Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 17 (25.4.1913)
- Date
- 1913-04-25
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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jtr. 17 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 313 nach Ablauf von je Müls Stunden machte ich linen Knoten in mein Sacktuch. Den zehnten Knoten knüpfte ich schon an meinem Sacktuche, zehnmal zwölf Stunden quälten wir uns schon in der stummen Nacht, als ich folgendes sprach: „Brüder, es schlägt die letzte Stunde, bereiten wir uns zum Tode vor. Die Kraft schwindet, uns. nicht -erträgt länger der Körper die schrecklichen Entbehrungen. Dort oben, wo Menschen wandeln und so Kummer ihr Herz drückt, zum Himmel emporschauen, dort wird man gewiss auch jetzt noch für unser Seelenheil beten. Kassel uns unser Geburt mit dem ihrigen vereinigen. und das doppelte Flehen wird uns schon den Weg zum Throne des höchsten Richters ebnen. Brüder, lasset uns beten." Da ertönte im Finstern die Stimme meines Sohnes: „Vater! Bitter ist es sehr, jetzt zu sterben, jetzt, da die Blume wieder auflebt und die Pflanze aufs neue aus dem Erdboden sprosst. Frühling ist's jetzt oben auf den Fluren und Wiesen, und nur für ims' sollte der kalte Winter eintreffen! Vater, ich kann es! nicht glauben, dass gerade am Vorabende des PessaH wir dem Tode bestimmt wären!" Er hatte recht! Im selbigen Moment mag oben der Abendstern erschienen sein, und wo es auf diesem weiten Erdenrunde einen frommen Juden gibt, der wird jetzt die Erinnerung an den wundervollen Auszug aus M"zrajim gefeiert haben. Ein Gedanke entstand in mir und ich sprach: „Wisset Ihr was? Auch wir wollen die Hagadah sagen. Unsere tiefe Betrübnis wird uns das bittere Kraut, unsere schmerzlichen Erinnerungen das ungesäuerte Brot vertreten." Und wie wir waren, setzten wir uns nieder auf den feuchten Boden, und mein Sohn stellte die Frage auf: „Nab niseötano lialajloh haseli? Wodurch ist unterschieden diese Nacht von allen übrigen Nächten?" Ich gab die Antwort darauf: „Avodim liojinu lefarao bemizrojim, Sklaven Pharaos waren wir im egyptifchen Lande, aber der Schöpfer führte uns von dort hinaus mit starker Hand und gewaltiger Macht. Hätte Er uns nicht hinausgesührt, so wären wir jetzt noch Sklaven." Die Stimme der Erinnerungen versank allmählich in Schluchzen, und weinend umarmten wir einander. Denn auch wir waren Sklaven dieses unterirdischen Kerkers und erwarteten den Tod als unsere Erlösung. Aber siehe, was soll das bedeuten? Aus der Ferne hörten wir Schläge, wie tumpfes Tosen tönte es. Klang der Arthiebe und Getöse der Erdbohrer waren es. Die Befreiung nahte. Mächtig durchdrang die Lebenshoffnung unser Herz, wie das finstere Gewölk des Himmels, wenn der Horizont sich rötet, so zerstreute sich unsere Todesfurcht. Und als die 'Nacht geschchhnden. da kamen die Befreier und trugen uns unter dem freien Gotteshimmrl hinaus! Als wir ihn das letztemal gesehen, da kämpfte noch die Erde mit dem nur schwer von ihr sich scheidenden Winter, jetzt prangte der Frühling in seiner ganzen Pracht. Wir waren zurückgegeben dem Leben, den Unsrigen, die uns schon für verloren hielten. Und seit damals ver-» sammeln wir uns Jahr für Jahr hier an dieser Stelle, damit wir den Eintritt des Pessach feiern und dem' Herrn Dank sagen, der es nicht zugelassen, dass wir frühzeitig. vor unserer Zeit, ins finstere Reich des Todes! niedersteigen. Oft hatte ich schon in meinem' Leben dem den Pessach begrüßenden Empfang beigewohnt, aber einen rührenderen wie den, den ich selbst in einer Schlucht des Monser Bergwerkes mitgefeiert, habe ich noch niegesehen. Weralur. Aus Mor»tz Lazarus Jugend. Ein neues Werk von Moritz Lazarus ist immer eine herrliche Festgabe und ein freudiges Ereignis für Freunde der jüdischen Literatur und jedem