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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-05-09 · 19 (9.5.1913) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
19 (9.5.1913)
Date
1913-05-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 19 De. Mochs Wochenschrift. Seite 339 Kumpfpflanzen. Von Dr. Simon Mandl (Neutitschein). Dem irrtJ öffentlichen Schuldienst wirkenden Religionslehrer begegnen häufig in den zum Schulgebrauch approbierten Lesebüchern Proben sonderbarer Art, die jeden Jugendfreund schmerzlich berühren. Sie drängen unwillkürlich die Frage auf : Wie haben diese Sumpsblumen in den Garten der Jugenderziehung »ich verirrt? Es fei hiemit eine kleine Blutenlese als Beispiel für viele in unserer Sammlung geboten: Es ist zunächst jenes bekannte Phantasiegebilds des Judas Ifchariot, das in dem konfessionellen Frieden der Mittelschule so verheerend wirkt. Daß. der Träger dieses Namens taxfrei ein Geburtsattest vom' Standesamt unserer Lesebücher-Autoren erhält, ohne in Wirklichkeit geboren zu sein, sei nur nebenbei bemerkt; ebenso, daß unsere jüdischen Mittelschüler nicht an Ueberempfindsamkeit leiden, die sie sich längst abgewohnt haben. Aber wie kommen sie dazu, durch Lesestücke, deren imaginäre Hauptfigur den abstoßenden Charakter des Judas Ischariot trägt, in ihrer jugendlichen Ahnungslosigkeit gekränkt und beleidigt zu werden? „Der Predil"0 von Karl Stöber zeigt den Verräter, der im Jahre 1809 in Kärnten die 'Oesterreicher an die Franzosen auslieferte, als den Judas Ifchariot. Ferner „Der Judas von Tirol"-) von Peter Roseg!g er schildert den Spion, der den edlen Andreas Hofer an di,e Franzosen verraten hat, den Spion, an dessen Gestalt sich unleugbar Bitternis und Wehe jedes Oesterreichers knüpft. Es ist aber ebenso unstreitig ein Unrecht, oder mindestens Unbedachtsamkeit, daß durch Lesestücke solcher Tendenz und solcher Ueberschrift die Seelenruhe unserer Mittelschüler beim öffentlichen Unterricht erschüttert, ja mitunter für immer zerrüttet wird. Wenn schon Peter Rosegger in unseren Lesebüchern zu Worte kommen soll, wäre ebenso seine herrliche „Judenbuche"^) berechtigt; nebenbei eine Perle deutscher Prosa, die Droste Hülshof's gleichnamige Novelle weit überragt: ein dem wirÜichen Leben abgelauschtes Charakterbild eines in Steiermark seinen Handel treibenden. armen Juden. Er Wird von einem gehässigen Dorfbewohner übers Dorf hinaus verfolgt und sucht endliche auf — einem Baume — einer Buche — Zuflucht. Diesem nähern sich gegen abend hungrige Wölfe. Sein Verfolger flüchtet gleichfalls zu ihm und der verfolgte Jude teilt mit seinem Peiniger in der unfreiwMgim Nachtherberge zwischen den 'Baumästen seinen letzten Schluck Wein. Aber freilich, diese lebenswahre Dichtung schrieb Rosegger lange vor seiner Häutung in seinen „beiden Hänfen"; noch angeweht vom Hauche eines echten Dichtergenius. Und wenn dieses klassische Beispiel von Feind esduldnng seitens eines armen jüdischen Händlers für das öffentliche Lesebuch kein Auge des Entdeckers findet, so verzichten wir auch auf die Spukgestalt des Judas Ischariot. Es wäre diesem auch vom' rein pädagogischen Standpunkte aus keine Träne nachzuweinen. Denn das tugendhafte Empfinden des Schülers, das doch unstreitig durch die Schullektüre gefordert werden soll, wird rächt durch »negative Beispiele angeregt. Perzeption und Apperzeption des Schülers sollen nicht durchs verwerfliche Vorbilder, sondern durch edelsinnige zur Nacheiferung angespornt werden. Gewiß, zur Liebe kann niemand gezwungen werden. Es ist auch gar nicht die Absicht, eine oft recht zweifelhafte Liebe zu erzwingen; aber die Ruhe vor dem Vorurteile der Straße und die Sicherheit vor der Ver- 0 Deutsches Lesebuch fiir Realschulen Wien 1910 3. Bd. S. 229. -) Das. S. 233. 