Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 19 (9.5.1913)
- Date
- 1913-05-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3022035-3022055--22109-3047238- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 19 Dr. Mochs Wochenschrift Seite 335 Israel, der Herr, unser Gott, ist ein einiger Gott, und du sollst keine anderen Götter haben neben ihm! Und das nun ist die große Leistung des ersten israelitischen Propheten: er brachte es fertig, die getrennten Stämme seines Volkes in dem Bekenntnis zu dem einen Gott zu einen und dadurch .Israel nicht bloß zu einer geschlossenen Nation zu machen, sondern in ihr die Fundamente echter Religion zu legen, der Religion, die der Gottheit traut, sich von ihr gesegnet und sich ihr verantwortlich weiß. Denn wie Moses selbst sich fort und fort auf die ihm gewordene Gottesofsenbarung berief und nicht in seinem, sondern in Jahwes Namen die Ordnung der Angelegenheiten seines Volkes in die Hand nahm, so half er auch seinen Brüdern, seinen Gott als reale Macht, als heilige, helfende Persönlichkeit erleben: er, Jahwe, war es ja, der mit gewaltigem Arme, durch die Hand des Mose, Israel aus dem Knechtshau je Aegypten errettete und dadurch seine Macht über alle die anderen Götter erwiesen hatte. Und diesem seinem Erretter sollte das Volk nicht trauen, nicht bereit sein, einen ewigen Bund mit ihm zu schließen? Der Bund ward geschlossen, am Sinai. Und nun soll man auf der einen Seite die Leistung des Mose nicht überschätzen. Seine Religion ist noch kein reiner Monotheismus; noch lange nach Moses Zeit hatte Israel nichts dagegen einzuwenden, daß andere Völker andere Götter anbeteten, nur Israels Gott sollte kein anderer als Jahwe sein, also nicht zum Monotheismus, wie Mar Müller richtig betont hat, sondern zum Henotheismus führte Mose sein Volk. Sein Gott war auch'nicht der Herr des Himmels und der Erde, nicht der allmächtige Gebieter der Welt, nicht der allwaltende Geist, nein, seine Herrschaft ist auf Israel beschränkt, er ist die Nationalgottheil, er wohnt im Heiligtum der Stiftshütte, auf diesem Throne zieht er seinem Volke voran; das älteste Denkmal israelitischer Literatur, das wir haben, das Deboralied, etwa um 1100 Jahre vor Christus und etwa 200 Jahre nach Moses entstanden, läßt Jahwe sogar, allerdings in prachtvollem Ausbruch, in Sturm und Wetterwolken, vom Sinai seinem Volk in seiner Bedrängnis durch die Feinde zu Hilfe kommen. Also zu der Erkenntnis: der Himmel ist Gottes Stuhl und die Erde seiner Füße Schemel, ist noch ein weiter Weg. Auf der anderen Seite aber soll man die Leistung des Mose auch nicht unterschätzen: Jahwe allein Israels Gott, der seine Ehre, keinem anderen geben will, der sich seinem Volke ganz zu eigen geben, dafür aber auch dies Volk ganz zu eigen haben will —. das sind wahrhaftig große und gute Gedanken, und es sind ohne Zweifel mosaische Gedanken. Eine kraftvolle Vertretung fand das Werk des Mose durch den Elia, bekannt durch seinen heldenmütigen Kampf mit Ahab. Man soll auch diesem nicht unrecht tun. Er ist einer der kraftvollsten Herrscher Israels. Daß er den Jahwedienst habe ausrotten wollen, ist Legende. Noch vor seinem Tode sind in Samarien 400 Jahwepropheten, die dem Könige weissagen, was er nur hören will. Was man ihm vorwerfen kann, ist seine Schwäche gegen seine Gemahlin, die lyrische Prinzessin Isabel, der zu Ehren er in Samarien einen Tempel des lyrischen Baal erbauen und die er in der despotischen Vergewaltigung des Weinbergsbesitzers Naboth gewähren ließ. Da aber erhob sich Elia. Ihm brannte das Gebot des Mose in der