Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 20 (16.5.1913)
- Date
- 1913-05-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 20 Dr. Vkochs Wochenschrift Seite 3ö5 Die Entwicklung und Kleidende Bedeutung dee fndischen R^i-lou. Vortrag, gehalten im Verein zur Abwehr des Antisemitismus in Wien am 12. April a. c. von Immanuel Heyn, Pfarrer an der Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche zu Berlin, Mitglied des deutschen Reichstages. (Schluß.) Frühe ergeht Gottes Ruf an den Ieremia, er zögert, aber er muß folgen, Jahwe ist sein ein und alles. Sein Verhältnis zu Gottist in einer Weife persönlich gefärbt, wie bei keinem der alttestamentlichen Propheten. Immer wieder muß er sich Kraft und Freudigkeit zu seinem schweren Berus im Gebet holen, immer wieder einmal muß er sich, wenn er in der Verzagtheit den Tag seiner Geburt verwünscht oder schweren Fluch gegen seine Feinde geschleudert hat, von Gott zurechtweisen lassen: Wenn du wieder mein wirst, so darfst du wieder mein Diener sein, und wenn du dein besseres Selbst befreist von dem Gemeinen, so sollst du wieder mein Mund sein! Mer gerade dieses menschliche Ringen und Arbeiten und Sichzurechtweisenlassen bringt ihn uns menschlich nahe, gerade die Leiden bewirken in ihm eine Verklärung und Vertiefung der Frömmigkeit, eine Hebung auch seines prophetischen Berufes, wie sie bis dahin unerhört war. Er ringt mit Gott um die Seele seines Volkes, er trügt seine Sünde erbarmend aus seinem Herzen, er macht Ernst mit dem Idealismus und - dem Universalismus der Religion. Noch schärfer als der 1. Jesaia und Hosea verwirft er allen bloß äußerlichen Kultus, den Schriftgelehrten sagt er ins Gesicht: Wie könnt ihr nur sagen: Wir sind gottesgelahrt, wir besitzen ja das Wort Gottes! Fürwahr, zur Lüge machten es verlogene Schreiber . . Siehe, das (lebendige) .Wort Gottes verachten sie. Wo bleibt da ihre Eottesgelahrtheit? Ja, Ieremia scheut sich nicht, die tausendfältigen zeremoniellen Gesetzesvorschriften im 5. Mosebuch als Menschensatzungen zu bezeichnen, die dem Willen Gottes nicht entsprächen, und im scharfen Gegensatz zum 1. Jesaia betont er: seinen Tempel in Jerusalem wird Gott selbst zerstören, und in der schließlichen Endzeit wird er nicht wieder aufgebaut werden, nein, einen neuen Bund wird Gott mit seinem Volke machen, er wird sein Gesetz in chr Herz und in ihren Sinn schreiben, dann wird keiner mehr nötig haben, seinen Bruder zu lehren: erkenne den Herrn, denn Gott selbst wird chnen diesen Heilandsdienst erweisen. Und dieser wahrhaftige Eottessegen wird zuletzt allen Menschen zuteil werden. Denn wie der Zugvogel die Zeit seines Manderns von selbst einhält und das Ziel seiner Wanderung nie verfehlt, so ist dem Menschen der Zug zu Gott angeboren, er braucht ihm nur zu folgen. Und so werden einst zu Gott die Völker von den Enden der Erde kommen und von dem bekehrten Israel lernen, in Demut und Vertrauen vor dem Ewigen anzubeten. In dieser Predigt des Ieremia und in der tiefen Weisheit des zweiten Jesaia, daß die wahren Knechte Gottes ihren Brüdern und ihrem Volk die Zukunft retten können, wenn sie ihre Sünde mitleidend aus ihr Herz nehmen und sich für die Unheiligen heiligen und opfern — in diesen beiden, soll ich nun sagen: göttlichen Gaben oder soll ich sagen: prophetischen Leistungen? Sie sind beides! — haben Sie die edelste Blüte, die höchste Vollendung der alttestamentlichen Religion. Rach dem Jeremias und dem 2. Jesaia konnte nur noch einer kommen, der größer war, und als dieser eine kam, mußte er anknüpfen an die tiefsten Gedanken der Propheten seines Volkes, die vor ihm gewesen waren, übernehmen auch die Hoffnung des ewigen Lebens, die nach der Zeit her Propheten Gemeingut des israelitischen Denkens geworden war. Ich habe versucht, den Entwicklungsgang der jüdischen Religion an dem Lebenswerk der Propheten nachzuweisen, und komme nun zu der weitere» Frage nach der bleibenden Bedeutung d eser Religion. In der Tat, es sind hohe religiöse und sittliche Werte, die die Menschheit, die auch das Christentum dem Judentum verdankt. Alan müßte ja blind sein oder nicht Bescheid wissen, wenn man das leugnen wollte. Daß ich zusammenfasse: die Welt verdankt dem Judentum nichts Geringeres als: 1. den Monotheismus, den Glauben an den einen, allmächtigen, gerechten und gütigen Vater und Herrn der Welt; 2. die Loslösung der Religion vom Schein und Zwang und ihre Erfassung als freie Hingabe der Menschenseele an die Gottheit; ' , ,;!:: 3. den Messiasgedanken; 4. die Hoffnung ewigen Lebens; 5. eine Sittenlehre, die Ernst macht mit dem Gebot der Pflicht: Du sollst und du sollst nicht! und die dennoch die freie Persönlichkeit des Menschen immer mehr schätzt und ihr zu ihrem Rechte verhelfen will und die zuletzt um alle, die .Menschenantlitz tragen, das Band der Liebe und des Friedens geschlungen wissen möchte. Und ich bekenne frei heraus: hätte die Christenheit dies Erbe sich allezeit rein und unversehrt erhalten, sie hätte sich manchen