Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 21 (23.5.1913)
- Date
- 1913-05-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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©eut 374 Wochenschrift. Str. 21 den die dortigen Mitarbeiter gern wichtig und erregen Aufmerksamkeit und Beachtung für sich^ wenn sie die Situation verwickeln. Aber es war Sache der Zeitungen, ob sie die Kriegshetze mitmachen wölken oder ob sie bremsen, ob sie Kritik übten oder sich dem Diktat ihrer Auftraggeber unterwarfen. Einige Zeitungen taten das eine, andere das andere, und man konnte manche Wirkungen des reichen Dispositionsfonds sehen, welcher amtlichen Stellen zur Verfügung steht. Es herrscht nun kein Zweifel darüber, daß die ersten Rufer im Streite die antisemitischen Blätter gewesen sind, das „Deutsche Volksblatt" und an der Spitze die „Reichspost". Mit allen Mitteln wollten diese den Staat aus den nichtigste Gründen in einen verhängnisvollen Krieg verwickeln und die „Reichspost" versucht es heute noch. Sie läßt sich fortwährend Beleidigungen der Oesterreicher und Zwistigkeiten aus Albanien telegraphieren, die niemals vorgekommen sind. Die „Reichspost" hat Kriegsartikel in Massen gebracht, Tendenznachrichten in Fülle, sie hat nichts unversucht gelassen, um das amtliche Vertrauen zu verdienen. Jetzt deckt sie noch die Schuldigen, welche von allen Seiten erbittert angegriffen werden, weil sie den Staat in Unglück und schwere Kosten stürzten. Gut! Aber sich selbst kann sie nicht decken. Man denke doch daran, was aus der Hetze der „Reichspost" hätte entstehen können, und vergesse nicht an diesen größten Herd der Korruption, wenn man an die Schaffung einer gesunden Ordnung geht. Der neue Statthalter von Galizien. Der Wirkungskreis eines Statthälters ist in einem jeden österreichischen Kronlande ein sehr ausgedehnter und sein Amt die höchste Instanz für alle politischen: und administrativen Agenden des Landes. Entscheidungen, die seine Unterschrift tragen, werden sehr selten von seiner Vorgesetzten Behörde, das Ministerium des Innern, annulliert. Der Einfluß: und die gesetzgebende Kraft des Statthglters erstrecken sich: auf das ganze Kronland und die vrialsten Interessen des Staatsbürgers sind von seinem Machtspruche abhängig. Wohl ist der Landtag das Forum, das ihn für gewisse Dinge zur Verantwortung ziehen kann, "in rein administrativen Fragen hingegen handelt er ganz unabhängig und ist dafür nur dem Minister des Innern gegenüber verantwortlich-. Für die jüdische Bevölkerung Galiziens, die ein Zehntel der Gefamtbevölkerung des Landes bildet und deren ökonomische Existenz sich fast ausschließlich auf Handel und Gewerbe beschränkt, spielt der Chef der administrativen politischen Behörde des Landes die wich-- tigste Rolle. Von seiner Stellungnahme zur Judenschast ist ihr Wohl und Wehe vielfach abhängig. Von diesem Standpunkte behandelt, wollen wir hier die Person des neuen Statthalters von Galizien, dem gewesenen Finanzminister R. v. Korytowski, betrachten. Es ist merkwürdig, daß, trotzdem Herr v. Korytowski eigentlich gar nicht ein Kind Galiziens ist, denn er ist in Preußisch-- Schlesien geboren und absolvierte seine Studien in Wien, wo er auch seine Beamtenlaufbahn im 'Finanzministerium begann, er doch zu den populärsten Männern des öffentlichen Lebens Galiziens zählt. Er ist einer der ehrlichsten Politiker des Landes: gleiche freundlich und entgegenkommend für jeden Bürger, er empfangt jeden Besucher mit gleicher Freundlichkeit, nimmt jede Beschwerde entgegen und prüft alles. Er beherrscht die jüdische Vollssprache mit seltener Vollkommenheit und er hat sich mit Erfolg bemüht, die jüdische Volkspsyche zu verstehen. Er ist als frommer Katholik gewißkein Freidenker, wohl aber ein Rechtdenker, als solchen schätzen ihn die Juden mit allem Fug, und