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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-05-09 · 19 (9.5.1913) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
19 (9.5.1913)
Date
1913-05-09
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Dr. Blochs Wochenschrift Seite 347 Nr. 19 Lemberg. (Fanny Stroh j. A.) Tiefe Trauer ist in unsere Gemeinde eingezogen, ein goldenes Frauenherz hat zu schlagen ausgehört; Fanny Stroh, der jüdischen Frauen edle Zierde, die unermüdliche, vor keinem Hindernis zurückschreckende Helferin in der Not, hat nach langem, schweren Leiden das Zeitliche gesegnet. Wenn je, so können diesmal die vielen wohltätigen Anstalten in Lemberg, die die Verewigte begründet oder betreut hat, die unzähligen Menschen, denen sie durch nahezu ein Vierteijahrhundert all ihr bestes Können gewidmet, in den alljüdischen Klageruf einstimmen: „Ach, sie haben eine gute Frau begraben und mir war sie mehr." — Es ist wahrlich keine Phrase, wenn allgemein behauptet wird, daß durch den Hingang dieser Frau eine Reihe von Institutionen in ihrem Fortbestände gefährdet sind. Wir nennen an erster Stelle die jüdische Volksküche, tr deren Dienst sie an der Seite ihres vor zwei Zähren verstorbenen Gemahls und später allein mit Gefährdung ihrer Gesundheit Großartiges geleistet hat; dann den Frauenverein zur Bekleidung armer jüdischer Schulkinder, den sie gegründet und durch viele Jahre geleitet hat, und endlich den jüdischen Ferienkolo nienverein, dessen verdienstvolle Vizepräsidentin sie gewesen. - - Ein wahrer Kiddusch haschem war jedoch ihre aufopferungsvolle Tätigkeit im jüdischen Wäisenhause, dessen Zöglinge sie nicht nur während ihres Aufenthaltes, sondern noch lange nach Verlassen der Anstalt mit geradezu mütterlicher Fürsorge zu umgeben pflegte. Unvergessen bleibt auch ihre weit über das Gebiet unserer Gemeinde reichende Tätigkeit bei katastrophalen Ereignissen in Israel, so seinerzeit bei der Durchreise der russischen Flüchtlinge, ganz besonders aber ihre tagelange Tätigkeit bei der Beherbergung und Weiterbeförderung der Pogromwaisen. — Ebenso eifrig betätigte sie sich wiederholt bei Hilfsaktionen, so u. a. sehr eifrig nach dem Brande von Zloczow. Sie beschränkte sich in solchen Füllen nicht aus das Sammeln von Geldmitteln, sondern leitete die Hilfsaktion an Ort und Stelle. Daß es keinen einzigen Wohltätigkeitsverein gab, dem ste nicht ihre materielle Beihilfe zuteil werden ließ, daß sie, wenn es sich um Almosen handelte, hinter niemanden zurückzubleiben pflegte, ist stadtbekannt. Fanny S1 sc o h repräsentierte den leider immer seltener werdenden Typus einer modernen, überaus klugen Frau, die aber gleichzeitig mit aller Zähigkeit in den edlen Traditionen der jüdischen Vergangenheit wurzelte. Ihr Haus glich einem Heiligtume, und gerade sie, die Tag und Nacht für andere wirkte, war den Ihrigen die sorgsamste, liebevollste Verwandte, und wer von ihnen Rat und Hilfe benötigte, konnte sich vertrauensvoll an sie wenden. Während sie selbst die Vorschriften des jüdischen Zeremoniells mit peinlicher Gewissenhaftigkeit beobachtete und a sämtlichen Festtagen und Sabbat-Neumond im Gotteshause erschien war sieanderen gegenüber von der vornehmsten Toleranz. Ohm selbst einer Partei anzugehören, verfolgte sie alle Neuschöpfungen der jüdischen Renaissance mit lebhaftem Interesse, förderte alle von der jüdischen Zugend ins Leben gerufenen Institutionen und war eine der begeistertsten Mitarbeiterinnen bei der vor vier Zähren stattgefundenen Bezalelausstellung. Durch eine ganze Woche war sie unermüdlich tätig und der schöne moralische und materielle' Erfolg der Ausstellung war ' ihr zum großen Teile zu verdanken. s Zhr letztes Werk war der im Zuni vorigen Zahres veranstaltete „Kirschentag", der mehreren jüdischen Vereinen ein Erträgnis von etwa 10.000 Kronen zuführte. Diesem Unternehmen widmete die bereits schwerkranke Wohltäterin die letzten Reste ihrer Lebenskraft. Seit damals war es nur ein langsames Hinsiechen, trotzdem bewahrte sie sich bis zu den letzten Tagen die Frische ihres Geistes und das lebhafte Znteresje für alle ihr naheliegenden Angelegenheiten. Kurz vor ihrem Hingange ersuchte sie mich, in einer Sache zu intervenieren, die einem ihrer Vereine betraf. Bei dieser Gelegenheit machte ich ihr im Aufträge des Vizepräsidenten der Kultusgemeinde Mitteilung, daß