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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-04-18 · 16 (18.4.1913) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
16 (18.4.1913)
Date
1913-04-18
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 292 Wochenschrift. 16 sind, dafür aber mehr dem falschen und verlockenden Propherentum der modernen Zeit ein geneigtes Ohr leihen und in ihrer Verblendung und phantastischen Schwärmerei sich eine ganz eigenartige Wellordnung konstruieren und schaffen, freren, iau,chenoen Idealen, Utopien förmlich nachjagen, von dem Labyrinth ihrer Irrungen und Verjehlungen Befreiung und Erlösung bringen. Josef Friedl, Oberlehrer i. R. Gin Glück ans Arrtum. Zu Anfang der Dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts war das Hotel „zum Weidenbusch" in Frankfurt am Main einer der frequentesten Gasthöse der Stadt, weil sich durch das ganze Rheinland und die sonstigen Rachbarprooinzen der Ruf seiner vorzüglichen Küche undseines Weinkellers verbreitet harte. Für die WirtstafA reichte der Speisesaal selten aus, meistens zog man die Nebenzimmer hinzu, aber die Stammgäste hielten unerschütterlich fest an einem Platze im Hauptsaal, weil man von dort aus die fremden Ankömmlinge am besten mustern konnte. Undzahlreiche Stammgäste hatte der „Weidenbusch" speziell unter den kaufmännischen Reisenden, weil der Wirt wie ein guter Familienvater für sie sorgte. Wenn sie im Postwagen oder auch im eigenen Gefährte auf der holprigen Landstraße krumm und lahm gerüttelt waren, konnten sie in den trefflichen Betten des Hotels sich erholen, der Wirt sorgte dafür, daß die besonderen Ansprüche jedes Einzelnen, betreffend Kissen und Betten, befriedigt wurden, und sogar der Lieblingstabak - man rauchte damals allgemein aus Pfeifen ward vom Wirt bereit gehalten. Ein alter pensionierter Major, der an der Wirtstafel den Vorffitz führte, hörte eines Mittags seine ganze Umgebung von nichts anderem reden, als von dem eben neu erschienenen Roman von Karl Spindler. Die Erzählung hieß: „Der Jude", spielte im 15. Jahrhundert wahrend des großen Konzils in Konstanz und hatte für Frankfurt ein ganz besonderes Interesse, weil die dortige Judengasse der Schauplatz eines Teiles der höchst lebendig geschilderten Ereignisse war. Der Major hatte sich ganz im „Weidenbusch" eingemietet. Als er nach dem Kaffee sein Zimmer behufs des Mittagsschlafes betrat, zog er ausnahmsweise die Schelle, und da die mit dem Abräumen der Mahlzeit beschäftigten Kellner das Signal nicht hörten, erschien der Hausknecht. „Hole mir Spmdler's Juden!" rief der Major. Auf dem Korridore überlegte der Beherrscher der Garderobe, der die Bürste noch in der Hand hielt, was der Oberstwachtmeister gemeint haben könne. Nochmals zu fragen hatte er nicht den Mut, denn der alte Soldat war mit seinen „Donnerwettern" viel weniger sparsam, als mit seinen Trinkgeldern. , . Das Adreßbuch muß mir helfen, dachte er zuletzt und studierte darauf in der Portiersloge eifrig den Wohnungs-Anzeiger von Frankfurt. Dem Mutigen hilft das Glück. Er fand wirklich einen Mann Namens Spindler und machte sich nun sofort auf den Weg. „Wohnt hier der Jude Spindler?" fragte er auf dem Flur des betreffenden, in einer kleinen Gasse gelegenen Hauses. „Nicht hier, sondern im zweiten Hause um die Ecke, dritter Stock", lautete die Antwort. Nach atemloser und nicht ganz ungefährlicher Passage über die Hühnersliege traf er einen alten israelitischen Tabulettkrämer, der seine