Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-04-18 · 16 (18.4.1913) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
16 (18.4.1913)
Date
1913-04-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3022035-3022052--22053-3047179
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 282 Dr. Blvchs Wochenschrift. Nr. 16 er aus, sehr verwundert gewesen, als er vernahm, welches Thema chm aufgegeben worden sei, da doch seine abweichende Auffassung des Rationalismus von derjenigen des offiziellen Zionismus bekannt fei. Er stehe stritt aus dem Baseler Programm, und in Palästina wohnhaft, aus eigenem Grund und Boden, werde das jüdische Bott eine Ranon werden. Was die Juden der Diaspora- Länder Jusammenhalie, sei das Skammesbewuht.ein. Dics sei fein Siolz, und aus diesem Bewußlsem heraus Müßten die Juden zur politischen Einheit streben. Er sei kein Rassengläubiger. Der Typus des heurigen Juden sei nichts (wie Sombart meint) von Uranfang gegebenes, sondern das Produkt der Jahrtausende alten Entwicklung. In der ersten Hälfte ihrer Geschichte hätten die Juden sicherlich einen großen Einschlag fremden Blutes aufgenommen, doch insofern sie sich in den letzten zwjei Jahrtausenden der fremden Blutbeimischung enthalten und unter gewissen einheitlichen Umständen gelebt hätten, seien die Juden wohl als selbständige Rasse zu betrachten. Doch solche Rassen entstünden schon in 2—3 Generationen, wie das Beispiel der Boeren und Amerikaner lehre. Für viele, die von Gobineau's Raffen-Theorien Herkommen, sei Rasse soviel wie Nation. Dies sei ein falscher Be-> grifs. Auch der Nationalismus der östlichen Juden sei nichts echtes, da er eigentlich nur ein Reflex des Antisemitismus sei. Es fei sehr lobenswert und als Kampfmittel sehr hoch zu schätzen, wenn der Jude, der vv'.i den anderen Nationen zurückgestoßen, sich auf seine eigene Nationalität zurückziehe. Dieser Begriff gebe der Jugend Stolz und Kampfessreudigkeit. Aber wir müßten nicht immer an Kampf denken, sondern auch an den Frieden. Und wenn wir ehrlich fern wollten, habe der Neslex- Nat'.onalismus sowohl als auch der Raffen-Nationalismus keinen inneren Halt. Die Pflege der hebräischen Kultur und des Piddisch können da nur als fruchtbare Einseitigkeiten angesehen werden. „Wir brauchen den integralen Nationalismus." Dieser entstehe nur im eigenen Lande auf der breiten Basis einer selbst geschaffenen Zivilisation, aus der sich erst die geistige Blüte der Kultur zu entwickeln habe. Eine Kultur, die in der Fremde künstlich gezogen, werde eine Treibhauspflanze, ohne Lebensfähigkeit und ohne seinen Anhängern volle Befriedigung zu gewähren. Die Pflege der hebräischen Lyrik könne eine eigene Zivilisation nicht ersetzen. Der Schweiß des Pflügers erst nationalisiere das Volk und den Boden. „Das Wochentags-Werk ist stärker als die Sabbat-Ideen." Eine gesunde eigene Zivilisation ist der beste Nährboden für eine eigene Kultur, und nur mit diesen beiden Instrumenten werden wir einst im Welt- Orchester Platz finden. Die Verpflanzung des jüdischen Arbeiters nach Palästina müsse also das Hauptstreben sein. Nur Durch seine Arbeit werde der Bodm erst nationalisiert werden. Gesetzt den Fall, daß heute ein. reicher Jude den ganzen pal. Boden aufkaufe, so sei damit das Land noch nicht jüdisch. So lange es der Araber bearbeite, bleibe es arabisch. Wer sich also hier als nationaler Jude bezeichne, der möge dir Konsequenz ziehen und nach Palästina gehen, um dort tätig zu sein. Man müsse sich hüten, den fälschen Begriff des Nationalismus ausarten zu lassen. Palästina ist noch Innige nicht jüdisch, weil es einige nationalistische Hitzköpfe so' nennen. Es könne davon keine Rede sein, solange 20.000 jüdische Kolonisten 600.000 Arabern gegenüberstehen. D-e Zahl der jüdischen Arbeiter müsse vergrößert wer den, aber der Araber dürfe keinesfalls verdrängt werden. Er fei einfach unentbehrlich bei der Entwicklung des Landes. Der jüdische Kolonist könne sehr viel vom arabischen Bauer lernen, und der arabische Hirte sei anerkanntermaßen der beste der Welt. Ueberdies sei es falsch, zu glauben, daß je mehr Juden in Palästina wohnen, der Araber dort keinen Platz habe. Es müsse nach einer Harmonie der Interessen gestrebt werden, denn beim gerechten Tausch könne ein jeder verdienen. Er vertrete in der Wissenschaft die Ansicht, daß je mehr Menschen auf einem Fleck wohnen, desto bequemer ließe es sich 'leben. Je mehr Bauern im Lande