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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-04-25 · 17 (25.4.1913) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
17 (25.4.1913)
Date
1913-04-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 300 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 17 Hilfswerke des Vereines. Aus der Bilanz ergibt sich, daß für die russische Aktion im verflossenen Jahre 68.012 Kronen, für die rumän. Aktion 10.054 Kronen, für die galiz. Schulen 21.159 Kronen, für die Juden in Marokko 25.951 Kronen ausgegeben wurden, während die Aktion für die Balkan! ander, welche in einer Konferenz in Brüssel geregelt wurde, noch in der Schwebe ist. „Österreichisch Israelitische Union." Am 17. April fand im Saale des Hotel Guth die diesjährige ordentliche Generalversammlung der „Oesterreich isch-Israelitischen Union" statt. Präsident Dr. 2. Samuely hieb die Anwesenden herzlich willkommen und erteilte dem Sekretär, Herrn Siegfried Fleischer, das Wort zum nachstehenden Rechenschaftsbericht: Geehrte Generalversammlung! In sorgenschwerer Zeit erstatten wir unseren diesjährigen Bericht. Die Rriegswtrren auf der Balkanhalbrnjel haben ganz Europa, insbesondere aber unsere Monarchie, in arge Mitleidenschaft gezogen. Sie zwangen uns zu kostspieliger Wasfenbereitschaft in Nord und Süd, sie lähmten Handel und Verkehr, und die Niederlagen der Türkei bedrohen unsere Industrie mit dem Verluste eines wertvollen Absatzgebietes. Zu diesen Bedrängnissen der Gegenwart gesellt sich noch die quälende Sorge, ob die heute kaum beschworene Gefahr eines Weltkrieges nicht schon in naher Zukunft in verstärktem Maße wkederkehren werde. Angesichts dieser bedrohlichen Spannung und der exponierten Lage Oesterreich- Ungarns müßte eine vorschauende Staatsweisheit es als ihre dringendste und wichtigste Aufgabe erkennen, alle Dolkskräfte gusammenzufasten, die nationalen Zwistigkeiten und konfessionellen Gehässigkeiten im Innern nach Möglichkeit zu vermindern und das durch Parteigeist und Willkür in einzelnen Klassen und Schichten der Bevölkerung erzeugte Gefühl der Zurücksetzung und Bedrückung zu beheben. (Rufe: Sehr richtig!) Das ist bisher nicht geschehen, und so sehr auch wir Juden an Opferwilligkeit und patriotischer Pflichterfüllung mit allen Völkern des Reiches wetteifern, so begründet ist die Klage, daß uns die gesetzlich verbriefte Gleichberechtigung fast auf allen Gebieten des Staatslebens noch immer vorenthalten wird und daß Regierung und Parlamentsmehrheit gegenüber dem nationalen und klerikalen Antisemitismus nach wie vor eine unbegreifliche Konnivenz bekunden. Die auswärtige Krise, die auf den Bekennern aller Konfessionen mit gleicher Schwere lastet, hat die Feindseligkeiten gegen die jüdische Bevölkerung nicht vermindert, za, wir haben Grund zu behaupten, daß diese Feindseligkeiten sich gerade im letzten Halbzahre noch gesteigert und unser Rechts schutzbureau zu erhöhter Tätigkeit gezwungen haben. Ist doch just in jenen Tagen, da das „gesittete" Europa sich über die an Mohammedanern und albanischen Katholiken begangenen Grausamkeiten entrüstete, bei uns von geistlicher Seite der frevelhafte Versuch unternommen worden, durch neuerliche Verbreitung der R i t u a l m o r d l ü g e die Leidenschaften der Menge gegen die Juden aufzupeitschen. Es war freilich ein Verzweiflungsakt, mit dem sich der Katechet Dr. Hrachowsky in Kolin vor dem schweren Vorwurf retten wollte, daß er seine eigene Geliebte durch grausame Drohungen in den Tod getrieben. Er selbst war