Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-04-11 · 15 (11.4.1913) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
15 (11.4.1913)
Date
1913-04-11
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3020846-3022035-3022051--22040-3047165
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 270 Dr. Vlochs Wochenschrift. Rr. 15 heimliche Wirrsal der Gegenwart, wenn auch nicht klärend, so doch erklärend zu durchleuchten. Ein heidnischer Sachsenherzog, von einem fränkischen Missionär, der ihn zum Christentum bekehren wollte, befragt: „An wen und an was glaubst Du?", erwiderte mit vornehmer, stolzer Geste: „Ich glaube an m ich!" Zar Nikolaus I. brach einmal, als man von der allgemeinen Korruption sprach, in die Klage aus: „In ganz Rußland gibt es nur einen Ehrlichen, dem ich trauen kann — mich!" Viel früher hatte der Sonnenkönig Ludwig XIV. von 'Frankreich in seinem letzten, eigentlich 54sten Negierungsjahre die Summe seiner Erfahrungen gezogen: „Mit jeder Auszeichnung, die ich verliehen, habe ich einen Undankbaren und tausend Unzufriedene geschaffen." Wenn die repulsiven Mächte zwischen Herrscher und Volk, zwischen Herrscher und Herrscher in erschreckender Steigerung wirksam sich zeigen, wie erst zwischen Volk und Volk! — Der Rost ingrimmigen Argwohns, verbissenen Mißtrauens, gehässiger Verdächtigung, widerwärtiger Absonderung zernagt die stählernen Bande natürlicher und historischer Zusammengehörigkeit. Da new. der beredteste Vertreter des Balkanbundes, der Delegierte Bulgariens, ließ sich am 3. v. M. also vernehmen: „Wir wollen einen Balkanpatrivtismus schaffen!" Sollte man ihn nicht dringend ersuchen, ein solches Rezept unserer Babel-Monarchie zukommen zu lassen? Zuvor indes könnte man dem politischen Zauberlehrling folgende morgenlandische Erzählung zu Gemüte führen: Im Sande sitzt ein Knabe und flickt seinen fadenscheinigen Mantel. Ein alter Mann kommt des Weges und tritt zum Knaben fragend hin: „Was machst Du da?" Kaum aufschauend und emsig weiter nähend, entgegnete der Knabe: „Du siehst es ja, ich nähe." „Also, flicken kannst Du?" meint mit schlauem Lächeln der Alte und zeigt ihm einen gesprungenen eisernen Topf „nun, so flicke mir diesen Topf!" Da greift der kleine Schelm in den Sand zu seinen Füßen, nimmt eine Handvoll davon und hält sie dem Alten hin: „Erst spinne mir aus dem Sande hier einen Faden, Deinen Topf damit zu flicken!" — Ob es dem Delegierten-Kongreß und der Botschafter-Reunion in London gelingen wollte oder mag. den vielfach zersprungenen Frieden zusammenzuflicken, davon ist nichts bemerkbar geworden. Für die Juden, welche von jedem erschütternden Ereignisse den Schlag und den Rückschlag am schmerzlichsten empfinden, kann leider auch jetzt das «sadistische Gleichnis gelten: „Fällt der Stein auf den Topf, wehe dem Topf! Fällt der Topf auf den Stein, wehe dem Topf! Immer wehe dem Topf! Die Botschafter-Reunion, statt in London tagt sie nun als Botschafter-Konferenz in Petersburg. Wird sich dort der buntschillernde Schmetterling zu einer häßlichen Raupe zurückbilden? Was vermag nicht alles der Genius loci! Allenfalls boten die umwälzenden, atemraubenden Vorgänge reichlichen Anlaß, sie mit Sinnsprüchen als eine Art Diarium zu begleiten, was später geschehen kann. — Wir leben überhaupt in einer Zeit, wo sonst Unmögliches alle Wahrfch,einlichkeit für sich hat und augenfällig Voraussichtliches ausgeschlossen erscheint, wo man sich an den Gedanken gewöhnen muß: Erfahrungen von heute