Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-04-18 · 16 (18.4.1913) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
16 (18.4.1913)
Date
1913-04-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3022035-3022052--22056-3047182
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 16 Dr. Wachs Wochenschrift. Seite 285 heit hat sich die Agitation des gekennzeichneten Wirtschaftsproblems bereits bemächtigt, als von dem Spitalbau noch keine Rede war und lediglich die Pläne und die Projekte jür den Umbau des alten Administrationsgebäudes der Gemeinde in der Seitenstettengasse, für den Neubau eines Monumentaltempels am Rudolfsplatz und für die Anlage des neuen Friedhofes aufgetaucht waren Damals schon, es sind dies nahezu zwei Jahre her, haben sich die jüdischen Architekten zu einer Organisation zusammengetan, um in einer ad hoc einberufenen Vollversammlung die Forderung zu erheben, es möge ja nicht bei der Vergebung von künstle rischjm Bauarbeiten seitens der Kultusgemeindr der Wettbewerb ausschließlich auf jüdische Architekten und Baumeister beschränkt werden. Die jüdischen Baukünstler, so hieß es> damals, seien es ihren künstlerischen Bestrebungen und ihrem Standesbeiwutztsein schuldig, die Forderung zu erheben, daß auch ihre christlichen Fachgenossen zu den Konkurrenzen der Iudengemeilide herangezogen werden, damit den jüdischen Baukünstlern nicht die Reprimande widerfahre, daß sie von christlichen Bewerbungen ausgeschlossen werden. Damals war es nun gerade der Präsident Dr. Alfred Stern, der sich nicht gescheut hat. ungeachtet des ihm entgegentönenden stürmischen Widerspruches, den jüdischen Standpunkt zu betonen mit der dezidierten Erklärung, daß ein jüdischer Tempel, ein jüdischer Friedhof und ein jüdisches Gemeindehaus nur durch jüdische Künstler geschaffen werden soll. Diese Baupläne traten indessen alsbald wieder zurück, um der Errichtung des! Kmderspitales den Vorrang zu lassen, was in der Natur der Sache gelegen ist, weil für dieses Bauwerk die zrotzen materiellen Mittel bereits zur Verfügung stehen. Mährend für die anderen Projekte die finanzielle Bedeckung erst gesucht werden mutz. In dem Momente, wo die Kultusgemeinde daran ging, den 'Spitalsbau auszuführen, galt es vor allem, einen geeigneten, zweckentsprechenden Baugrund für das Spital sicherzustellen, was ihr mit hochherziger Entschließung Sr. Majestät des Kaisers durch Ueberlassung eines Territoriums im Rayon des Augarten gelang. Die Gerechtigkeit erfordert es. zu konstatieren, datz die Erwerbung des bezeichneten Baugrundes der zielbewutzten Aktion des Präsidenten ihren Stempel aufprägt. So leicht es nämlich möglicherweise gewesen wäre, an der Peripherie oder an einem sonstigen entlegenen Punkte der Stadt eine Areale ausfindig zu machen, so schwer war es. einen g e e i gneten Baugrund in einer Gegend zu beschaffen, die inmitten der von der Masse der armen jüdischen Bevölkerung bewohnten Bezirksteile gelegen sein mutz, wenn das Spital seinem Zwecke, der notleidenden jüdischen Bevölkerung zum Wohle zu gereichen, gerecht werden sollte. Man erkennt somit auch hieraus, datz nur die Wohlfahrt des jüdischen Gemeinwesens die Richtschnur der Transaktion gebildet hat. Und als es nunmehr zur Lösung der Frage kam. wie die Vergebung des Baues vonstatten gehen soll, da hatte der leitende Kopf der Gemeinde, sich selbst getreu, vor allem das Prinzip festgehalten. datz der Bau nur einem jüdischen Architekten übertragen werden darf. Damit war die ursprünglich von den Architekten vertretene interkonfessionelle Konkurrenz gefallen und der blotz auf jüdische Architekten eingeengte Wettbewerb zur Geltung gelangt. Angesichts dieser Haltung ging im Kreise der Architekten und in ihren Anschauungen eine merkwürdige Wandlung vor. Auch sie optierten mit einemmale für die ausschließlich jüdische Konkurrenz, allerdings mit der Matzgabe, datz ohne jegliche Einschränkung „alle jüdischen" Architekten Wiens dazu geladen werden sollen. Hier setzt nun der