Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 16 (18.4.1913)
- Date
- 1913-04-18
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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I Nr. 16 Dr. Blochs Wochenschrift Sette 393 mich diesem Vorwürfe nur teilweise anschließen. Seien wir offen. Welche Juden lesen denn Bücher, die sich mit Religion beschäftigen? Ich glaube, wenn wir so volkstümlich schrieben, wie die Bibel geschrieben ist, würden solche Bücher doch nur von der intelligenten Klasse gelesen werden. Hat Moses in unserem modernen Sinne volkstümlich geschrieben? Nein. Nnd doch heißt es bei ihm: „Sprich zur ganzen Gemeinde der Kinder Israel." Er hat eben zu den Berständigeren für das ganze Volk gesprochen, damit sie seine Lehren in das Volk dann weiter tragen. Die Propheten waren gewiß Volksredner, aber verstanden sind sie doch nur von der Intelligenz worden. In diesem Sinne find Zieglers Volksschriften tatsächlich Volksschriften. Die Menge wird sie nie lesen, sie mögen noch so populär geschrieben sein; sie sind für die Intelligenz der Juden bestimmt, damit diese jüdische Religionsprobleme kennen lerne und so das werde, wozu jede Intelligenz berufen ist: der geistige und sittliche Führer ihrer Gesamtheit. Bis heute hat die moderne jüdische Intelligenz von diesem ihrem größten Berufe nichts wissen wollen. Sie beginnt aber einerseits durch den B'nai- B'rith-Gedanken, anderseits durch die jüdisch-nationale Idee angeregt — sich darauf zu besinnen, und es ist Dr. Zieglers nicht hoch genug zu schätzendes Verdienst, daß er die erwachende jüdische Inte.ligenz auf den rechten Weg führt. Daß dies nur an der Hand der kritischen Wissenschaft und der modernen Weltanschauung möglich ist, wird jeder nicht Weltentrückte einsehen. Das Ejei^.t natürlich nicht, den Ausschreitungen des Modernismus blind folgen, aber für mittelalterliche Theologien, die nieinen, mit vorsintflutlichen Ideen dem „Volke" die Religion zu erhalten, sind intelligente Juden nicht mehr zu haben. Die Religionen müssen und werden neue Wege gehen, das ist zweifellos; und die Eucher des neuen Weges sind die wahren Erhalter der Religion. Und Zieglers weiteres Verdienst ist, diesen Suchern das richtige historische Material zu geben. Was Dr. Ziegler bei seinen! Unternehmen vorschwebte, was er mit ihm geben wollte, der erste Jahrgang hat es voll und ganz geboten. Wir haben es schon in unserer ersten Besprechung hervorgehoben und rönnen es nur mit Vergnügen nochmals bestätigen: jedes Heft ist inhaltlich, wie der Form nach, besser, wie das vorhergehende. Die drei letzten Hefte: Venetianers „Jüdisches im Christent u m", Eoodmans „Die Liebest ütigkeit im Judent u Im" und Zieglers „W i s s e n s ch a f 1 und Religion" sind geradezu vorzüglich, und ganz besonders die Arbeit Venetianers und die religionsphilosophische Untersuchung Zieglers verdienen die Beachtung der allerweitesten Kreise. Trotz dieser unserer uneingeschränkten Zustimmung zunr Zieglerschen Unternehmen wollen wir den Herausgeber doch ersuchen, seine Mitarbeiter aufzusordern, einer noch viel schlichteren, einfacheren Schreibweise sich zu befleißen, von einer zu großen Häufung des^ Materials abzusehen und nicht zu weitschweifig zu werden. Lo weit als nur möglich, soll kein Heft mehr als 3—4 Druckbogen umfassen, es ist ja nicht nötig, alles was man über ein Thema weiß, dem Leser zu bieten. Die Förderer der „Volksschriften" und wohl