Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 19 (9.5.1913)
- Date
- 1913-05-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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&em 334 Dk. BlvchS Haltung der „Reichspost" betrachtet. Dieses Organ der Feudalen und Klerikalen hat das Möglichste getan, um es zum Kriege zu bringen und den Idealen seiner Hintermänner Durchbruch, zu verschaffen. Dieses Sprachrohr der feudalen Kreise rief zu den Waffen gegen alle! Vernunft und gegen alles Volksmteresie. Denn in seinem Lager sind die groben Agrarier, welche uns vom Balkan wirtschaftlich abschneiden möchten. Da sind aber ferner auch die Faktoren, welche den alten Streit zwischen Rom und Byzanz, zwischen Katholizismus und Orthodoxie mit den Waffen des Dreibunds ausfschten möchten. Rußland und die Balkanstaaten sind griechisch-orthodor, das ist des Rätsels Lösung. Daher auch daSl Drangen der Kriegspartei gegen das Interesse der Bevölkerung, in welcher jede feindselige Handlung und Haltung sehr unpopulär war. Der Endeffekt aber hat die Berechnungen umgewo-rfen. Dort, wo wir im Unrecht waren, haben wir selbst verzichtet durch das Walten einer höheren Macht, die doch noch, stärker war, als die Dunkelmänner im Hintergründe. Dort aber, wo wir wirklich im Rechte waren, hat uns Europa nachgegeben, weil niemand Mehr für die rohe Gewalt eintritt. Es ist schade für die Drahtzieher unserer Politik, daß sie sie sich demaskiert haben, ohne ihre großen Zwecke zu erreichen. Die Entwicklung und bleibende Kedentnng der jüdischen KeUgion. Vortrag, gehalten im Verein zur Abwehr des Antisemitismus in Wien am 12. April a. c. von Immanuel Heyn, Pfarrer an der Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche zn Berlin, Mitglied des deutschen Reichstages. Nach kurzer Begrüßung durch den Schriftführer des Vereines, Oberinspektor Engel, hielt Pfarrer Heyn in dem Ms auf den letzten Winkel dichtgefüllten Saal des „Hotel Central" nachstehenden Vortrag: Alles wahre Leben ringt sich unter Schmerzen ans Licht. Die Sonne taucht aus den dunklen Schatten der Nacht empor. Wie lange es gewährt haben mag, bis der Mensch aus. animalischem Hindämmern zum Selbstbewußtsein erwachte, bis der Eeschlechtstrieb sich zur sittlichen Liebe verklärte, bis die sklavische Furcht vor der ewigen Macht zum kindlichen und doch zugleich heldenhaften Vertrauen emporwuchs — wer vermag das nach Jahr und Zahl zu berechnen? Tausend Jahre sind vor dem Ewigen wie ein Tag, der gestern vergangen ist. Auch die Religion Israels hat sich aus dunklen, verworrenen Anfängen emporgerungen, und als sie in den Herzen einzelner Auserwählter längst eine Macht der Erleuchtung und Erlösung geworden war, daß sie auf sonnigen Höhen standen in überströmender Dankbarkeit, mit triumphierendem Mut, wandelten die Tausende noch lange Jahre aus staubiger Straße, in schattigem Tal, ohne Hoffnung, ohne Freude, bis auch ihren Kindern oder Kindeskindern der Tag anbrach. Wir lächeln, nein, wir können uns eines tiefen Mitleids nicht erwehren, wenn wir in dem bekannten Gedicht Schillers vernehmen, wie ein König den andern in seinem Glücksgefühl vor dem Neid der Götter warnt und ihm rät, durch ein Opfer ihren Zorn zu besänftigen, wie er angesichts des verschmähten Opferringes, der im Leibe des-. Fisches sich wiederfindet, voller Entsetzen die dem Verderben geweihte Wohnstätte seines Freundes verläßt. Wer viel höhere Empfindungen traut auch die alte jüdische lleberlieferung der Gottheit nicht zu, wenn sie darum den ersten Menschen den Genuß der Frucht des Lebensbaumes, verbietet, damit diese nicht, wie die Gottheit, ewigen LKens teilhaftig werden, oder wenn sie den Ewigen unter die Menschen, die den Himmel erobern wollen, im Wetter fahren läßt, ihre Sprachen zu verwirren, daß sie einander nicht verstehen. Und das sind doch nicht die einzigen Züge von Ungüte, Härte,;a, ich möchte fast sagen von Unsittlichkeit, von Ungerechtigkeit, die die jüdische Tradition dem Bilde der Gottheit verleiht. Abraham meint, der Herr habe ihn geheißen, seinen und seines Kebsweibes Sohn in die Wüste zu treiben und ihn der Gefahr des Todes auszusetzen. Jakob muß sich erst durch einen Traum belehren lassen, daß wahrhaftig Jahwe an dem Orte sei, und bringt ihm nun nicht rückhaltlos sein Herz zum Opfer dar, nein, nur unter bestimmten Bedingungen verspricht er ihm treuen Dienst. Wochenschrift ig Mose glaubt, im Namen seines Gottes sein Volk zur Unehrlichkeit gegenüber den Aegyptern verleiten zu dürfen, und David — — ob er allerdings wirklich, wie die Ueberlieferung meint, der Verfasser des 109. PsaKns ist, ist mehr als zweifelhaft. — David scheut nicht davor zurück, im Angesicht seines Feindes Gott dem Herrn mit folgendem Anliegen zu kommen: der Satan müsse zu seiner Rechten stehen, und sein Gebet müsse Sünde sein, der Wucherer müsse aussagen alles, was er hat, und niemand erbarme sich seiner Witwe und