sie vom Vorstände für eine kaiserliche Auszeichnung in Vorschlag gebracht wurden Leider soUte sie den Augenblick der erfolgten Auszeichnung nicht mehr erleben. Unter massenhafter Beteiligung, unter großen EhrenbezeugUNgen der Eesamtgemeinde wurde Fanny Stroh am 5. d. zu Grabe geleitet. Im Trauerhause hatten sich außer den vielen Verwandten und Freunden der Familie der Kultusrat in corpore und die Vertreter zahlreicher Vereine eingefundsn. — Vor dem Sarge schritten die Zöglinge des jüdischen Waisenhauses und die älteren Schülerinnen mehrerer städtischer konfessioneller Schulen mit dem Lehrkörper. Der Zug hielt vor dem Waisenhause, wo Präsident Dr. Schaff in herzbewegenden Worten von der Toten im Namen des Kultusvorstandes Abschied nahm. Am Friedhof stimmte Oberkantor S e itz das LImole rachamim an, worauf die Rabbiner Dr. Carv und Dr. Euttmann in tiefempfundenen Trauerreden ein Lebens- und Schaffensbild der Verewigten schilderten; zum Schlüsse sprach die Schuldirektorin Frau O b.e rh a r d innige Abschiedsworte im Namen der Schuljugend. Die Beisetzung erfolgte in einem von dem Spitalrate gewidmeten Ehrengrabe. Reeder zadil lhvrocho. Jakob B. Feuilleton. Stadt und Land. Eine ungarische Dorfgeschichte. Auf dem Tische lag ein vollständiger schwarzer Männeranzug, geordnet wie im Schaufenster einer Konfektionshandlung. Um das samtene Gilet war eine goldene Kette gelegt, di;e in der linken Gilettasche auslies. „Probier' doch einmal an, mein Sohn; ich habe diese Sachen für Dich heute aus der Stadt kommen lassen." „2ch habe Dir schon gesagt, Mutter, das paßt für mich nicht, und ich tu's nicht." „Willst Du denn ewig in diesen Bauernkleidern gehen? Welches Iudenmädchen wird Dich heiraten wollen?" „Dazu Hab' ich noch lange Zeit." Und als sie mit ihren Vorwürfen fortfahcen wollte, schloß er ihr mit einem Kuh den Mund und sagte: „Dah' das, Mutterl. Adieu! Ich muh in die Weingärten hinaus. Nachsehen, ob das gestrige Wetter nicht geschadet hat." Und nachdem er weggegangen war. packte sie mit einem tiefen Seufzer die Kleider zusammen und legte sie zu den anderen. Seit drei Zähren lieh sie zu jeder Saison städtische Kleider bringen und bat ihn. aber immer vergebens, sie anzulegen. Er wollte die Bauerntracht nicht aufgeben. Frau Roth war eine reiche Witwe, die einzige Jüdin im Dorfe. Ihr Sohn Geza studierte m der Hauptstadt; aber als der Vater vor fünf Jahren starb, muhte er das Studium aufgeben, um der Mutter in der Bewirtschaftung des Gutes beizustehsn. Er lebte sich ganz in diese Tätigkeit ein. Und um sich auch äußerlich nicht von den übrigen Bewohnern der Gegend zu unterscheiden, legte er die deutsche, städtische Tracht ab. Anfangs hatte die Mutter aus Ersparungsrücksichten nichts dagegen, und erst als sie mit beseligter Mutterliebe den vollkommen entwickelten Iüngling in ihm sah, nahm sie Anstoh an dieser Tracht. Zuerst glaubte sie die Sache damit abgetan, indem sie ihn aufmerksam machte, es sei Zeit, dah er sich seinem Stande gemäß kleide. Geza lehnte es ab. Si>e rückte mit Heiratsprojekten hervor, aber ec fühlte sich bei der Anregung dieses Gegenstandes ganz gleichgiltig. Die Mädchen des Dorfes standen ihm natürlich fern, obwohl er öfter mit den Töchtern des Richters und Notars zusammenkam: andere, mit welchen ihn Stand und Abstammung in nähere Berührung hätten bringen können, gab es im Dorfe nicht: und an anderen Orten, wo er hrnzukamm.n pflegte, war er bisher nur in kurze geschäftliche Berührung gekommen, nirgends in gesellschaftliche. Und so war er trotz seiner einundzwanzig Jahre jung geblieben wie ein Knabe. Frau Roth nahm die Kleidersrage nicht so ruhig hin. Sie war an den Ort durch ihr Besitztum gebunden. aber sie wollte, wenn kein anderes Mittel angmg, dieses Band lösen, zerreißen, in die Stadt ziehen und unter ihresgleichen leben. Aber sie sah ihren Sohn in diesem Boden wurzeln, von welchem sie ihn so gern losgerissen hätte. Einige Wochen nach dem eingangs erwähnten Kleiderstreit zwischen Mutter und Sohn verbreitete sich in dem Dorfe die Nachricht, daß das etwa zwei Wegstunden davon entfernt liegende, feit langen Jahren unbewohnte Kastell samt Gut des Baron Nyari von einem Juden aus der Hauptstadt, namens Grünzweig, angekauft, das Gebäude von dem neuen Besitzer zum Sommeraufenhalt gewählt worden ist und eine Tochter des-

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