es, der in zwei an den klerikalen Prager „Czech" gerichteten Zuschriften das Verschwinden der von ihm verführten Marie P a wl i k durch die indirekte, gegen den. jüdischen Dienstgeber erhobene Beschuldigung des Ritualmordes zu erklären suchte und hiedurch in der christlichen Bevölkerung von Kolin und Umgebung eine ungeheure Erregung bewirkte. Glücklicherweise ist die Leiche der Verschwundenen eine Woche später von der Elbe ans Land gespült worden, und die gerichtliche Obduktion hat als zweifellose Todesursache Selbstmord ergeben. . Aber die Frage muß aufgeworfen werden, und wir haben sie an kompetenter Stelle angebracht, wie die geistlichen Oberbehörden und wie die Staatsanwaltschaft, die ja sonst nicht faul im Konfiszieren ist, eine solche verruchte Hetze im Wege der Zeitung dulden konnten und wie ein Mann von derartigem Lebenswandel auch nur einen Augenblick länger in dem verantwortungsvollen Amte eines Religionslehrers belassen werdet kann. Wahrheitsgemäß muß konstatiert werden, daß diesmal die gesamte tschechische Presse, mit Ausnahme des klerikalen „Czech", die Wühlereien des P. Hrachowsky wie die Blutlüge überhaupt auf das schärfste verurteilte. Wir haben im Einvernehmen mit unseren Koliner Glaubensgenossen die nötigen Schritte eingeleitet, um den Verleumder zur Rechenschaft zu ziehen. — Offenbar als ein Niederschlag der Koliner Vorgänge ist ein anderes, in Eroß-Chvalovic bei Petschek entstandenes Ritualmordgerücht anzusehen. Ein bei der jüdischen Krämerin Veleminsky bedienstetes Mädchen hatte einen neuen Dienstplatz jn Bodenbach angenommen. Kurz nach der Abreise des Mädchens entstand das Gerücht, die Veleminsky hätte das Mädchen zu rituellen Zwecken getötet. Die Frau berief das Dienstmädchen telephonisch nach Eroß-Chvälovic, und nun erst, als sie die angeblich Ermordete gesund vor sich sahen, beruhigten sich die Leute. Neben diesen Fällen aus jüngster Zeit beschäftigte uns noch eine ganze Reihe von Nitualmordbeschuldignngen an den verschiedensten Orten. Im Sommer 1912 wurde in F r i e d e k in Oesterr.- Schlesien an der l^/zjährigen Marie Ilherek ein Lustmord verübt, als dessen vermeintlicher Täter der jüdische Agent Sigm. Glaser verhaftet wurde. Nicht nur ein Teil der christlichen Bevölkerung von Friedek-Mistek, sondern auch zahlreiche antisemitische Blätter in Oesterreich und Deutschland bezichtigten Glaser des Ritualmordes. Im Einvernehmen mit unseren Glaubensgenossen in Friedek-Mistek haben wir einen Geheimagenten an den Schauplatz des Verbrechens entsendet, und diesem ist es nach wochenlangen mühevollen Nachforschungen gelungen, den wirklichen Mörder, der mittlerweile nach Preußisch-Schlesien entwichen war, zu eruieren und denselben, sowie dessen Geliebte'als Mitwisserin dem Gerichte zu überliefern. — Auch in Jude n b u r g in Steiermark gab die Auffindung einer Leiche, von welcher der Kopf abgeschnitten war, in der Nähe des israelitischen Friedhofes Anlaß zu Ritualmordgerüchten, bis nach wenigen Tagen ein berüchtigter christlicher Schwerverbrecher verhaftet und des Mordes überwiesen wurde. — Zu Ostern des vorigen Jahres wurde der jüdische Krämer Joses Gans in Sobotka plötzlich von der Bevölkerung boykottiert. Er erfuhr, daß die bei ihm bedienstet gewesene Franziska Hofrichter und deren Mutter Anna das Gerücht verbreitet hatten, die Familie Gans habe dem Mädchen zu rituellen Zwecken Blut abzapfen wollen. Josef Gans klagte wegen Verleumdung und das Mädchen wurde vom Bezirksgerichte zu zehn Tagen Arrests verurteilt. — Zu Netschetin in Westböhmen kehrte ein Ibjähriges