auch ihr Herausgeber selbst werden den Autoren der einzelnen Themen nur Dank wissen, wenn sie sich in der Beschränkung als Meister der Darstellung zeigen werden. An die jüdische Intelligenz wollen aber auch wir mit dem Herausgeber unseren Appell richten, das Erscheinen des zweiten Jahrganges zu sichern. Ich kann nichts besseres tun, als bitten, Zieglers Ausruf, der dem letzten Heft des ersten Jahrganges vorangeht, zu beherzigen. Die Schlußworte des trefflichen Aufrufs seien wörtlich hier wiedergegeben: „Und nun eine Bitte an alle Abonnenten und Leser: Bleiben Sie meinem Unternehmen treu! Betrachten Sie es als jüdische Ehrensache, es zu Hallen und zu fördern. Es sollte wahrlich keine Genieinde, feinen Verein und keine intelligente jüdische Familie geben, soweit sie den wissenschaftlichen Standpunkt des Herausgebers und seiner Mitarbeiter teilen, die die „Volksschriften über die jüdische Religion" nicht hielten. Wir müßten uns wahrhaftig vor der Außenwelt schämen,- könnte das Unternehmen aus Mangel an dauerndem Interesse nicht erhalten bleiben; mit Recht würde das für den Niedergang der Iudenheit zeugen, dieser Iudenheit, die einst stolz den Namen trug: „Das Volk des Buches." Nehme sich jeder Jude der Propaganda dieser „Volksschriften" an, empfehlen Sie dieselben, wo Sie nur können, mit unermüdlichem Eifer. Und wenn Sie selbst keine Zeit finden, diese Schriften zu lesen, geben Sie sie Ihren Kindern, einem Verwandten, einem Freunde. Es gereiche Ihnen zur Genugtuung, durch Ihr Abonnement das Unternehmen eristenzjähig zu machen. Das Jahresabonnement im Betrage von 5 Kronen — 4 Mark 30 Pfennige ist an sich eine so geringe Belastung, daß sie als Ausgabe kaum in einem besseren Hause ernstlich in Betracht kommen kann. Ein schlechter Roman weniger und die Ausgabe ist gedeckt! Die Tendenz der „Volksschriften über die jüdische Religion" bleibt unverändert: Aus Grund objektiver Wissenschaft Kenntnis über die jüdische Religion zu verbreiten und dadurch die Vorurteile zu bannen, die Treue zu kräftigen und zu wecken!" Wir haben diesen Worten Dr. Zieglers nichts hinzuzufügen. Möge ihnen ein voller Erfolg beschieden sein. Dr. H . . . Der Misehpoehe-Rentier un«l andere Geschichten von Ulrich Frank (Ulla AVolff-Frank). Berlin, Louis Lamm. Ulla AVolff, die mit ihrem Simon Eichelkatz der jüdischen Belletristik eine Figur geschenkt hat, die kein Leser leicht, vergißt, bietet in ihrem neuen Buche wieder einen Typus, den wir alle kennen und der nach künstlerischer Gestaltungverlangte. Der Rentier, der von der Gnade der Mischpoche diese Würde behauptet und die Beiträge zu seinem Ruhegehalte fordert und nimmt wie etwa ein Fürst seine Apanage! — Welcher Jude älterer Generation kennt, nicht solch einen Misehpoehe-Rentier oder — Rentiere? In Saul Eisenstädter, dem Misehpoehe-Rentier, sieht man das Entstehen dieses rein jüdischen Phänomens, man lernt die Gründe seines Wachstums kennen und damit sieht man auch tief hinein und weit zurück ins vergangene oder vergehende Judentum. Reich eingestreute Anekdoten geben dem Bilde viel Farbe und beweisen, daß Ulla WollT eine Art Inventuraufnahme in diesem Buche, oder noch besser eine Aufnahme zum ewigen Gedächtnis machte. Die Künstler, die das jüdische Leben des Westens kannten, sterben ab oder legen bei Lebzeiten die Feder aus der Hand. Alan beeile sich, zu lesen, was noch aus diesen versiegenden Quellen fließt. Im zweiten Teile des Buches, „feine