Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 15 (11.4.1913)
- Date
- 1913-04-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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11 ■ I III Bill Jlüll illl i|I■■■ Uli III ■ II M I ■ KH&£fiSS2l Seite 262 Dr. Bkochs Wochenschrift. N.-. 15 In diesen Buchdruckereien wirkten als Korrektoren zumeist die berühmtesten Rabbiner, deren Nanren als solche in den veröffentlichten Büchern verzeichnet sind und sich hierdurch für die jüdische Nachwelt verewigten. Die Glanzzeit der jüdischen Gemeinden im osmanischen Reiche sollte jedoch erst kommen, sie fiel mit der, Blütezeit der osmanischen Sultane zusammen. Das Leben des Sultans Bajazed II. war kein tatenreiches, aber weil es in die kritischeste Zeit, der Judenheit fiel, ist es für dieselbe von unschätzbarer Bedeutung. Als er im Jahre 1512 durch das gewaltsame Auftreten der Ianitscharen seinen Thron dem Sohne, Sel i m I., überließ, sollte dieser für die Entwicklung des osmanischen Reiches in den wenigen Jahren seiner Herrschaft Großes leisten. Ihm gelang es, den Mamelukensultan vom Throne Egyptens zu stoßen und dieses reiche Land mit der Türkei endgiltig zu vereinigen: er auch war es, der nach der Eroberung Syriens und schließlich der den Muselmanen heiligen Stadt Mekka sich den großen bedeutenden Titel als Kalif beilegte und so das Kalifat, das heißt die geistliche und weltliche Führung der ganzen mohammedanischen Kirche, mit dem Throne der Osmanen für alle Zukunft verbunden hatte. Als dieser Sultan, Selim I., auf den Thron kam, freuten sich die Juden sehr, denn er war ihnen womöglich noch wohlgesinnter als sein Vorgänger, und sie führten auf -ihn den Spruch des Propheten Jesaias (Kapitel 19, 4) an: „Ein mächtiger König wird über sie herrschen." Das hebräische Wort „jimschol", „er wird herrschen", enthält nämlich die hebräische Bezeichnung des Namens Selim. Und ein großer jüdischer Gelehrter namens R. S a lomo de l Mi d r a s ch hatte ihm auch den Sieg über den Mamelukensultan, gestützt auf diesen Vers, vorhergesagt, indem er das hebräische Wort „a s", „mächtig", in die Zahl 77 übertrug, welche nach jüdischer Zurechnung das Jahr bezeichnen sollte, in welchem dem Sultan. Selim die Eroberung Egyptens gelingen werde, das ist im Jahre 5277 nach der Schöpfung. oder im Jahre 1517 n. d. g. Zeitrechnung. Nur acht Jahre dauerte seine Regierungszeit, und so kam an seine Stelle sein Sohn Suleiman, der als der Große mit Recht bezeichnet wird. Zu seiner Zeit sollte das osmanische Reich zur höchsten Blüte kom'men und seine Zeit war auch die hervorragendste für die türkische Judenheil. Die Regierungsgeschichte Süleiman's ist bereits so tief mit der der mitteleuropäischen Großstaaten, besonders mit derjenigen von Oesterreich und Ungarn, verzweigt, daß hier nicht der Platz ist, in das weit ausgreifende Detail derselben einzugehen. Es soll nur in Kürze gesagt werden, daß es ihm gelungen ist, in das Herz des europäischen Kontinents einzudringen. daß die mächtigsten Staaten vor ihm erzitterten, daß ihm erst vor den Wällen Wiens ein Halt geboten wurde, daß seine Regierungszeit eine lang andauernde — von 1520 bis 1566 — war, daß er den hervorragendsten der Großveziere mit Namen Mohammed S o - kolli als erfolgreichen Politiker zur Seite hatte, der noch bis über des Sultan Süleiman's Tod hinaus in seinem Geiste bei dessen Nachfolger weiter wirkte, imfr daß der Tod Süleiman's des Großen, der ihn vor dem von Zrinyi heldenmütig verteidigten Sz'get ereilte^ ebenso romantisch anMutet, wie seine