seiner Waisen, die müssen irregehen als die da verdorben sind, und auch seines Vaters und seiner Mutter Sünde müsse keine Vergebung finden! Salomo öffnete um seines Harems und seiner Handelspolitik willen fremden Göttern sein Reich. Manasse als Vasall der Assyrer pflegte besonders die Verehrung der assyrischen Gottheiten: damals waren neben der kultischen Prostitution Menschen- und Kinderopfer im Schwange. Mit Schmerz mußte Jeremia erleben, daß die nach Aegypten ausgewanderten Jüdinnen die Verehrung der Himmelskönigin eifriger betrieben, als die Jahwes. Noch kurz vor der Zerstörung des Tempels zu Jerusalem entwirft Ezechiel ein erschütterndes Bild von dem Götzendienst, der in ihm getrieben wird, mit einem Worte: es hat Jahrhunderte gedauert, bis der Monotheismus, den die Propheten längst gepredigt, Gemeinglaube des ganzen Volkes war. Auch die Hoffnung des ewigen Lebens ist dem Volke erst sehr allmählich zur fröhlichen Gewißheit geworden. Die Psalmen, das Buch Hiob, die Bücher der Propheten schlagen immer wieder viel dunklere 'Töne an: das Jenseits gleicht dem Abgrund, in dem stockdicke Finsternis haust, wenn es in ihm hell wird, ist es wie die Nacht. In der Erde liegen sie alle miteinander, Würmer decken sie zu; da liegen sie wie die Schafe, der Tod weidet sie. Ist der Mensch einmal dahin gefahren, dann gibt's kein Erwachen, kein Ausstehen, keine Wiederkehr. Der Baumstumpf kann wieder ergrünen, der Mensch, den der große Würger in den Staub gestreckt, nimmermehr. Kein Toter wartet aus Gottes Wahrheit, keiner erhebt sich, Gott zu danken. Da unten in dem dunklen Reich ist auch des Ewigen Macht beschränkt, da kann er keine Wunder tun. Und darum faßt die Seele des alten frommen Israeliten immer wieder das Entsetzen an. beim Gedanken an den frühen Tod, der erschien als Strafgericht des Ewigen über rerborgene oder offenbare Sünde, und darum das angsterfüllte Flehen: Gott, nimm mich nicht hinweg in der Hälfte meiner Tage! Noch eines möchte ich in diesem Zusammenhänge erwähnen, zum Beweise, daß die Religion auch Rückschritte machen kann. Die Schriften der großen israelitischen Propheten wissen von Dämonen und ihrem Herzog, dem Satan, sehr wenig. Woher diese Vorstellungen in die jüdische Religion eingedrungen sind, kann ununtersucht bleiben; daß sie eingedrungen sind, steht fest. Tausend mal tausend ist nun der Geister Zahl. Dämonen der Luft und der Erde, des Feuers und des Afassers. Gute Geister und böse Geister. Niedere und höhere Arten. Die guten dienen dem Ewigen Tag und Nacht und werden seine Boten an die Menschen. Die bösen schonen nicht Menschen, nicht Vieh. Sie schlagen die Armen, in deren Leiber sie fahren, mit fallender Sucht, mit schwermütigen Gedanken, mit Taubheit, Blindheit, Stummheit. Auch Jesus teilt diesen Glauben seines Volkes zu seiner Zeit. Aber besteht nicht die Gefahr, daß die Engel, die guten wie die bösen, Gott den Herrn selbst dem Menschen ferner rücken, anstatt ihn ihm näher zu bringen? Ist es nicht wahr: „Je häufiger die Diener, desto seltener der Herr?" Wird nicht die Weltherrschaft Gottes ernstlich in Frage gestellt, wenn das ganze weite Gebiet des Hebels, körperlicher wie geistiger Krankheit, dem Bösen unterstellt wird — ganz abgesehen von dem schweren Druck, der das Empfinden der Angehörigen belasten muß, wenn sie verurteilt sind, einen lieben, kranken Menschen als besessen anzusehen? Aber so unleugbar die Entwicklung ist, die die jüdische Religion durchgemacht, so stark die Abwege sind, die sie da und dort gegangen ist, sie hat sich doch zu einer wunderbaren Höhe emporgearbeitet, aus der Nacht zum Licht. Das ist auf der einen Seite die gnädige Fügung Gottes, auf der anderen die grandiose Leistung der israelitischen Propheten. Lassen Sie mich in großen Zügen diese Auswärtsbewegung schildern. Der Begründer der israelitischen Religion ist nach übereinstimmender lleberlieferung des Judentums Mose. Seine Person, sein Lebensgang, die Einzelheiten seines Lebenswerkes umhüllt Dunkel. Fraglich, ob er auch nur eine Zeile Hintersassen. Aber der Kern der lleberlieferung hält der schärfsten Kritik stand Mose ist der Stifter der alttestamentlichen Religion. Nicht als ob er seinen Gott, den Jahwe, erfunden hätte. Er knüpfte, wie jeder echte Prophet, an Vorhandenes an. Schon vor ihm verehrten Nomaden der Sinaihalbinsel eine in einem Vulkan hausende Gottheit, deren machtvolles Wirken sie empfanden, „wenn der ganze Berg beim Hervorbrechen der feurigen Massen erbebte und sich in Rauch und Dunkel hüllte, oder wenn des Himmels Wolken sich um seine Krone sammelten und flammende Blitze, krachende Donner gebaren". Auch Mose — so dürfen wir annehmen empfand eines Tages das Walten dieses Gottes vom Sinai. Er erlebte es als überwältigende Offenbarung. Er öffnete ihr feine ganze Seele. Er stellte sich rückhaltlos in ihren Dienst. Er predigte mit geradezu inbrünstiger Energie Jahwes Namen: Höre,