Seele: in Israel ist Jahwe Gott und kein anderer! Sollte er dulden, daß man daneben dem Baal opferte? Das wäre schmähliche Verleugnung gewesen! Und mochten sonst im Orient die Despoten ihrer Laune und Gewalttätigkeit alle Zügel schießen lassen, in Israel, im Lande Jahwes, sollte das Recht auf dem Throne sitzen! So tritt der gewaltige Mann im härenen Mantel dem König, als er am Tage nach der Hinrichtung des einfachen Bauern den Weinberg in Besitz nehmen will, entgegen und ruft ihm mit Donnerstimme zu: Du Sündenmensch, so spricht der Herr: Gestern habe ich das Blut Naboths und seiner Kinder gesehen, das will ich dir und deinen Kindern auf dem gestohlenen Acker heimzahlen! Und der Prophet behielt recht: sein Nachfolger Elisa, lange zwar nicht der Mann reines Herzens und brennender Hingabe an Jahwe, stiftet einen übelberüchtigten Reiteroffizier Jehu an, das Haus Ahabs zu ermorden und sich selbst auf den Thron zu setzen. Das brachte politisch das Reich an den Rand des Verderbens, unter Jehu und seinem Sohn Joahas erlebt Israel jeine traurigste Zeit, aber der lyrische Baal war aus Samarien verschwunden, Jahwes Ehre gerettet. Reine Verehrung und ernstes Gericht, das ist es, was Israels Gott verlang! und woran es sich zeigt, ob es wirklich Gottes Volk ist. Einen bedeutsamen Schritt über Mose und Elia hinaus tut Amos, ein Schafzüchter aus Thekoa. Er lebt in einer äußerlich frommen und glanzvollen Zeit. Israel sorgt für peinlich korrekte Gottesverehrung. Ueberall in Bethel, Gilgal, Dan steigt der Fettdampf reichlich bemessener Opfergaben empor, man spendet den Priestern mehr, als ihnen nach dem Gesetz zulommt. Und Jahwe, so scheint es, nimmt solche Opfer gnädig an, er segnet sein Volk mit Frieden und Wohlfahrt, der schlimmste Feind, der von Damaskus, ist entscheidend geschlagen, alte verloren gegangene Gebiete wieder zurückerobert, Jerobeam II. herrschte über ein Gebiet, das dem Reiche Davids nicht viel nachstand. Also warum sollte man nicht dankbar und guter Dinge sein? Immer von neuem feierten sie ihrem Gott fröhliche Feste. Aber eines Propheten Augen, die Gott erleuchtet, lassen sich nicht täuschen. In unmittelbarer Nähe der Heiligtümer wurden die widerwärtigsten Orgien aufgeführt. TruÄene Prasser taumelten umher, im Rausch schämte sich der Vater nicht, mit dem Sohn die gleiche Dirne zu benutzen, die sich, ganz in der Weise betörter Heidinnen, Jahwe zu Ehren preisgab! Und dann diese Ungerechtigkeit! Wo die Mächtigen als Richter ihre Gewalt dazu mißbrauchen, um von den Geringen Geld zu erpressen, wo die Gewänder der Armen, die man ihnen abgepfändet, den Schwelgern als Lager dienen, da ist nichts mehr zu hoffen. Da ist die Röte im Angesicht der Jungfrau Israel kein Zeichen der Gesundheit, sondern der Schwindsucht, da ist aller Gottesdienst widerwärtige Heuchelei, Teuselsdienst. „Ich hasse," spricht Gott bei Amos, „ich verabscheue eure Feste, ich mag eure Gottesdienste nicht riechen. Wenn ihr mir Opfer und Gaben darbringt, nehme ich sie nicht wohlgefällig an, und auch eure Mastkälber sehe ich nicht. Tue weg von mir das Geplärre deiner Lieder, ich mag dein Harfenspiel nicht hören. Sondern Recht quelle hervor wie Wasser und Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Strom!" Es läßt sich denken, daß diese Predigt des Amos wie ein Blitz einschlug. An einem Herbftfeste war es, um 760, in Bethel. Die Wogen der Festfreude schlugen hoch. Aber als der Jubel den höchsten Grad erreicht, da wird er jäh unterbrochen. Ein unbekannter, schlichter Mann aus dem Volke bricht jäh durch die Menge, Feuer sprüht aus seinen