Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 20 (16.5.1913)
- Date
- 1913-05-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 354 Dr. Vlochs Wochenschrift. 20 auch nichts anderes von einem deutschen Nationalverband zu verlangen, welcher gleich bei seiner Konstituierung die Juden ausgeschlossen hat. Es wäre auch, lächerlich, Gesinnung zu verlangen, wenn man doch mit den mächtigen Christlich-Sozialen die schönsten Geschäfte machen kann und sich gegenseitig die Mandate garantieren kann. Programme sind gut sür die Wähler, aber man muß ja nicht in jeder Versammlung das gleiche Programm vortragen. Das einemal ist man deutschfreiheitlich, das nächstemal klerikal und beidemal antisemitisch, weil die Juden keine Gesinnung haben, sondern Korruption. Mit Worten macht man Geschäfte, nicht wahr? Das ist die Hauptsache. Die vielen jüdischen Anhänger der (unverfälschten) deutschen Sache in den Sudetenländern werden aber wohl wissen, was sie von dem neuen edeln Brüderpaare zu halten haben. Zur Auflösung des galizische« Haudlages. Während diese Zeilen die Druckpresse verlassen werden, wird wahrscheinlich schon das kaiserliche Patent, mittelst welchem der galizische Landtag aufgelöst wird, kundgemacht worden sein. Die Ursachen, die zu einer vorzeitigen Auflösung dieses Landtages führten, sind auch jenem Teil des Publikums, das außerhalb des Landes Galizien wohnt, ziemlich bekannt; die Geschehnisse wurden ja in den Wiener Tagesblättern schon mit Rücksicht auf die gewichtige Stellung, die die Delegation dieses Landes im Reichsparlamente einnimmt, vielfach erörtert. In diesem Blatte ist es unsere Aufgabe, uns mit dem galizischen Landtage vom Standpunkte der in Galizien lebenden Juden zu befassen. Trotz des großen politischen Verständnisses, das wir Juden besitzen, haben wir noch immer nicht die eigentliche Bedeutung der Landesautonomien erfaßt, wir betrachten sie noch immer als eine minder wichtige Institution im konstitutionellen Leben unseres Staates. Unser Interesse wendet sich hauptsächlich dem Reichsparlamente zu, in der Meinung, daß von ihm allein unsere kulturelle, wirtschaftliche und politische Entwicklung abhängig ist. In Wirklichkeit aber sind die Agenden eines Landtages nicht nur auf Verbesserung der Verkehrswege im Lande beschränkt, sondern sein Einfluß, auch seine gesetzgebende Kraft erstreckt sich auf das ganze öffentliche Leben seines Landes. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, hat der galizische Landtag für die galizischen Juden die höchste Bedeutung und wir dürfen den Vorwurf, den wir der galizischen Judenschaft machen, daß sie sich zu den Vorgängen in der Laudesstube indifferent verhält, nicht unterdrücken. Die Politischen Verhältnisse der Juden in Galizien sind nicht so rosig, daß es genügen würde, wenn die dortige Judenfchaft mit Vehemenz aufträte, um dann sofort jene Stelle in der Landesstube zu erreichen, die ihr kraft ihrer Zahl, ihrer Intelligenz und Steuerleistung gebühre. Was wir aber dennoch glauben Ist, daß, wenn es der galizischen Judenschaft nicht an dem nötigen Verständnis für den Landtag mangeln würde, sie in derselben zumindest so vertreten sein könnte wie im Parlamente, dies umsomehr, als sie ja noch in den drei Handels- und Gewerbekammern des Landes über die Majorität verfügt. Von den 161 Mitgliedern des galizischen Landtags zählte der eben aufgelöste im ganzen nur 5 jüdische und dabei entsendeten die Handels- und Gewerbekammern je einen Vertreter. Wir wollen nicht untersuchen, ob die bisherigen 5 jüdischen Mitglieder ihre Pflicht den jüdischen Wählern gegenüber voll und ganz erfüllt haben, denn selbst wenn dies ihr Bestreben wäre, konnten sie es auch nicht recht infolge ihrer so