anderseits dürfte es wohl wenige Nichtjuden im Reiche geben, die die Juden so genau kennen wie er. Unter den Polen! und in anderen österreichischen Nationen gibt es zwar Männer genug, denen Sitten und Gebräuche der Juden nicht ganz fremd find, sie benützen aber diese Kenntnis, um den Juden' 'in seinem Werte herabzusetzen. Herr v. Korytowski hingegen hat sich den jüdischen Scharfsinn zu -eigen gemacht und gar manche seiner Handlungen als Minister oder Parlamentarier bewiesen das. Sein mit Vorliebe angewendeter jüdischer Witz stammt nicht aus der Budapester Orpheum-Gesellschaft und hat auch: nicht Herrn Eisenbach zum geistigen Vater, er ist dem jüdischen Leben entnommen. In seiner Wirksamkeit als Vizepräsident der galizischen Finanzlandesdirektion können wir ihm nicht einer feindseligen Haltung den Juden gegenüber beschuldigen, obwohl diese, besonders in Galizien, für ihn nicht mit viel Uebeöwindung von Hindernissen gut möglich wäre. Wenn er dieses Amt streng korrekt ausübte, so hat er damit 'nicht die Juden zu treffen beabsichtigt, vielmehr waren es die adeligen Herren des 'damaligen Polenklubs, die mit seiner Amtswirksamkeit unzufrieden w!aren. Auch während seiner zweimaligen Tätigkeit als Finanzminister hätten die Juden als solche keine Ursache, über ihn Klage zu führen. Wir glauben nicht, daßer jetzt in seiner neuen Würde seine ^Aeberzeugung, soweit sie die Juden betrifft, ändern wird: aufmerksam wollen wir ihn aber machen, daß in - den letzten Jahren, wie bei allen Völkern, auch bei den Juden Galiziens, das Bestreben nach politischer und kultureller Entwicklung ziemlich! lebhaft wurde und sie mit Recht vom Staate verlangen!, als vollwertige Glieder desselben behandelt zu werden. In diesem ihren Bestreben sie nicht gewaltsam, zu hindern und dadurch nicht die Zahl der Unzufriedenen im Lande zu vermehren, wäre keine unpgtriotische Tat des neuen Statthalters von Galizien. I. Grobtuch.. vom Jahrmarkt des Lebens. Die ferWiretteirde De-irwralksatcoir und Barbarei. Der österreichische Zweig des Deutschtums hat sich nie durch besondere Kulturleistungen allsgezeichnet. Selbst jene Männer der Wissenschaft, die den Ruhm der Wiener Universität begründet haben und, weif sie in ihrem Fache schöpferisch gewirkt, als wirklich Große galten, waren ssavischer und semitischer Abstammung oder aus dem Reiche eingewandert. Der Antisemitismus hat das Kulturniveau des österreichischen Deutschtums immer tiefer herabgedrückt und eine wahrhaft beschämende Barbarei zur Herrschaft gebracht. Die akademische Jugend in Oesterreichs soweit sie deutscher Rasse angehört, zeigt eine Verwilderung und eine Roheit, die jeden Menschenfreund mit Bangen und Besorgnis erfüllen. Es ist so weit gekommen, daß ein Wiener Blatt ausrufen muß: Also wenn man eine nicht ganz arische Nase hat, darf man nicht mehr an der Universität Vorbeigehen. Die deutsche Studentenehre duldet es nicht; sie rast mit erhobenen Stöcken von der Universitätsrampe herunter und verschwindet nur gegen freundliche Vorzeigung eines Revolvers. Also: Passanten der Ringstraße, steckt Schußwaffen zu euch! Denn vor dem Liebenberg-Denkmal wacht die deutsche Studentenehre, verbrennt Hüte und Krawatten, die anderen gehören, prügelt, wenn, ihre Verfechter in der Mehrzahl sind, die Vorkämpfer anderer Studentenehren und singt dabei mit dem Rücken gegen die in der Aula aufgehängten Verfügungen des Rektorats die „Wacht am Rhein". Die deutsche Studentenehre hat in der letzten Zeit so viel geleistet, nach der bekannten Manier der Rollbalkenmusik so viel Lärm gemacht, daß man gezwungen ist, sich mit ihr zu beschäftigen. Sie hat in Graz Damen ins Gesicht geschlagen und fix mit Jauche begossen, sie hat in Wien die jüdischen Studenten aus der Universität hinausgeschmissen und gestern abends eine Versammlung gesprengt, die ehrliche