Dissens zwischen / dem Präsidenten und den Wortführern der jüdischen Architekten ein. Der Präsident will die jüdische Konkurrenz, aber nicht wahllos unter allen Angehörigen des Faches, sondern durch eine Auslese auf besondere, durch ihre Qualifikation. Berufsstellung und Leistungen hervorragende Baukünstler. Die Architekten indessen glaubten an ihrer Forderung festhalten zu sollen: sie veranstalteten unter den Auspizien einiger Kultusvorstände. zu denen auch die dem Vorstande angehörigen Architekten zählten, mehrere Versammlungen, und was für die ganze Aktion vielleicht auch mitkennzeichnend ist, sie ließen sich von den im Kompromitzwege in den Kuttusvorstand gewählten Führern der zionistischen Partei ins Schlepptau nehmen, die es nicht unterließen, die Agitation mit Popularitätsschlagern zu Heizen und aus der Sache parteipolitisches Kapital zu schlagen. Das zeigte sich bei der Beratung der Angelegenheit im Plenum des Kultusvorstandes, die gleich einen stürmischen Verlauf nahm, als die Zionisten sich in heftigen persönlichen Anwürfen gegen die Korrektheit des Präsidenten ergingen, ungeachtet dessen, datz er bemüht war, durch sachliche Argumente seine Stellungnahme zu motivieren. Er verwies darauf, datz es sich weniger um einen Kunstbau als um einen Zweck- und Nutzbau handle: datz die Dringlichkeit der Arbeit einen umständlichen und langwierigen Wettbewerb unter allzuvielen Konkurrenten untunlich mache: und datz insbesondere eine solche Konkurrenz nicht unter Formen vor sich gehen dürfe, die eine brutale Ausschließung nichtjüdischer Wettbewerber involviert, zumal bei einem Bau. den zu hindern antisemitische Agitation nicht ermüdet, und der im Rayon der armen jüdischen Bevölkerung nur durch, einen kaiserlichen Gnadenakt ermöglicht worden ist. Zuerst freilich konnten die Gegner des Präsidenten sich noch darauf berufen, datz die erste Vorberatung im Vertreterkollegium auf geteilte Meinungen gestoßen war, dir nur durch den Stich entscheid des Präsidenten zugunsten der beschränkten jüdischen Konkurrenz gewendet wurde. Indessen auch diese Stütze verlor alsbald ihren Halt: denn in nochmaliger Beratung und Erwägung der von dem Präsidenten vorgebrachten triftigen Umstände kam das Vertreterkollegium zu der einstimmigen Beschlußfassung, dem Standpunkte des Präsidenten zum Durchbruche zu verhelfen. Am Donnerstag der verflossenen Woche trat sohin das Plenum des Kultusvorftandes zur endgiltigen Beratung des Gegenstandes neuerdings zusammen: die Anhänger der beschränkten Konkurrenz und ' die Freunde der unumschränkten jüdischen Konkurrenz tauschten nochmals in eingehender Wechselrede ihre Anschauungen aus, nachdem noch ein Antrag dazwischen geworfen worden war, es möge zur Klärung des Sachverhaltes ein autoritäres Attest der fachlichen Berufsgenossenschaft eingeholt werden, welcher Vorgang sich in diesem Spezialfalle empfehle. In diesem entscheidenden Augenblicke blieb es einem Mitglied: des Vorstandes Vorbehalten, einen farblosen Antrag zu formulieren, nicht etwa ob beschränkte oder unbeschränkte Konkurrenz zu veranstalten sei, sondern, es möge allen jüdischen Architekten die Möglichkeit gegeben werden, an dem Wett^ bewerbe für den Spitalbau teilzunehmen und für die geheimnisvolle Durchführung einen Mittelsmann zu bestellen. der bei den jüdischen Architekten Umfrage zu halten hätte, wer Lust und Neigung habe, an der Projektierung teilzunehmen. Wir haben diesen Antrag farblos genannt, weil seine Ausführung unabsehbaren Schwierigkeiten ausgesetzt ist. sich daher kaum realisieren lätzk und weil er insbesondere den vom Präsidenten perhorreszierten Weg zu einer allgemeinen, nicht blotz jüdischen Konkurrenz freigibt, da er theoretisch und praktisch keineswegs verwehrt, auch christliche Mitbewerber zuzulassen. Scheinbar sollte dieser Antrag die klaffende Meinungsverschiedenheit Überdrücken, in Wirklichkeit hat er die, Kluft noch vertieft, indem der Präsident mit seinem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.