geringen Zahl. Die Juden, die ein Zehntel des Landes bilden und au Steuerkraft wahrscheinlich die Hälfte desselben, hatten 5 Mitglieder, hingegen hatten die Virilisten 3 Erzbischöfe und 5 Bischöfe in der Landesstube. - Zugegeben, daß alles, was in Galizien Macht und Einfluß besitzt, sich den dortigen Juden gegenüber feindselig verhält, durfte es trotzdem nicht so weit kommen, daß die Juden so ihrer staatsbürgerlichen Rechte entkleidet werden. Solange ihnen das Recht zu wählen nicht genommen ist, darf die Wahl ein solches Resultat nicht zeitigen. Das galizische Nachbarland, die Bukowina, dessen jüdische Bevölkerungszahl 13 Prozent zur Gesamtbevölkerung bildet, ist im Bukowinaer Landtag durch 8 Juden vertreten. Wenn wie den bisherigen jüdischen Mandataren im galizischen Landtag wegen ihrer geringen Erfolge für die Interessen der Judenschaft keinen Vorwurf machen wollen, so können wir sie aber nicht von dem Verschulden frei sprechen, daß sie so wenig dafür sorgen, der galizischen Judenschaft das Ver ständnis für den Landtag beizubringen. Im Zeichen der vollständigen Zerfahrenheit in den polnischen Parteien, die die Majorität des galizischen Landtages bilden, wurde der Landtag aufgelöst, in demselben Zeichen werden die Neuwahlen vor sich gehen, die konservative Schlachzizen-Partei, die den Landtag und deshalb auch die jeweiligen Wahlen beherrschte, wird ihre ganze Kraft aufwenden müssen, um sich gegen den Sturm der polnischen Volkspartei und der polnischen Demokraten, denen überdies die Sozialdemokratie Gefolgschaft leistet, teilweise zu schützen. Nach den Erfahrungen, die schon jetzt die Herren Bischöfe mit ihrem Widerstand gegen die Landtagswahlreform machen, scheint es, daß auch ihr Einfluß dort, wo sie ihn am liebsten sehen und wo er ihnen am wirksamsten schien, bei der bäuerlichen Bevölkerung, sehr stark in Mitleidenschaft gezogen ist. Außer den Allpolen mit ihrem Führer, dem Exminister Globinski, haben sie nur noch einen sehr treuen Bundesgenossen, den Präsidenten der Krakauer Akademie der Wissenschaften^ den Grafen Tarnowski. Die Konservativen und die Herren Bischöfe werden deshalb im kommenden Wahlkampf, der unter dem Schlagworte Wahlreform geführt werden dürfte, nicht die nötige Zeit finden, sich mit ihren lieben Juden viel zu befassen. Den Juden hingegen kann es nicht von besonderem Nutzen sein, sich für die eine oder die andere Partei zu sehr zu exponieren. Ihre Aufgabe ist es, bei den bevorstehenden Kämpfen sich zu sammeln und dafür zu sorgen, soviel jüdische Mandatare als nur möglich in die Lemberger Landesstube zu entsenden. Bei der Verwirklichung dieser ihrer Aufgabe wird ihnen diesmal eine polnische Partei nicht so sehr hinderlich sein können, die Ruthenen werden es aus logischen Gründen ebenfalls nicht; wer ihnen am meisten hinderlich sein kann, sind nämlich sie selbst, d. h. die Zerklüftung im eigenen Lager. Vernünftig würden die Zionisten handeln, wenn sie in diesem Wahlkampfe nicht Parteimänner, sondern diejenigen jüdischen Kandidaten unterstützen, die für eine Demokratisierung des Wahlrechtes und für eine entsprechende Zahl von jüdischen Wahlkreisen eintreten. Die Zionisten, die bei den letzten allgemeinen Wahlen fürs Reichsparlament im Lande (nicht ohne Mitschuld der Staatsgewalt) nicht einen einzigen ihrer vielen Kandidaten durchzubringen vermochten, dürfen nicht gerade beim Kurienwahlsystem besondere Wünsche haben. Aber auch die anderen jüdischen Gruppen, denen es noch immer so sehr um die Gunst der Schlachta zu tun ist, mögen sich von ihr emanzipieren und überall mit den demokratischen Elementen des Landes, dabei aber stets ihr eigenes jüdisches Interesse im Auge behaltend, Hand in Hand gehen. I. G r 0 b t u ch.