gelten nicht für morgen. Wofür die wechselnden Ereignisse schon sorgen. Vor 99 Dingen nahm man sich in acht. Da kommt ein Hundertstes, an das man nicht gedacht. Bei den Balkanbündlern ist es förmlich zur fixen Idee geworden: Die Drohungen der Diplomaten, seien sie auch vom Säbrlgerassel begleitet, können wir aus die leichte Schulter nehmen - als Donner ohne, Blitz, als Platzpatronen, Knallbonbons, „als' Schnee vom vorigen Jahr." Die Großmächte werden sich schon vor der Macht entsetzlicher Tatsachen, teuer erkaufter Erfolge beugen müssen, ob diese auch von den höchsten Wortführern Englands und der Botschafter-Reunion nutzlose Schlächtereien, Unfug, Skandal, verbrecherische Torheit genannt werden. Wenn alles um und um kommt, bleibt Rußland (oder eigentlich der Iswolskische Panslawismus) ohne Schwertstreich und ohne Wunden der Sieger. Das Prestige seines Protektorats feiert Triumphe, mögen auch die Protegierten sich verbluten und gegenseitig aufreiben ..... Wenn an den Sederabenden die Becher kreisen, steigt eine Ahnung heraus, hoffnungssroh für die Einen, düster für die Anderen, welcher König David und die Propheten ewig nachhallende Worte leihen. „Auch an dich wird der Kelch kommen!" (Echah 4, 21.) „Ein Kelch ist in der Hand des Ewigen. Es schäumt der Wein, voll ist er des Mischtrankes: und er gießet aus davon. Seine Hefen nur trinken, schlürfen all die 'Frevler des Landes." (Psalm 75, 9.) „Aus der Hand des Ewigen hast du getrunken den Kelch seines Grimmes, den vollen Becher des Taumels." (Iesäia, 51, 17.) „Den Kelch sollst du trinken, der tief ist und weit, um viel zu fassen, daß du sollst werden zum Gelächter und Gespött." (Ezechiel, 23, 32.) „Siehe, die es nicht gewohnt sind, den Becher zu leeren, müssen trinken." (Ieremia 43, 12.) Häll e l, der welt- und 4ebenskundige Weise, sah einmal einen Menschenschädel auf dem Wasser schwimmen. Da rief er aus: „Weil du ertränktest, hat man dich ertränkt, und einst werden die dich ertränkten, ertrinken." (Aboth 2, 6.) Die schon einigemal verkündete Warnung Vae victoribus hat die ruchlose Hand eines halb vertierten Unholds zu einer welterschütternden Schreckenstat gemacht. Entgegen dem Spruche: „Quid quid delirant reges plectuntur Achivi — die Schuld der Könige müssen die Völler büßen" — ein Satz, der seinen Vorgänger schon in der Bibel, III. B. M. 4, 3 (nach freier Auslegung) hatte, trat der umgekehrte Fall beim friedlich gesinnten König der Hellenen ein. Ter Friede, den das Osmanenreich mit unsäglich schwerem Opfer erkaufen muß und der aud* dem Vallanbunde sehr teuer zu stehen kommt, schickt sich an, nur eine Galgenfrist für jenes, ein Henk er mahl für diesen zu werden. „Einem fliehenden Feinde soll man goldene Brücken bauen." Die Balkanier verlangen hingegen, daß ihnen die besiegte Türkei noch goldene Brücken baue - ins Herz des Türkenreiches. — Für die vor Jahrhunderten unglückselige, jetzt aber tief unglückliche Türkei sollte Piger's bekannte Grabschrifi lauten: „Nun bin ich hier im Erdenschoß Das Atemholen endlich los!" Eine Legende (Rabbah zu II. V. M. 15, 1), die zur Norm in der Peßachliturgie geworden, soll einen Epilog zum bisherigen Balkankriege bilden: Kein Siegeslied! Das Meer gibt seine Toten her, Egyptens Krieger-Scharen; Es will die Leichenfaat nicht mehr In seinem Schoß bewahren. Schon schweigt der Sturm, der's aufgewühlt, Kaum daß aus ihrem Reiche Die See an's hohe Ufer spült Mizrajims letzte Leiche.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.