Augen, und ehe man es sich versieht, steht er mitten im Heiligtum, übertönt mit mächtiger Stimme den Festesjubel und stimmt den von den Totenbetten her nur zu wohlbekannten Weheruf der Totenklage an: Gefallen ist, nicht steht wieder aus die Jungfrau Israel, Sie liegt hingestreckt in ihrem Lande, und niemand richtet sie auf, denn — Gott hat sie gerichtet, Gvtt wird sie verderben und alle ihre Herrlichkeit wird zerfallen, unwiederbringlich! — Unerhört! Entsetzen ringsum! Gotteslästerung das! Der Oberpriester Amazja fährt den Seher an: Packe dich fort in deine Heimat, zu Bethel darfst du nicht länger weissagen, denn hier ist ein königliches Heiligtum! Der Seher ging, nicht ohne dem Oberpriester samt seinem Weibe einen Tag des Verderbens verkündigt zu haben, aber die Geschichte hat ihm Recht gegeben: 40 Jahre später war das Reich Israel hinweggefegt, das Volk ins Eril geführt. Und von unvergänglicher Bedeutung ist ein guter Teil der Gedanken, die der abgewiesene Seher in der Stille der Heimat zu Papier gebracht: Aeußerlicher Gottesdienst ist vom Uebel, wenn nicht das Herz Gebet und Opfer darbringt, und wenn das Volk im frevlen Leichtsinn die Gebote des Rechts und der Sittlichkeit mit Füßen tritt, dann hilft ihm kein Bund, den Gott mit ihm geschlossen, keine Verheißung, die er ihm gegeben, nein, dann bewährt Gott seine Gerechtigkeit im Gericht! Mit der scharfen Herausarbeitung dieser Gedanken tat die israelitische Religion einen weiteren Schritt aus dem Wege zu völliger Vergeistigung und Entnationalisierung. Freilich, erreicht ist dies Ziel auch durch Amos nicht. Die wankende Stätte Davids, die seit der Losreißung des Nordreichs um ihre Hauptmacht geschwächte davidische Dynastie wird in Juda einst wieder aufgerichtet werden — so bleibt Amos letzten Endes doch auf dem Boden der National-Religion stehen. Noch eine andere Schranke hat sein Gottesbild. Gerechtigkeit ist sicher ein unentbehrliches Attribut der Gottheit. Der Gott, der mich nicht richten kann, kann mich auch nicht retten. Aber ist das Gericht für Gott Selbstzweck, Endzweck? Dann verschließen sich die Tore des Himmelreichs für jedermann! Diesen Mangel beseitigt H o s e a. Er ist von schwerem persönlichen Geschick betroffen. Sein Weib ist ihm untreu geworden. Um seiner Kinder willen, damit nicht der Mutter lockerer Sinn in ihren Herzen böse Wurzeln schlage, muß er sie aus dem Haufe tun. Aber er kann sie nicht vergessen. Er hat sie doch einmal mit warmer Liebe umfaßt und sie ihn. Er fühlt: auch jetzt noch bist du für das Ergehen deines einst über alles geliebten Weibes verantwortlich! kannst du es ansehen, wenn sie ganz und gar auf die Wege der Verlorenen gerät? So entschließt er sich, sie in sein Haus zurückzuholen. Zuerst zu ernster Zucht, er muß versuchen, sie an bessere Gedanken, an reinen Sinn zugewöhnen. Aber dann, wenn dies Ziel erreicht ist, wird er aufs neue ein Leben der Liebe und des Friedens mit ihr führen. Und nun — das ist die wunderbare Tiefe der Religiosität Hoseas — nun wird ihm sein schmerzlich-süßes Verhältnis zu seinem Weibe ein Abbild der Liebe, die Jahwe mit seinem Volke verbindet. Auch das hat ihm mehr als einmal die Treue gebrochen und ist fremden Göttern nachgelaufen. So kann es ohne Gericht nicht abgehen. Aber dem Ewigen wandelt sich doch im Erbarmen das Herz, er.kann sein Volk nicht lassen, er wird es genesen lassen von seiner Verirrung, und dann wird der Bund der Treue aufs neue geschlossen sein. Auch hier bleibt ja das Bo lf der Gegenstand des göttlichen Erbarmens, nicht der Einzelne, von der Predigt des Hosea bis hin