mehrere jüdische Familien entschlossen, aus der Stadt auszuwandern. Man erwarte!.' ein Eingreifen der Regierung gegen d^se systematische Verfolgung der jüdischen Schlachtmethoden. Dlvr Rücktritt eines Kantonisten. Nach Lemberg kam dieser Tage ein.gewisser Peter Nikolajewitsch, ein alter Mann von weit über 70 Jahren, der sich an die dortigen Behörden sowie an das Rabbinat mit der Bitte wandte, zum Judentum übertreten zu dürfen. Nikolajewitsch ist einer von den wenig noch, lebenden Kantonisten, die bekaMtlich seinerzeit als Knaben gewaltsam ihren Ellern entführt und zum Militär gebracht wurden. Diese russischen Kantonisten wurden gleich nach. ihrer Entführung aus dem jüdischem Elternhause nach russisch-orthodoxem Ritus getauft und mußten bis ins späte Mannesalter beim Militär dienen. NikolajewiW, behauptet nun, daß er in. seiner russischen Heimat mit Berufung auf das kaiserliche Manifest vom Jahre 1905, das die Religionsfreiheit in Rußland sicherstellte, zum Judentum zurückkehren wollte, doch. sei chm dies seitens der russischen Behörden verwehrt worden. Da er nun wenigstens seinen Lebensabend wieder als Jude verbringen und auch, als Jude sterben möchte, so entschloß er sich., nach. Lemberg zu übersiedeln, um dort sein Ziel zu erreichen. Es scheint jedoch^ daß. ihm auch! hier Schwierigkeiten gemacht werden, da seine Papiere nicht vollständig in Ordnung sind. AAsrHchmmg in Italien. Der König von Italien hat motu proprio dem Major Attllio Ottolenghi aus Piacenza für seine besonderen Verdienste, die er sich während des tripolitanischen Krieges erworben hat, zum Kavalier des St. Mauritius- und St. Lazarus-Ordens ernannt. Hierbei sei auch erwähnt, daß. Major Ottolenghi gleichzeitig! für sein Werk über die Aktion der Artillerie her dem' Angriff auf eine moderne Festung den ersten Preis und zwar die goldene Medaille und den Geldpreis öon 500 Lire zuerkannt erhielt. Synagogenbrand in Jassy. Aus Jassy wird uns berichtet: In der Nacht vom 1. -auf den 2. Mai brach in - der Strada Procopie in Jassy im Hofe der Delikatessenhandlung Katz ein Feuer aus, dias sehr rasch auf' die benachbarten Häuser Übergriff. Die zahlreichen Mieter dieser Häuser hatten nicht mchr Zeit, ihre Habseligkeilen zu retten, so, daß! ein großer Teil ihrer Hohe vbn den Flammen vernichtet wurde. Auch die in derselben Straße sich befindl'che Synagoge sowie die Wohnung des Rabbiners Berger samt allen heiligen Gegenständen und der reichen jüdischen Bibliothek wurden ein Raub der Flammen. Juden in Kurplätzen und Sommerfrischen. Die Frage des Aufenthaltsrechtes der Juden in russischen Kurplätzen und Sommerfrischen gehört zu den traurigsten und abstoßendsten Kapiteln russischer Rechtswillkür. Eine Normfür diese jetzt wieder aktuell gewordene Frage gibt es nicht, und es bleibt den Behörden freigestellt, jedes Jahr für jeden Kurort und jede Sommerfrische neue Verfügungen zu treffen. Das Leitmotiv bei der Beurteilung dieser. Fragle ist, wie;uns aus Petersburg geschrieben wird, niemals das bestehende Gesetz und noch weniger die Rücksicht auf' die Heilungsbedürftigkeil der kranken Juden, sondern einzig und allein der Umstand, ob der betreffende Kurort oder die Sommerfrische aus die Zulassung jüdischer Kurgäste angewiesen ist oder nicht. Nur von diesem Gesichtspunkte aus entscheidet die kompetente Behörde darüber, ob die Juden -in die betreffenden Kurplätze und Badeorte zugelassen werden sollen oder nicht. So wurden auch in diesem Jahre - schon mehrere Kurplätze als den Juden unzugänglich erklärt, während andere, erst aufstrebend e Kurplätze den Juden freigegeben wurden, jedoch mit der beschämenden Einschränkung, daß sie bei ihrer Ankunft von der AerztekomMission des betreffenden Kurortes untersucht und für kurbedürftig erklärt werden und daß sie daselbst gar keinem Erwerbe nachgehen. YfgftyrgHftfa