Seelen", werden einige Aristokraten des Geistes und Empfindens in Form von kleinen Skizzen dargestellt. Zarte, sorgfältig ziselierte Plaquetten, aus deren interessanten Darstellungen die Modellierungen bekannter Charakterköpfe herausdrängen: Juden, die man 'kennt oder kennen sollte. Im vierten und letzten Stücke erkennen wir das feine Heinegesicht von Gustav Karpeles, der vom Tische der internationalen Xotorität sich abwandte, um seinem Volke zu dienen —■ seinem Volke, das er nie als „Nation" anerkennen wollte und unter dessen „Nationaleigenschaften" er schwer genug litt. Er trug es leise und verschämt verborgen, und doch den Eingeweihten offenkundig. Das Leid über die Undankbarkeit der Juden — die nur den Nichtjuden fanatische Dankbarkeit zollen, aber ihre Künstler nicht beachten, ihre Gelehrten nicht kennen und ihre Schriftsteller kaum lesen, sicher jedoch ihre BüUher nicht kaufen, ihre Politiker ,verunglimpfen, es sei denn, daß das Wirken dieser Volksgenossen kein jüdisches sei - - dann, dann allerdings. Aber das Büchlein von Ulrich Frank ist ein jüdisches Buch: wird .es Käufer finden? H. J. St. Fusion des „Iewish Chronicle" und „JeWish World". Aus' London kommt die interessante Meldung, daß die Verlagsgesellschaft des „Iewish Chronicle" sämtliche Rechte des englischjüdischen Wochenblattes „The Iewish World" erworben hat. Dre Fusion dieser beiden Blätter ist um so bemerkenswerter, als dieselben bis in die letzten Tage mit einander in Fehde standen und sich mitunter sehr stark bekämpften. Während „Iewish Ehronicle" in der letzten Zeit ganz zionistisch geworden ist, hat „Iewish World" dieser Richtung wenig Srimpathien gezeigt und sich mehr für den Itoismus Zangwill's erwärmt. „Iewish World" wurde im Jahre 1812 gegründet und zählte im Lau,e der 41 Jahre seines Bestandes die bedeutendsten jüdischen Publizisten Englands zu seinen Redakteuren, bezw. Mitarbeitern. So stand viele Jahre hinvurch der bekannte jüdische Publizist Lucien Wolf an der Spitze dieses Blattes, das unter anderen auch von Karl Stetlauer publizistisch und finanziell gefördert wurde. Nach der Fusion wird „Iewish World", unter Beibehaltung des Titels, jeden Mittwoch als Literaturblalt des „Iewish Ehronicle" erscheinen, während der „Iewisch Chronicle" in seinem bisherigen Umsange auch weiterhin am Freitag erscheinen wird. Infolge dieser Fusion gibt es heute in England bezw. in London nur ein einziges englisch geschriebenes jüdisches Blatt. Die Sagen der .Juden. Gesammelt und bearbeitet von Micha Josef bin Gorion. Von der Urzeit. Preis: Geheftet Alk. 6.—, gebunden Mk. 7.50. Literarische Anstalt Riitten u. Loening, Verlagsbuchhandlung, Frankfurt am Alain. Jung-Juda. Illustrierte Zeitschrift für unsere Jugend. XIV. Jahrgang. Nr. 8. Prag, den 11. April 1913 (4. Nissan 5078), Pessach-Festnummer. Inhalt: El. Lädier. — Dr. F. Richard Heinschel: Das Fest unserer Freiheit. -- Dr. S. Jampel: Bilder aus Israels Knechtschaft in Aegypten. — Heinrich Loewe: Eine Fahrt ins Geisterland. — Siegmund Werner: Thefilath Tal. — Ben Jehuda: Von der Eisenstädter Judengemeinde (mit Illustrationen). Moritz Antscherl: Rudolf Fuchs (mit IHustr.). —- Max Rieden: Pessachlied. — Josef Hart: Das Dreigespann (Forts.). M. Scherlag: Glück. — Dr. Adolf Heller; Salem und der Bohnenhändler. — Guck in die Welt. — Uebersetzungsaufgabe. — Rätsel. — Redaktion und Administration: Prag. II., Stefansgas.se 629. A: | .V.r -0 ■ Vi