Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 18 (2.5.1913)
- Date
- 1913-05-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Seite 329 Nr. 18 Dr. Blochs Wochenschrift licher Rabbi von Sadagora. Bis zu diesem Tage hat sein Onkel. Rabbi Jakob, als Senior des Hauses das Amt eines 'Familienoberhauptes bekleidet, da es der Tradition widerspricht, daß ein Junggeselle die komplizierten Agenden eines Rabbi und Zadik versieht. Erzherzog Carl von Gestrrreich irr der Schweiz im Jahre 1797. (Nach Notizen aus dessen Tagebuch und nach Aufzeichnungen in Handschriften.) Es war im Sommer 1797, als Erzherzog Karl von Oesterreich die Franzosen bei Stockach besiegte und sie über den Rhein nach der Schweiz vertrieb, da drang er dann mit seiner Armee dem 'Feinde nach bis an die Schweizer Berge und setzte sich zwischen der Limmat und Aar nieder. Bei dieser Gelegenheit kam das Hauptquartier nach Endingen, dem sogenannten damaligen schwleizerischen Ghetto, wo allein in der Schweiz dazumal Juden wohnen durften: Der Ort liegt in einer idyllisch-schönen Talschlucht, und obschon drei Konfessionen, Juden, Katholiken und Protestanten, das Dorf bewohnen, so hat dasselbe weder Kirche noch Pfarrhaus. und das schönste monumentale Gebäude daselbst ist die Synagoge. Die meisten Bewohner besaßen nur einfache, niedere Häuschen und nur die besseren jüdischen Familien hatten schöne, massiv gebaute, große, geräumige Häuser. Unter diesen ragten vor allem die des Gemeindevorstehers Michael Trius-Dreyfus und seines Sohnes Wolf Dreyfus hervor. Selbstverständlich wurden dieselben alsbald von den höchsten Offizieren in Besitz genommen, und so kam es, daß Erzherzog Karl in jenem des Vorstehers Michael Dreyfus und Erzherzog Ferdinand in dem Haufe des Wolf Dreyfus Quartier nahmen. Michael Dreyfus war eine ehrwürdige Gestalt, hochgewachsen und, ungeachtet seiner etlichen siebzig Jahre, noch vollkommen aufrechter, gerader Haltung. Sein silberweißes Haar und sein schneeweißer, bis auf die Brust wallender Bart, seine treuen, lebhaften Augen, die rosenroten Wangen und Lippen wie der freundliche Mund gaben der ganzen Erscheinung ein außergewöhnlich ehrwürdiges, imposantes Aussehen. Der Mann war auch wirklich von echt jüdischem Charakter nach altem Schlage, treu, offen und wahr. Sein Sohn Wolf, ein Vierziger, war dem Vater sehr ähnlich. Im Umgang mit den höheren Ständen Helvetiens und den adeligen Gutsbesitzern des Landes hatte er sich eine feinere Bildung angeeignet, so daß seine freie körperliche Bewegung, seine präzise, ausdrucksvolle Sprache, wie überhaupt seine ganze edle Haltung und Physiognomie jedwedem Achtung einflößten. Wolf Dreyfus war daher dazumal schon der Vertrauensmann der helvetischen Regierung und von derselben zu manch wichtigen Geschäften herangezogen. Dieser vielbeschäftigte Mann fand erst Freitag mittag Muße, seinen Vater zu sprechen. „Elte! (Vater), wer meinst Du wohl, daß bei mir logiert?" „Eppes ein hoher Offizier!" „Ja, ein sehr hoher Offizier! Des Kaisers Bruder, Erzherzog 'Ferdinand!" „Ei, so! Und wer bei mir?" „Der Erzherzog Karl, Oberst-'Feldmarschall. Ich habe meine Aufwartung bei ihm schon gemacht. Du mußt Deine Aufwartung auch bei Deinem Gaste machen. Ziehe Dich an, um drei Uhr wollen wir hinauf gehen." „Aber ich weiß mit solch hohen Herren nicht zu sprechen." „Je freier und ungezwungener man mit Hoheiten spricht, desto besser ist's. Benimm Dich nur