Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 16 (18.4.1913)
- Date
- 1913-04-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 276 Dr. Blychs Wochenschrift. -itr. 16 gekostete Macht der Klerikalen und Feudalen wieder vorbereiten. Daß ihre Korruption und Mißwirtschaft auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens alles Dagewesene übersteigt und den Staat auf das Schwerste schädigt. Ein Argument wäre es gewesen, daß die Christlich-Sozialen nur das Programm des Erfolges haben und in nationaler und in politischer Hinsicht ganz unzuverlässig sind. Das dringt alles nicht durch die Toga des Herrn Schreiner, in deren Falten er mit ängstlicher Hut die schwerste Reaktion und den Antisemitismus birgt. Die Deutsch nationalen tragen im schwarz-rot-goldenen Festgewande die schwarze Schleppe der Klerikalen. Ein schönes und neues Bild. Nur daß man es vielleicht doch nicht auf die Dauer wird betrachten können. Denn jeder reaktionäre Druck und Block ruft einen entsprechenden Gegendruck hervor. Wenn sich die Wünsche des Herrn Schreiner erfüllen, so werden sich hinwieder freiheitliche Elemente zusammenfinden, die einander sonst nie die Hand gereicht hätten. Die Juden in den Sudetenländern sehen nun auch, woran sie sind, und werden die oft entscheidenden Opfer für die Deutschen einstellen. Sonst aber ist es immer bester, wenn sich die einfachen großen Fronten der Gegner entwickeln. Hier die Freiheit, auf der anderen Seite die Reaktionären, von denen die Deutschen Rot und Gold verstecken und nur das Schwarze behalten wollen. Die Abstammung des Columbus. Von Dr. G. Diercks. *) Jahrhunderte hindurch hat sich die Gelehrtenwelt bemüht, die Geburtsstätte des Entdeckers Amerikas Columbus zu ermitteln. Alle diese Versuche sind bisher vergeblich gewesen, und die Beweise, die man für den einen oder den andern Ort beizubringen versucht hat, erwiesen sich vor der geschichtlichen Kritik als hinfälbg. Wenn man seine Wiege vor allem in Italien gesucht hat, so geschah das, weil Colombus selbst, als es sich um seine Nobilitierung und die Regelung der Erbfolge seines Majorats und Admiralstitels handelte, die Angabe machte, er sei Italiener und in Genua geboren. Diese seine Mitteilung hat sich abjer als unrichtig erwiesen und wurde auch schon von seinen Zeitgenossen vielfach bezweifelt, uM so mehr, als er sich in Portugal stets als Spanier ausgegeben hat. Sein Sohn Fernando sagte außerdem' in seiner für alle Zeit grundlegenden Lebensbeschreibung seines Vaters ganz ausdrücklich, daß letzterer seinen Ursprung und seine Geburtsstätte nicht bekannt gegeben wissen wollte. Ja, seine eigenen Familienglieder, seine Geliebte, seine Frau, seine Kmder haben nie etwas darüber erfahren oder, wenn sie irgend etwas darüber wußten oder ahnten, so haben sie es doch auf sein Gebot so getreulich verschwiegen, daß keine zuverlässige Nachricht darüber in die Oeffentlichkeit gedrungen ist. Fast ebenso unbekannt ist, bis auf wenige von seinem Sohn Fernando und seinen Reisegefährten mitgeteilte Einzelheiten allgemeinen Charakters, seine Lebensgeschichte bis zu seinem Erscheinen vor der Universität Salamanca im Jahre 1486 geblieben. Selbst sein Geburtsjahr ist mit Sicherheit nie festgestellt worden und schwankt zwischen 1434 und 1436. Seine Zeitgenossen, namentlich seine Reisegefährten, nannten ihn oft einen „Galizier", und viele Forscher haben ebenfalls die Vermutung ausgesprochen, daß er Portugiese oder Galizier von Geburt gewesen ist. Bewiesen konnte dies jedoch in Ermangelung von Akten bisher ebensowenig werden, wie seine italienische Herkunft. Nach alledem müssen sehr gewichtige Gründe Vorgelegen haben, die Columbus