Ordre: „sofort im Hotel „Weidenbusch" auf Nr. 21 zu erscheinen", mit großer Freude entgegennahm. Bei allem Aerger über die lange Verzögerung mußte der Major nun doch lachen, als er statt des erwarteten Buches einen wirklichen Juden in Lebensgröße erscheinen sah. „Was steht zu Dienst? Seifenkugeln, Zahnbürsten, Schildpattkämme", begann der alte Mann und zog die angepriesenen Waren aus seinem Korbe hervor. „Laßt's gut sein! Der Esel von Hausknecht hat eine große DummWt gemacht,- ich bestellte nicht Euch, sondern ein Buch. Von Euren Sachen kann ich leider keinen Gebrauch machen; aber da habt Ihr einen Gulden für Eure Mühe!" Allein der Jude sagte, er nehme nichts geschenkt, und weil seine Waren absolut keine Gnade fanden, bot er dem hartnäckigen Kunden ein Los zur nahe bevorstehenden Ziehung der Frankfurter Lotterie, welches der Major, um ihn los zu werden, denn auch zu kaufen sich bequemte. Als der alte Stammgast nun den Oberkellner kommen ließ und .ihm seinen Wunsch, den neuen Spindlerschen Roman aus einer Leihbibliothek zu empfangen, mitgeteilt hatte, war er binnen einer Viertelstunde im Besitz desselben und begann sofort zu lesen. Er las und konnte nicht aufhören. Der „Jude" ist eines der besten Werke des fruchtbaren Schriftstellers. Ter Roman gibt ein möglichst treues Bild der deutschen Zustände im 15. .Jahrhundert, schildert die üppige Pracht, welche die Kirchenfürsten aller Länder in der alten Reichsstadt am Bodensee entfalteten und stellt die durch den Uebermut des Rittertums herbeigeführten Gefahren des öffentlichen Verkehrs ins grellste Licht. Dabei wird ein mit den Lokalitäten Frankfurts vertrauter Leser nun noch ganz besonders angeregt und der Major war auch auf diesem Gebiete sehr bewandert. Als er mit Zuhilfenahme eines Teils der Nacht die Bände binnen 24 Stunden verschlungen hatte und am folgenden Tage zu Tische kam, übertraf er im Lobe des Spindlerschen Romanes alle anderen Gäste. Auch an den nächsten Tagen blieb die Dichtung das Hauptthema des Gespräches, und dann trat ein Ereignis ein, das eine ganz unerwartete Wendung herbeiführte. Denn wiederum in der Nachmittagsstunde und wiederum Mit seinem unvermeidlichen Tabulettkram erschien auf dem Zimmer des Majors der mißverstandene, nicht gedruckte, sondern lebendige Jude, aber diesmal mit vor Freude strahlendem Gesichte. „Was Hab' ich gesagt?" rief er dem Major entgegen, „Sie werden Glück haben, Gott hat es gewollt. Ihr Los hat gewonnen sechstausend Gulden!". Er brachte denn auch, gleich die Beweise mit, und als der letzte Zweifel geschwunden war, überreichte der überraschte Glückliche dem armen Juden eine Ertra- Provision in Gestalt eines doppelten Friedrichsd'or. Aber der Major war ein ganzer Kavalier und tat noch mehr. Als er den Gewinn behoben hatte,, ließ er den arMen Juden wieder zu sich kommen und schenkte ihm lausend Gulden, damit er einen größeren Handel beginnen könne. Der Jude nahm das Geschenk dankbar an und wurde infolge desselben einer der reichsten Männer des Frankfurter Ghettos. Literatur. Volksschriften Liber die jüdische Religio». Nun liegt der erste Jahrgang dieses bedeutsamen Unternehmens abgeschlossen' vor uns und es ziemt sich, demselben ein objektives Urteil zu widmen. Hören wir recht, so wird dem Ziegler' scheu Plane allenthalben das größte Lob gespendet, die Durchführung jedoch findet mannigfachen Tadel. Eigentlich nur einen: die Volksschriften seien keine Volksschristen. Ich kann

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