so. wie wenn Du beim Landvogt in Baden wärst. Jetzt gehe ich nach Hause und komme dann nachmittags wieder." Zur festgesetzten Stunde war Michael festtäglich angekleidet. Haare wie Bart waren fein geordnet, um den Hals ein weißer Shawl, mit Spitzen besetzt, eine prachtvolle weiße, bordierte Atlasweste, schwarze Samthosen mit silbernen Schnallen an den Kniebändern, feine weiße Strümpfe, Schuhe mit silbernen Schnallen und zu alldem ein feiner, schwarzsamtner Frack. Wirklich, der ganze Mann eine ehrwürdige, imposante Erscheinung. Wolf war zeitgemäß modern gekleidet. - So stiegen Vater und Sohn, zwei prächtige Gestalten, die Haustreppe hinauf, ließen sich durch den vor der Türe stehenden Diener anmelden: „Der Hauswirt bitte um Gnade, Sr. Kaiser!. Hoheit seine Ehrfurcht zu bezeigen" etc. etc. Rach dieser Meldung öffnete sich alsbald die Tür und der Adjutant trat hervor mit den Worten: „Treten Sie ein!" -- Der Erzherzog war leicht gekleidet, ohne Uniform, ein ganz junger Mann, sejn Porträt ist allbekannt und braucht daher keine Beschreibung. Sich erhebend, sah er den Kommenden huldvoll entgegen. Da trat Wolf mit einer tiefen Verbeugung näher. „Ew. Kaiserl. Hoheit wollen gnädigst meinem Vater. Michael Dreyfus, Hauswirt und Vorsteher der hiesigen israelitischen Gemeinde, erlauben, seine Ehrfurcht zu bezeigen! und Ew. Kaiserl. Hoheit zu danken für die Ehre, daß Hochdieselben in seinem Hause Quartier genommen haben, und zugleich eine religiöse Pflicht zu vollziehen, zu der ihm noch nie Gelegenheit geboten war." Der Erzherzog entgegnete nach einer leichten Handbewegung: „Freut mich, in dem Hause eines so würdigen Mannes zu wohnen, doch möchte ich gerne wissen, welch' religiöse Pflicht damit verbunden ist." Vorsteher Michael Dreyfus erwiderte: „Es ist uns Israeliten geboten, beim Anblick eines gekrönten Hauptes und seiner Söhne einen hiefür bestimmten Segensspruch zu sagen." „Das ist ja schön," erwiderte der Erzherzog, „und wie lautet denn derselbe? Wollen Sie ihn gefälligst laut aussprechen?" Der Vorsteher griff nun verlegen an seinen Dreispitzer (Hut mit drei Spitzen nach damaliger Mode): „Prinz", nahm der Adjutant das Wort, „ich weiß von Prag aus, daß es den Juden verboten ist, eine religiöse lUebung mit entblößtem Haupte auszuführen." Der Erzherzog: „Will Ihrem Gewissen keinerlei Zwang antun, bedecken Sie sich!" Vorsteher Dreyfus setzte hieraus seinen Dreispitz auf und sprach mit lauter Stimme: „ßorucli schenosan mikwodo lebosor wedam.“ „Wollen Sie mir dies auf deutsch erklären." bat hierauf der Prinz, worauf Dreyfus den Spruch mit den Worten: „Gelobt sei'st du Ewiger, unser Gott. König der Welt, der du von deiner Herrlichkeit auch Menschen mitteiltest." übersetzte. „Eine erhabene Idee!" sagte der Prinz zu seinem Adjutanten! Nachdem hierauf der Erzherzog seinem Diener einen Befehl in fremder Sprache gab, entfernte sich derselbe schnell. Auf die nebenstehenden Stühle weisend, sagte der Prinz:. „Setzen wir uns," und ließ sich hiebei auf einen 'Feldstuhl nieder: die anderen Herren folgten gleichfalls seiner Aufforderung. „Ja, Kaiserliche Hoheit! Bei Freud' und Leid, bei jedem Genuß, sowie bei jeder einzelnen Erscheinung sollen wir dem Schöpfer danken, der von allem her Urheber ist," bemerkte Dreyfus. Während des Gespräches trat ein Mann ein, halb Zivil, halb militärisch gekleidet, mit einer großen Mappe unter dem Arm. Es war der k. k. Hofmaler. Er machte