Irrweg und manchen bösen Zank und Streit ersparen können. Rach zwei Richtungen will ich das kurz ausführen. Sie wissen, wie die alte christliche Kirche sich wirklich Kops und Herz zermürbt hat mit dem Gedanken der Trinität. Wenn du selig werden willst, heißt es in dem einen Bekenntnis, mußt du vor allem den rechten christlichen Glauben haben, nämlich, daß man die Gottheit in drei „Personen" auseinanderdenkt und diese drei dann doch wieder in eins zusammenzuschließen vermag. Wer diesen echten wahren katholischen Glauben nicht unversehrt bewahrt, der soll ewiglich nicht selig werden können. Nun mag es manchen Theologen heute noch reizen, dies Dogma mit der Vernunft zu vereinbaren. Das israelitische Empfinden aber wird für diese Plage, die die alten christlichen Theologen sich gemacht, kein Verständnis haben. Da steht ja mit granitener Schrift geschrieben: Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst nicht andere Götter haben neben mir! Das wird sich die christliche Gemeinde immer wieder sagen lassen müssen: Ihr mögt den Christus so hoch stellen, wie ihr wollt — er verdient es — ihr mögt ihn ehren und lieben, ihr sollt es — aber ihr sollt ihn nicht neben den ewigen Vater stellen: denn einer ist Gott, der alte Jahwe! Ein zweites: In manchen alten jüdischen Synagogen hat das Messiasbild gelebt, das die christliche Gemeinde annahm: das Bild des leidenden und durch das Leiden und Sterben vollendeten Menschen, der durch die Opfertreue bis in den Tod sich Anrecht erwirbt auf jedes empfindsame Herz. Mer die .christliche Theologie ist zum Teil wieder ihren besonderen Weg gegangen und hat sich den Kopf zerbrochen, wie der Konflikt zu lösen sei zwischen der Gerechtigkeit des heiligen Gottes, der für die Sünden Sühne haben müsse, und seiner Liebe, die ihn zu den Sündern hinzog. Und so ist man aus den Gedanken gekommen: für die Gottheit wäre das Blutvergießen des Jesus notwendig geworden, damit sie von der Forderung ihrer Gerechtigkeit ablassen und den Menschen ihre Sünden vergeben könne; Jesus habe sterben müssen, um dem ewigen Gott die Möglichkeit dauernder Liebe und Vergebung zu schaffen und zu erhallen. Dem gegenüber muß, wie der vrotestantisckie Tbevloae H. S di u 1ö ausgemört hat, es dabei bleiben, was, wie Jesus, so auch die alten israelitischen Propheten ihrem Volke verkündigt haben: Gott vergibt seinen Kindern, die sich mit ihm zu heiligem Bunde vereinen und demütig sind vor ihm, ihre Sünde ohne Rechtsbedenken und Rechtssühne, ohne Opfer und Gaben, aus freier väterlicher Güte und Barmherzigkeit. Er fordert nicht Gaben und Sühnungen. Er fordert ein demütiges Herz und ein reumütiges Bekenntnis und gläubige Zuversicht. Nur daran hängt seine Gnade, daß eine wahre Gemeinschaft des Glaubens und der Liebe zwischen ihm und seinem Volke begründet wird und bestehen bleibt. Ja, noch mehr: der Ewige selber ist es, der diese Gemeinschaft schaffen will, um seiner Liebe und seiner ewigen Friedensgedanken willen. Er selbst will schenken und opfern, was dazu nötig ist. Aber er will sich nichts abnötigen lassen oder seine Liebe nicht wecken lassen durch Menschenwerke oder Kaufpreis. In diesen beiden Richtungen kann gerade das Alte Testament dazu helfen, auch der Christenheit den Weg zum rechten Verständnis des echten Christentums zu zeigen. Und wenn nun so starke religiöse und sittliche Verbindungslinien die alte jüdische und die junge christliche Gemeinde verbinden, dann empfinde ich den ganzen falschen Antisemitismus, um mit dem Worte des großen Dulders auf dem Kaiserthrone zu sprechen, als eine Schmach. Nicht bloß für das neunzehnte, nein auch für das zwanzigste Jahrhundert. Es hat ja jeder Volkstypus seine Vorzüge und seine Schattenseiten. Aber der Antisemitismus, der den Juden als Juden Verachtet, der dem jüdischen Volke das Recht vorenthalten will, das ihm staatsgesetzmäßig zugesichert ist, der ihm den Zutritt zu allen möglichen Berufen und Aemtern versperrt, der wider Recht und Geschichte dem Judentum den Gedanken des Ritualmordes zutraut und sich dabei noch ein besonderes christliches Mäntelchen umtut, um damit zu prunken — der ist die Schmach, von der ich gesprochen habe. Aber überlassen Sie den Antisemitismus schließlich sich selbst. Wir, die wir heute hier zu ernsten Erwägungen versammelt sind, wollen uns lieber wieder auf die Höhe reinerer Gedanken und Empfindungen hinüberretten. Ich denke, ich darf die jüdische und die christliche Gemeinde in allem Ernst einmal anreden und bitten: Mögen sie beide eins bleiben und werden in der Ehrfurcht vor der ewigen Macht, die in der Welt waltet und ihre Gedanken durchsetzen will. Mögen wir uns einigen auch im Vertrauen, daß das Walten »dieser ewigen Macht sittliche Ziele und Zwecke verfolgt: Gott nimmt in der Not des Lebens den Menschen in seine Erziehung und in seine Hut, und er hämmert an ihm, daß von dem lauteren Gold die Schlacken abfallen. Seien wir einig in leiser Hoffnung eines besseren Lebens, das einst feine Pforten vor uns auftut.