3) Ausgenommen in der Volksausgabe feiner samt!« Werke. giftung des Kinderherzens, wovor das Heiligtum der Schule doch schützen sollte, die kann man doch verlangen. Durch Leseproben obiger Tendenz aber wird widernatürlich das Sumpfgift der Rassenächtung frühzeitig in das ahnungslose Schülergemüt geträufelt und jener friedliche Verkehr unter den Konfessionen fragwürdig ge-i macht, der im Paragraph 30 der „Disziplinarvorschristen für Mittelschulen" in den Worten vorausgesetzt wird: „Gegeneinander sollen sich die Schüler friedfertig, freundlich und zuvorkommend erweisen." Gegen eine Verletzung dieses jugendfreundlichen Prinzips gerade durch die Faktoren, die es zunächst fördern sollten, durch die Lesebücher, ist doch wohl Verwahrung einzulegen. Daß dies von erwünschtem Erfolg begleitet ist, zeigt ein anderes Beispiel, das lange Zeit wie ein giftiges Schlinggewächs im Garten der Schule fortwucherte: „Der Jude mit großem Sack und großem Bart" in der schönen Rückertschen Dichtung: „Pom Bäumlein. das andere Blätter hat gewollt"; eine ganz willkürliche, apokryphe Einfchmuggelung, die endlich vielfach dem Originale weichen mußte, in welchem es heißt: Der Räuber mit seinem Bart» „ Den Gipfelpunkt der Verrohung des Kinderherzens leistet aber eine Sammlung von „Kinder- und Hausmärchen der Brüder GrrmM"') mit seinem Beitrag: „Der Jude im Dorn". In demselben muß ein Jude mitten in einem Dorne nach der Zaubergeige e'nes Knechtes tanzen, bis er von den Dornhecken wundgestochen wird; und zwar, weil er sich weigert, die Herkunft seines Geldes anzugeben, bis er endlich eingestehen muß: Ich habe es gestohlen. „Da ließ der Knecht die Geige ruhen und der Schuft wurde gehängt." Jeder Märchenkundige weiß, daß dieses Stück wie eine Giftpflanze von dem schönen Blütenkranz Grimmscher Märchen absticht, die bekanntlich durchwegs an harmlose, altdeutsche Sagenstoffe der Kinderstube wie Rotkäppchen, Dornröschen. Schneewittchen anknüpfen. Tatsächlich erscheint es auch in keiner anderen Grimmschen Ausgabe, als in der vorliegenden. Das hat auch in der Tat meine kleine Gewährsmännin, eine Schülerin der dritten Klasse, Volksschule. instinktiv empfunden, indem sie überall für: der Jude im Dorn, der Lump im Dorn korrigierte. Für diese Zerrbilder eines wahrhaften Volkscharakters ist freilich niemand verantwortlich, aber es ist ein Gebot der Vorsicht, sich und die Familie davor zu hüten, wie vor kontagiüsem Keime. Da veranstalten die hohen Sanitätsbehörden Enqueten für Schulärzte, um die Schuljugend, diesen Kern der Volkskraft, ror infektiösen Einflüssen zu immünisieren. Wie sehr brauchten wir auch den Schutz der hohen Unterrichtsbehörden, um unsere Jugend vor geistiger Infektion zu sichern? Was müßte nicht alles ein Buchverlag auf unserer Seite, der es wagen wollte, solche jugendliche Brunnenvergiftung geschäftsmäßig zu betreiben, an Vorwürfen wie korruptiver Einfluß auf die Jugendliteratur usw. über sich ergehen lassen! Daß man dies ungehindert gegen uns darf, beweist nur. daß wir nur dann nicht verlassen sind, wenn wir auf uns selbst uns verlasse^. Darum geht unser Vorschlag dahin, daß inbezug auf öffentliche Lesebücher unsere p. t. Vertreter bei den hohen Schulbehörden ein wachsames Auge auf die Zulässigkeit derselben in obigem Sinne richten, sich zu diesem Behufe mit unseren Lehrerorganisationen verbinden und nötigenfalls mit allem Nachdruck gegen die Einführung solcher Lesebücher Stellung nehmen mögen. Hinsichtlich der belletristischen Literatur aber scheint in unseren kompetenten Vertretungen eine Art schwarzer Liste aller jener Erscheinungen empfehlenswert, die nach obenbe- 0 Vergl. Lesebuch für Bürgerschulen Hannover und Leipzig 1900. S. 35. b) Leipzig und Einbeck, Alfr. Oemikes Verlag, S. 192.

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