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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-05-02 · 18 (2.5.1913) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
18 (2.5.1913)
Date
1913-05-02
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 330 Nr. 16 Sprache, setzte sich der Männergruppe gegenüber, öffnete seine Mappe, nahm die nötigen Zeichjmutensilien heraus und, einen scharfen Blick auf den altehrwürdigen Vorsteher Dreyfus richtend, begann er zu zeichnen. Der Sohn Wolf Dreyfus, ein perfekter Weltmann, merkte sofort die Absicht des Prinzen und verstand es, seinen Vater deswegen soviel wie möglich in lebhaftem Gespräch zu erhalten. Indessen erkundigte sich der Prinz nach der Anzahl der jüdischen Familien Endingens, nach der Einwohnerzahl, nach den bürgerlichen Verhältnissen, Erwerbszweigen etc. Sv dauerte das Gespräch fort bis nach fünf Uhr. Vorsteher Dreyfus schien, nach der Uhr schauend, schon etwas in Verlegenheit zu sein. Denn er sagte zu seinem Sohne Wolf ganz leise „mechael Scliabbos" <Sabbatentweihung). Wolf mit seinem ungenierten, geschmeidigen Wirsen, erhob sich und wendete sich zum Prinzen: „Kaiserliche Hoheit 'wollen gnädigst erlauben; es ist 'Freitag, heute abirnds 6 Uhr geht der Sabbat an. Mein Vater, als Vorsteher, ist gewöhnt, als einer der ersten beim Gottesdienst zu erscheinen. Kaiserliche Hoheit wollen daher gnädigst erlauben. uns zu verabschieden." Der Prinz hierauf den Maler fragend: „Vous est-il possible d'achever maintenant? „Sire encore quelques traits“, war die Antwort. Aus die Uhr schauend, bemerkte der Prinz: „Ist erst fünf, wollen noch einige Minuten verziehen", und zum Vorsteher Dreyfus sich wendend, sagte er: „Ich lasse Ihr ehrwürdiges Gesicht kopieren, ist bald geschehen." Dreyfus, hierüber etwas verlegen, rief erregt aus > „Cw. Kaiserliche Hoheit!" — „Seien Sie unbesorgt," beschwichtigte der Prinz, „so sehr Sie auch einem Heiligen ähnlich sind, so soll doch, Ihr Bild eine solche Devotion nicht erfahren, denn nur zum Andenken will ich es mitnehmen. Nun sei es Ihnen erlaubt, sich zu entfernen. Beten Sie auch für uns!" Sabbat mittag, als Michael Dreyfus, der Parneß von Endingen, mit seiner Familie und acht Orchim farme, fremde Gäste) zu Tische sah und bereits mit dem Mahle fertig war, trat der Prinz mit seinem Adjutanten zu ihm in die Stube. Die ganze Gesellschaft erhob sich und entblößte das Haupt. „Bin nicht gekommen, um zu stören, setze sich jeder wieder ruhig hin!" sagte der Prinz mit einer leichtein freundlichen Handbewegung. Er und sein Adjutant setzten sich. „Nun, ehrpvürdiiger Großvater, stellen Sie m'r Ihre Familie vor", sagte der Prinz. — „Zu dienen, Kaiserl. Hoheit! Dieses ist meine Hausfrau, jener mein jüngster, erst verheirateter Sohn, diese seine Frau etc.", entgegnete der Vorsteher. — „Aber ich sehe dort noch acht Personen, die nach! ihrem Aeußeren nicht zu Ihrer Familie gehören," bemerkte der Erzherzog. — „Ls sind heimatlose Arme, auf das Mitleid ihrer Mitmenschen angewiesen. Fast allerorts, wo Juden wohnen, ist die Vorkehrung getroffen, damit diese bedauernswürdigen Heimatlosen Speise und Unterkommen finden", erklärte der ehrwürdige „Parneß". — „Aber so viele fremde Personen zu speisen, welche die Zahl Ihrer Familienmitglieder übersteigen, ist doch ein großes Opfer, das Sie sich auferlegen," bemerkte der Prinz. „Ich weiß nicht, esse ich mit ihnen oder ne mit mir," erwiderte Dreyfus, „heißt es doch in der heiligen Schrift: „Gott gibt Speise allem Fleisch, denn ewig wahret seine Güte." (Ps. 136, 25.) Ich bin nur der Vollzieher seiner Anordnung." Der Prinz warf einen bedeutsamen Blick auf seinen Adjutanten. — „Woher kommt aber dieser Uebelstand und wie wäre dem abzuhelfen?" srug er den Vorsteher. — Mit etwas verlegener Miene antwortete Dreyfus: „Sind Juden nicht alle heimatlos? Müssen wir