seien, desto mehr Handwerker und Kaufleute brauche man, desto größer sei der Nutzen, den ein Volksgenosse vom anderen habe. In Rußland habe jeder Bauer sehr viel Land und doch sei das Volk arm, weil der Boden nicht intensiv genug bearbeitet werde und weil die Bevölkerung zu dünn sei. Hingegen gebe es in Belgien einen großen Wohlstand, eben aus den umgekehrten Gründen. Wir müßten als Zivilisation- und Kulturbringer zu den Arabern kommen, m:l/ihnen gemeinsam arbeiten, aber nicht als Verdränger. Sie sind doch Semiten und uns verwandt. Die Bruderhand müßten wir ihnen reichen. — Die Arbeiten in Palästina hätten großen Schaden gelitten infolge des langandauernden Krieges. Doch habe er den festen Glauben, daß alles gedeihen werde, was wir planen, vielleicht nicht genau in der Form, wie wir es uns jetzt vorstellen. — Als Träger der Humanität und Zivilisation sollen wir mit reinem Herzen und reinen Händcn ins Land kommen, als die „Heiligen", wie die Bibel es uns vorschreibt, doch nicht als die Verdränger. Das Banner der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit möge uns voranziehen. Der vollbesetzte Saal quittierte mit stürmischem Beifall den formvollendeten Vortrag. Ein Fanrilienkougretz der Eger. Von Dr. Carl Pinn. Rabbi Akiba Eger ist unstreitig unter den deutschen Rabvinern des Ostens im vorigen Jahrhundert die bekannteste Persönlichkeit. Die 150 jährige Wiederkehr seines Geburtstages hat seine überaus zahlreichen Nachkommen veranlaßt, in Berlin zusammenzutreten (es waren etwa 240 Personen anwesend), um über die Frage zu beraten, in welcher Weise die Geschichte der Familie Egez gepflegt und in weiteren Kreisen der Familie das Interesse für diese Geschichte geweckt werden könne. Bestimmend hierfür war, wie es in einem an Angehörige dieses weitverzweigten Familienstammes versandten Aufruf heißt, „die Entwicklung der Faniilie, deren Stamm im alljüdischen Geistesleben, in der Hingabe an die biblisch-talmudifche'ALissenschaft wurzelt, deren Aeste in alle Gebiete des modernen Geisteslebens hineinragen, die zu ihren Mitgliedern Rabbiner, Universitätslehrer, Schriftsteller, Juristen, Aerzte, Beamte, Kaufleute, Techniker, Ingenieure, Industrielle, bildende Künstler zählt". Im Mittelpunkte der Familiengeschichte steht die überragende Persönlichkeit Akiba Egers, des letzten Gaons in Deutschland, wie man ihn genannt hat, der von der Gesamtheit' seiner Zeitgenossen als der hervorragendste Vertreter und Förderer des jüdischen Geistes anerkannt wurde. Einer seiner bedeutendsten Biographen sagt von ihm: „Kaum ein zweiter jüdischer Geislesheros des letzten Jahrhunderts ist dem jüdischen Volksmund so geläufig und mit dem Zauberkranz verherrlichender Sagen gleich ihm gekrönt worden. Er hat tausende von Jüngern, darunter auch wissenschaftlich gebildete Männer,' wie Prof. Kaempf (gestorben als Rabbiner in Prag), Zedner (Rabbiner in Frankfurt a. M.), Prof. Moritz Lazarus (der bekannte Philosoph, Professor der Psychologie an der Universität Bern, seit 1876 in Berlin, zeitweise auch an der Kriegsakademie, Verfasser des „Lebens der Seele", gestorben 1903 in Meran) und andere herangebildet und durch die Macht seiner Persönlichkeit, seiner Geistes- und Eharaktergröße zu einer an Vergötterung streifenden Verehrung und Nacheiferung hingerissen. Die Strahlen seines Ruhmes drangen trotz seiner ungewöhnlichen Bescheidenheit hinaus, weit über die Grenzen Europas, bis nach Tiflis in Asien und Tanger in Afrika. Seine Tätigkeit und die Begeisterung für ihn wirken noch heute in zahlreichen Familien und Gesinnungen nach. In Rabbi Akiba mündet der Riesenstrom einer fast tausendjährigen Geistesrichtung der deutschen Judenheit. Es ist die letzte für die ganze Diaspora maßgebende Autorität Deutschlands auf religionsgesehlichem Gebiete. Eine solche Persönlichkeit konnte nur hervorgehen aus einer Familie, in der gleiche geistige und sittliche Kräfte lebendig waren. Unter den Vorfahren Rabbi Akiba Egers finden wir Männer wie den Landschkadlan (Syndikus) R. Meier Ginomann in Halberstadt (gest. 1672), R. David Mireles in Wien (gest. 1660), R. Abraham Brod, den berühmten Frankfurter Rabbiner und Gelehrten (gest. 1717), Rabbiner Moses Broda, Rabbiner in Worms (gest. 1742), Parnaß Eliah Eger, Begründer der Eger-Gemeinde in Prag (gestorben 1705), Rabbiner Akiba Eger den Aelleren, Rabbiner in Halberstadl und Pretzburg, Großvater

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.