treuen Sohn des Judentums. In einem prächtigen, höchst anziehenden Buche, das soeben erschienen ist,*) schildert der berühmte Philosoph und Begründer der Wissenschaft der Völkerpsychologie Geh. Reg. Rat Prof. Moritz Lazarus die ersten 25 Jahre seines Lebens. Fesselnd, anregend, geistvoll wie eben jedes Buch der bereits stattlichen Lazarus- Literatur. Seine um den literarischen Nachlaß ihres berühmten Gatten hochverdiente unermüdliche Witwe hat sich den Dank weiter Kreise durch die Herausgabe dieses hochinteressanten Buches gesichert, dessen Entstehen ihr auch insofern zu danken ist, als Lazarus ihr seine Jugendgeschichte auf ihr dringendes Verlangen diktierte. Die drei Abschnitte Elternhaus, Fremde und Univerfitätsstudien entrollen ein Lebensbild, wie es anziehender, vorbildlicher und zugleich erschütternder kaum gedacht werden kann. Dieses Ringen und Kämpfen eines großen Geistes nach freier Entfaltung! Dieses energische, trotz wiederholtem Zusammenbruche immer wieder sich aufraffende Vorwärtsstreben! Und dazu diese köstliche Milieu-Schilderung des Lebens und Treibens in der kleinen jüdischen Gemeinde! Dieses Buch ist berufen, nachhaltigen Einfluß besonders auf die Jugend auszuüben und er wird sich höchst heilsam erweisen. Jeder Bibliothek wird das vornehm ausgestattete Buch zur Zierde gereichen. Dasselbe ist vom Rabbiner Dr. T ä n z e r in Göppingen mit erläuternden und ergänzenden Fußnoten versehen worden, die gleichfalls willkommen sein dürsten. Das RätfeL der Marskanäle und damit die Frage der Bewohnbarkeit des Planeten Mars erörtert der berühmte englische Astronom und Direktor der Greenwich-Sternwarte Sir Waller Maunder in einem rechillustrierten Aufsatz in den soeben erschienenen Lieferungen 23—26 des Prachtwerks „Die Wunder der Natur" (Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Berlin W. 57. Preis der Lieferung 60 Pfg.) Für ein Leben von höherer Art müssen wir nach ihm den Mars als' gänzlich ungeeignet bezeichnen. Die Marskanäle erklärt er für Wahrnehmungstäuschungen unseres Auges. Die gleichen Lieferungen, die den zweiten Band des namentlich auch illustrativ nicht zu überbietenden Werkes beginnen, bringen ferner eine Schilderung des Ameisenlebens aus der Feder Prof. Dr. K. Efcherich lTharandt). eine Plauderei über die „Königin der Wasserrosen" (Victoria regia) von Raoul H. Francs, übeö „Vögel, die nicht fliegen können" von Wilhelm Völsche und vieles andere. Alle diese Aufsätze werden durch eine Fülle von hervorragend schönen Reproduktionen zumeist nach photographischen „Natur-Urkunden" erläutert. Di« Idee der Wiederherstellung des jüdischen Staates bei einem mittelalterlichen jüdischen Schriftsteller. Josef Ibn Kaspi ist einer der fruchtbarsten und originellsten jüdischen Schriftsteller des Mittelalters. Kaspi hat mehr denn zwanzig Schriften verfaßt, die alle Probleme der Bibel und Religionswissenschaft, sowohl vom theologischen, als auch vom philologischen Standpunkte ausgehend, gründlich erörtern. Die Schriften des geistvollen Mannes waren sozusagen verschollen, bis nicht in Isak Last ein liebevoller und treuer Erlöser und Herausgeber der Kaspischen Schriften entstanden ist. Bis zum Jahre 1903 war nur Kaspis Doppelkommentar zu Maimonides More Nebuchim bekannt (ed. Werblumer 1848). Die Werke Kaspis sind, wie Bacher (Monatsschrift, 1912, 199 ff) gezeigt hat, von besonderem Interesse für die Geschichte der Bibelexegese. Herr Last hat jedoch dieser Tage* 1) die jüdische Literatur mit einer *) Aus meiner Jugend, Autobiographie von M. Lazarus, mit Vorwort und Anhang von Nahida Lazarus, Frankfurt a. M. 1913, I. Kauffmann. Preis 2.r,0 Mark. i) Tam-Hakesseph, eight treatises by R. Joseph ibn Kaspi. Published by Isaak Last. London 1913. (Im Selbstverläge des Verfassers: 2. Montefiore College. Ramsgate. England.)