uns nicht alle mit schwerem Gelbe unseren Aufenthalt erkaufen und stets zu erhalten suchen? Würde man diesen armen Leuten eine Heimat geben, sie zu nützlicher Beschäftigung veranlassen, so würde man sich ein großes Verdienst um die Menschheit erwerben!" „Aber die Einsassen würden sich für diesen Zuwachs bedanken," wendete der kaiserliche Adjutant ein. Dreyfus jedoch entgegnete: „Wenn man Eigennutz, Vorurteil und Engherzigkeit zu Rate ziehen wollte, nie würde etwas Gutes zustande gebracht werden." „Solche edle Gesinnungen sind des Andenkens würdig," sagte der Erzherzog sichtlich bewegt, und indem er sein Tagebuch hervornahm, notierte er sich verschieschiedenes. Diese Unterhaltung blieb nicht ohne fruchtbare Folgen für Israel, denn gleich nach dem Frieden kam in ganz Deutschland die Verordnung, daß alle vagabundierenden Juden als heimatberechtigt dahin gewiesen wurden, wo sie geboren worden oder sich verehelicht hatten. Diese wurden „Einleger" genannt und die ineisten ihrer Nachkommen wurden tüchtige Gewerbsleute, und mancher Chef, der an der Spitze eines großen Hauses steht, stammt von einem sog. „Einleger". Sonntags nach der oberwähnten-Unterhaltung vollendete der k. Hofmaler das Porträt des Vorstehers Michael Dreyfus von Endingen. Der Prinz ließ darunter setzen: „Michael Dreyfus, die Religion in Person." Das Bild soll sich heute noch in Wien in der Lastet' lichen Bildergalerie befinden. Die Familie Dreyfus ist heute noch eine der ältesten angesehensten Familien der Schweiz. Im Vundespalast zu Bern eristieren viele von dieser Familie herrührende Akten: nach einem dieser Dokumente hatte schon obbenannter Wolf Dreyfus sehr vertrauensvoll!? wichtige Missionen für sein Land zu erfüllen. Aus dieser Familie stammt auch der um die Emanzipation der Schweizer Juden verdient gewesene im Jahre 1877 verstorbene Markus G. Dreyfus. P. W. M. Bl. Jüdische Lrzülenzen. Wie die Blätter melden, hat Kaiser Wilhelm den Präsidenten der Berliner Handelskammer, Wilhelm Herz, anläßlich seines 90. Geburtstages zum Wirklichen Geheimrat mit dem Titel Exzellenz ernannt. In früher Morgenstunde schon traf das folgende Telegramm des Kaisers ein: „Empfangen Sie zur heutigen Vollendung Ihres neunzigsten Lebensjahres meinen herzlichen Glückwunsch. Eingedenk Ihrer außerordentlichen Verdienste um den für die gedeihlichen Entwicklung des Vaterlandes so bedeutungsvollen Handelsstand und Ihres hervorragenden Wirkens für die Interessen des Reiches und des Staates ist es mir eine besondere Freude gewesen, Ihnen als erneutes Zeichen meiner Anerkennung und Dankbarkeit am heutigen Tage den Charakter als Wirklicher Geheimer Rat mit dem Prädikat Exzellenz zu verlecheu. Gott der Herr schenke Eurer Exzellenz noch einen glücklichen Lebensabend. Wilhelm I. R." Auch die Kaiserin sandte ein Telegramm durch ihren Kabinettschef 'Freiherrn v. Spitzemberg. Ein sehr herzlich gehaltenes und ausführliches Telegramm lief vom Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg ein, ebenso sandten auf telegraphischem Wege ihre Glückwünsche der Generalintendant der königlichen Schauspiele Graf v. Hülsen-Haeseler, sowie die Staatssekretäre Dr. Delbrück und Dr. Lisco. Um 12 Uhr erschien eine Abordnung der Stadt Berlin, bestehend aus dem Oberbürgermeister Wermuth, Bürgermeister Dr. Reicke, Stadtrat Iacoby, Stadtverordnetenvorsteher-Stellvertreter Eeheimrat Cassel und den Stadtverordneten Gericke und Liebenow. Beide Körperschaften — Magistrat und Stadtverordnetenversammlung — ließen Adressen in kunstvollen Einbänden überreichen. — Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, daß es in Deutschland noch einen jüdischen Eeheimrat gibt: den Professor Ehrlich, den Entdecker des „Salvarsan". Dr. Blochs Wochenschrift. eine Verbeugung, sprach einige Worte in französischer

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