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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-04-18 · 16 (18.4.1913) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
16 (18.4.1913)
Date
1913-04-18
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 16 Dr. Bkochs Wochenschrift. Sette 291 Feuilleton. Eine Episode vom Kedeeadend. Ein sehr frommer Vater hatte seine drei Löhne mrt ihren Frauen und seine Tochter mit ihrem Manne dringlichst zum Leder geladen. Der lange ersehnte Vorabend des 15. Nisfar kam ins Land. Die Lonne war schon längst im Westen untergegangen und die anbrechende Nacht hatte ihre pechschwarzen Fittiche über dre Erde ausgebreitet und mahnte an den Lederanfang. Eine festlich gehobene und fröhliche Ltinlmuilg herrschte im ganzen Hause. Die Lichter erstrahlten und erleuchteten zauberhaft taghell das Zimmer. Die Hausfrau: war den ganzen Tag vollauf bemüht imb bestrebt die exquisitesten Speiseil zuzubereiten, um ihre lieben und geliebten Gäste königlich zu bewirten. Mit fieudestrahlenden Augen musterte sie sorgfältig den reinlich geschmückten Tisch und insbesondere die Lederschüssel, um zu sehen, ob alles in voller Ordnung fei und nichts von den vorgeschriebenen zeremoniellen Gegenständen fehle. Der Vater legte die Hagadas zurecht und schenkte die Becher voll mit Wein der besten Marke und einen besonderen Koß für den erwarteten .Ehrengast El'.a hamuwe. Die Mutter, welche von der großen Allst rengung des Tages matt und müde geworden war, ruhte in einem Lehnstuhl aus und empfand ein großes Vorgefühl der namenlosen Freude darüber, ihre sämtiichen Kinder am Abend um sich versaminelt zu sehen. Der Vater schritt in voller Ungeduld im Zimmer auf und ab und blickte fortwährend auf die Uhr. deren Zeiger bereits eine vorgeschrittene Abendstunde bezeichneten, und bald durchs Fenster auf die Gasse hinaus, um zu sehen, ob die sehnsuchtsvoll Erwarteten schon kommen. Die Mutter schaute besorgt und verdrießlich drein und sprach: „Wo bleiben denn unsere Kinder? Gebe der Allmächtige, daß ihnen nichts Unangenehmes passiert sei, welches sie am Hierherkommen verhindere!" Allein anstatt der Sedergäste kamen vier Absagebriefe mit allerlei Entschuldigungen folgenden Inhaltes: der älteste der Löhne schrieb: „Liebe Eltern! Entschuldigt unser Fernbleiben vom Leder: wir haben endlich nach einiger Bemühung Theaterkarten zu einem neuen, sehr schönen Stück erhalten und wollen uns den hohem Genuß nicht entgehen lassen." Der zweite Sohn schrieb: „Liebe Eltern! Entschuldigt, daß wir zum Leder nicht kommen können: ich habe heute eine Vereinssitzung, woselbst ich als.Ausschußmitglied anwesend sein muß." Der dr'rte Sohn schrieb: „Liebe Eltern! Wir bedauern lebhaft. Eurer Einladung nicht Folge zu leisten: wir sind beim Kommerzialrat N . . . zum Abendbrot geladen." Bei dem Worte „Brot" schrie der Vater: „Essen die gar am Pessach Brot („Chumez)!" - Die Tochter schrieb: „Liebe Ellern! Wir danken beestens für Eure Einladung zum Leder, von welcher wir keinen Gebrauch machen wollen. Wie mein Mann meint, so sei der Leder bereits unmodern und antiquiert. Er hat den Kopf voll mit allerlei Geschäftssorgen und steht sich mit seinen Kunden und dem Dienstpersonal genug „Zures" und „Lad" aus. so daß er keine Lust und kein Verlangen hat, die Leiden der Israeliten in Egypten und die Plagen Pharaos und seines Volkes anzuhören." Nachdem der Vater eine perlende Träne vom Auge getrocknet hatte, sprach er schmerzerfüllt mit einem tiefen Seufzer: „Ja. ja. das Theater, der Verein und die Abenduntechaltung beim Kommerzialrat sind natürlich viel wichtiger und dringend notwendiger, als der heilige Leber bei den. Eltern!" Dann rief er mit dem Propheten Iesaias wehklagend aus: „Buuiiu gudalli weremamti wehem pusebi i,i!