bewogen, niemanden — *) Aus der „Bossischen Zeitung". außer seinem Beichtvater — genaue Auskunft über sich zu geben, vielmehr alles absichtlich zu beseitigen und zu verwWen, was irgendwie zur Feststellung seines Ursprungs hätte dienen können. In jüngster Zeit ist es nun nach 30jährigen, sorgfältigsten archivalischen Studien einem galizischen Gelehrten, dem Dr. Celso Garcia de la Riega gelungen, unter großen Mühen Aktenstücke zu ermitteln, die Licht in das von Columbus so sorgfältig bewahrte Geheimnis seiner Gebürtsstätte, seiner Familie und seiner Lebensverhältnisse bringen. In dem vorliegenden spanischen Werke des Dr. de Horta y Pardo sind diese 18 Aktenstücke milgeteilt und einzelne von ihnen photographisch wiedergegeben. Fehlen nun zwar noch alle auf die Person des Columbus unmittelbar bezüglichen Dokumente, so vor allen seine Geburtsurkunde, die offenbar beseitigt worden ist, so erscheint das vorhandene Aktenmaterial doch ausreichend, um die Gebürtsstätte, an der die Wiege des großen Seefahrers stand, festzustellen. Danach war sein Name tatsächlich so, wie er von den Spaniern fast immer ausgesprochen wurde und wird: Colon und nicht Colombo oder Columbo, und sein Geburtsort war die Hafenstadt Pontevedra in Galizien. Die aufgefundenen Aktenstücke beziehen sich auf die Familie Colon und auf die von Christobals Mutter, die eine geborene Fonterosa war: daher sein bekannter voller Name Cristobal Colon y Fonterosa, der der spanischen Gewohnheit gemäß, neben dem Vaternamen auch den der Mutter angibt. Beide Familien gehörten den niederen Standen, wohl denen der Fischer oder Hafenbeamten an, und aus zahlreichen Umständen, namentlich auch aus den ausschließlich alttestamentlichen Vornamen der Mitglieder dieser beiden Familien liegt es zum mindesten sehr nahe, zu schließen, wenn es auch nicht gerade beiwiesen werden kann, daß jedenfalls die Familie Fonterosa, aber sehr wahrscheinlich auch die der Colon, jüdisch waren. Die galizischen Häfen waren erwiesenermaßen die Zufluchtsstätten vieler aus Spanien vertriebener Juden oder von Neuchristen, den zum Christentum übergetretenen Juden, die trotz ihres christlichen Glaubens zeitweise nicht weniger hart bedrängt und verfolgt wurden, als die ihrem Glauben treu gebliebenen Israeliten. Damit ist das Rätsel gelöst, weshalb Columbus alles aufbot, seinen Ursprung und Geburtsort zu verschleiern. Was ihn bewog, sich dann, als er behördlich gezwungen wurde, zum Zwecke seiner Nobilitierung,. der Erbschafts- und Majoratsbestimmüngen, seine Nationalität als die italienische zu bezeichnen, war der Unlstand. daß seine Familie infolge des durch die beständigen Kriege zwischen Kastilien, Galizien und Portugal erzeugten Notstandes in Pontevedra zwischen 1444 und 1450 nach Genua übersiedelte, das mit der großen galizischen Handels- und Hafenstadt in sehr lebhastem Verkehr stand. Vielleicht wurde dort auch der in Italien ungeheuer verbreitete Name Colombo statt Colon angenommen, um weniger aufzufallen. Bei der großen Geringschätzung, mit der die Kastilier zu allen Zeiten - und bis auf den heutigen Tag — auf die Galizier herabsehen, und vollends bei seinem Mischen Ursprung durfte Columbus nicht erwarten, in den maßgebenden Kreisen Spaniens für seine hochfliegenden Pläne irgend welche Unterstützung zu finden. Daher wandte er sich in Salamanca auch zuerst an seinen sehr einflußreichen Landsmann, der, trotzdem er Galizier war, doch Professor der Theologie und Prin-enerzieher geworden war, nämlich an Fray Diego de Deza, den Beichtvater des Königs Ferdinand und der Königin Jsäbella. Diesem scheint er auch sein Geheimnis gebeichtet zu haben, und Deza war der einzige,