Mädchen nach dem Kirchgänge nicht ins Elternhaus zurück. Sofort sprach die Fama von einem „Ritualmord" und beschuldigte den jüdischen Schnittwarenhändler Sigmund Bergmann. Nach fünf Tagen stellte es sich heraus, daß das Mädchen sich ohne Wissen der Eltern bei ihrer Schwester in Kripau ausgehalten hatte. — Jn all diesen Fällen hat unser Rechtsschutzbureau durch rascheste Feststellung des Tatbestandes und Bekanntgabe desselben an die zuständigen Behörden eingegriffen. Man darf sich nicht wundern, daß der Ritualmordwahn noch immer in so gefährlicher Weise die Köpfe der urteilslosen Menge verwirrt, wenn man erfährt, daß gewissenlose Lehrev schon in der Volksschule die kindlichen Gemüter mit der furchtbaren Vorstellung des Ritualmordes erfüllen. So hat in der Josefstädter Volksschule in Prag der Katechet zu Weihnachten eine Broschüre verteilt, in welcher erzählt wird, wie die Juden einen Christen durch Geld bestechen, ihnen ihr Kind anzuvertrauen, und wie dann der grausame Rabbiner das Kind tötet und ihm das Blut abzapft. — Jn der Volksschule zu Jaworzno in Galizien richtete der Lehrer Szufa an die jüdischen Kinder die Frage, ob es wahr sei, daß zur Bereitung der Mazzoth Christenblut verwendet werde. Als der erste Knabe dies verneinte, züchtigte er ihn mit Stockhieben, und wiederholte die Frage so lange, bis eines der geängstigten Kinder sie bejahte. — Wir sind gegen diese Jugenderzieher in der energischesten Weise beim Unterrichtsministerium eingeschritten. Es ist bezeichnend, daß eine schriftliche Erledigung unserer Beschwerde noch nicht erfolgt ist und daß wir nur die mündliche Auskunft erhielten, es sei dem Lehrer Szufa eine strenge Rüge erteilt worden. All das ist begreiflich in einem Staate, in welchem trotz der von den höchsten juristischen Autoritäten gelieferten Nachweise, daß das gegen Leopold H i l s n e r gefällte Todesurteil sich weder formell noch materiell aufrechterhalten lasse und daß hier ein ungeheurer Justizirrtum begangen wurde, den Bemühungen zur Erforschung der Wahrheit nur zögernd und schleppend Folge gegeben wird. Im Märzhefte unserer Monatsschrift haben wir davon Mitteilung gemacht, daß diese unsere Bemühungen, die seit vierzehn Jahren rastlos fortgesetzt werden, zur Aufdeckung wichtiger Spuren führten und daß wir zweimal, am 10. Jänner 1911 und am 22. Februar 1913, dem Justizminister neue Tatsachen vorlegten, welche auch bei strengster Feschaltung der formalen Bestimmungen der Strafprozeßordnung die Wiederaufnahme des Verfahrens ermöglichen. Unsere Eingaben wurden dem zuständigen Gerichte übermittelt und von diesem die beantragten Erhebungen eingeleitet. Jene über das Material von 1911 sind heute, nach Verlauf von mehr als zwei Jahren, noch nicht abgeschlossen, und wir können über diese Langsamkeit der Prozedur nur unser Erstaunen aussprechen. Die Erhebungen über das neue Material von 1913 haben mit großer Raschheit und Energie eingesetzt, es befremdet uns jedoch in hohem Maße, daß die christlich soziale Presse in der Lage ist, sowohl Aber den Inhalt unserer Eingabe, als auch über die stattgefundenen Zeugeneinvernehmungen und Aktenprüfungen fortlaufend sachliche Mitteilungen zu machen, während eine öffentliche Aeußerung, welche der ehemalige Chef der Prager Kriminalpolizei, Hofrat O l i ö, für die Unschuld Hilsners abgab, der Konfiskation verfiel. Diese Aeußerung enthält eine Anklage! Hofrat Oliö hat unmittelbar nach dem Morde durch seine Amtsorgane an Ort und Stelle gründliche Nachforschungen ge-

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