-stLöhne habe ich großgezogen und erhoben: allein sie haben sich gegen mich vergangen!) „Ja. sie haben die Neligion ihrer Väter und das Elternhaus mit seinen frommen Einrichtungen treulos verlassen," fügte er hinzu. Dann sprach er zu seiner Frau Rachele: „Wenn auch leider unsere Kinder den Leder verschmähen und ihn als unmodern und unveraltet betrachten, so wollelt wir zwei ihn nach alter Väter Litte halten und ihn so feiern, wie wir es un Elternhause vor uns gesehen haben, und wir wollen auch der angestammten Religion unserer Väter mit allen Fasern unseres Herzens bis zum letzten Atemzuge unseres Lebens unverbrüchlich treu bleiben." Hierauf begaben sie sich zum Leder und der Hausherr las laut und mit verständnisvoller Betonung die Hagada vor. Bei einigen wichtigen Stellen hielt er inne und streute so manche passende Bemerkungen ein: so z. B. bei „uuui nisclitanu iialailu hase . . ." sagte er: „In vielen jüdischen Häusern besteht zwischen der heutigen Nacht und den andern Nächten kein merklicher Unterschied: allein gegen früher ist ein gewaltiger Unterschied. -In früherer Zeit wurde der -eher allgemein mit Innigkeit und aufrichtiger Frömmigkeit gefeiert: als Kinder sehnten wir uns wochenlang nach demselben, der uns viele Freuden und allerlei Genüsse brachte, an deren Erinnerung wir lange zehrten. Heutzutage wollen die Kinder nichts vom Leder wissen: sie kennen ihn so wfe das Pessachfest nur dann, so sie die Eltern dringend nötig haben, dann pochen sie an die Türe (pussachti) und überschreiten die Schwelle des Vaterhauses." Beim Absatz „ävndim bnjinn . . “ bemerkte der Hausherr: „Knechte waren unsere Väter in Egypten. Viele Eltern, welche ihre Kinder abgöttisch lieben und mit übertriebenem Kinder kultus, den sie mit ihnen treiben, verhätscheln, sind Knechte derselben und die Kinder sind die eigentl'chen Herren und Herrscher im Hause und haben oft keinen Respekt und keine Ehrfurcht vor ihren schwachen Ellern." Beim Kapitel: „Iibn baniin duvie toru“, sprach der Vater: „In früheren Jahren konnten die Kinder überall von der Thora, von der ganzen hebräischen Literatur („Tenach") sprechen: denn sie haben selbe gründlich mit großem Eifer und ausdauerndem Fleiße gelernt, während die gegenwärtigen Kinder, mit seltenen Ausnahmen, nicht einmal geläufig beten können und nur notgedrungen und mit äußerem Zwange soviel oberflächlich Hebräisch lernen, um nötigenfalls eine Religionsklasse zu erhalten. Man könnte hier das Wortspiel eines Witzlings anwenden. Im Talmud heißt es: ..>uüon sdiuclioeli talmudau“ (Was man in der Jugend gelernt hat, vergißt man meistens im Alter); derselbe übersetzte: „man hat vergessen, zu lernen." (Was auf so manchen angewendet werden kann.) In zahlreichen jüdischen Häusern ist die Bibliothek voll von belletristischen Werken und zahlreichen Romanen: allein äußerst selten ist unter denselben ein hebräisches Werk, oft nicht einmal die 5 Bücher Moses, welche ob ihres gediegenen und gehaltvollen Inhaltes gewiß hier einen würdigen Platz eingeräumt, aber noch mehr gelesen zu werden verdienen. Viele, welche in frühester Jugend die hebräische Literatur eingehend studierten, haben sich dadurch eine feste Grundlage zu ihrem späteren Wissen gelegt. Wir sehen nicht selten, daß so manche, namentlich Juristen, welche sich einst mit dem Talmudstudium befaßten, aus demselben Logik. Scharfsinn. Schlagfertigkeit, ein richtigeres Urteilsvermögen ufw. schöpften. Möge das schöne und sinnreiche Pessachfest. welches zur Erinnerung an die Befreiung Israels von egyptischec Knechtschaft gefeiert wird, jenen der Heranwachsenden jüdischen Jugend, welche vielfach gegen die Vorstellungen. Ermahnungen und religiösen Lehren ihrer Ellern taub

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