ganze ruhmvolle Vergangenh>eit. Auf Suleiman folgte sein Sohn Selim II., zu dessen Thronbesteigung — wie es späterhin noch erzählt werden soll — ein Jude sehr viel beigetragirn hatte. Er wird als Schwächling geschildert, in Wirklichkeit war er ein milder Herrscher und den Juden gleichfalls sehr zugetan, obwohl sein Großvezier Sokolli, mit seiner Allmacht in der Regierung nicht in seinem Geiste diesbezüglich ihm zur Seite stand. Noch immer stand das Osmanenreich, in seiner Blüte, bis eine spätere, immer mehr um sich greifende Vezierenherrschaft und Günstlings- und Jntrkgantenwirtfchaft dasselbe in seinen Grundfesten unterwühlte. Pon dem Zustande des Reiches nach. dem Tode Süleiman's schreibt Hammer in seiner „Geschichte des osmanischen Reiches": „Suleiman, groß und weise, wie sein Namensgenosse, der Erbauer des Tempels Jerusalems, aber ein viel Mächtigerer König, hat durch, die Fortdauer seines Herrschergeistes durch ein Jahrzehnt nach seinem Tode in der Geschichte verwirklicht, was die morgenländische Sage nach dem Koran, von dem weisesten der Könige erzählt. — Salomon war, auf seinem Löwenthrone sitzend, gestorben, aber weil die entseelte Gestalt, mit allen Insignien des Königtums angezogen, auf dem Stuhle der Herrschaft saß, huldigten und gehorchten ihr die Menschen und Tiere, die Genien und Dämonen, welche in ehrfurchtsvoller Entfernung ihn für lebendig hielten: erst als den Stab, auf welchen Salomon, mit beihen gegen den Mund gehobenen Händen sitzend, sich zu stützen gewohnt war, der Holzwurm zernagte und mit dem zerbrochenen Stabe des Weltherrschers Leichnam zur Erde sank, ward sein Tod ruchbar und die Welt geriet in Tumult. So war Süleiman's Herrschaft, noch, auf dem Herrscherstab der 'unumschränkten Großvezierschaft gestützt, noch während der Regierung Selim's in vollem Ansehen geblieben, aber mit Murad's Regierungsantritte (es ist Murad III. — der Nachfolger Selim II. — gemeint, 1574—1595) zernagte den Stab der Giftwurm des verminderten Einflusses und Vertrauens, und mit Sokolli's Tode offenbarte sich vollends das Geheimnis des schon seit Jahren begonnenen Sinkens der Macht, deren äußeres Ansehen vor kurzer Zeit noch, den Hof, länger die Hauptstadt, dann die Provinzen, am längsten die christlichen Mächte getäuscht." . Diese Berufung auf die Sage im Koran und auf die Herrschergestall Salomons, die noch, nach dem Tode Jahre hindurch auf das Volk und die Umgebung nachgewirkl haben soll, findet jedoch, nach der Erklärung des TalMud noch ein .älteres Beispiel aus der heiligen Schrift, und zwar mit deM Tode oimfo.ns. Von dem heißt es einmal im Buche der Richter (Kapitel 15, 20): „Er richtete Israel in den Tagen der Philister 20 Jahre." Und ebendaselbst im folgenden Kapitel (16, 31) heißt es wieder: „Sie begruben ihn im Grabe seines Vaters Mano-ach, und er richtete Israel zwanzig Jahre". Diese Wiederholung einer und derselben geschichtlichen Mitteilung ist selbstverständlich auffällig, und der jerusal. Talmud (Sota 1, 8) fühlt sich sogar veranlaßt, tune andere Lesart der h. Schr. zu geben, nach der es im Kapitel 15 hieße, er richtete Israel 40 Jahre, womit die Schwierigkeit nur noch stärker hervortritt, die folgendermaßen als Frage aufgestellt wird: „In einem Verse heißt es, er richtete Israel 40 Jahre: und in dem anderen, er richtete Israel 20 Jahre (wie ist dieser Widerspruch zu lösen?). Rab Acha meint, dies lehrt uns, daß die Philister noch 20 Jahre nach, dem Tode (SiMsons) ihn so fürchteten, als die vorherigen 20 Jahre, während seines Lehms." Die Sage des Koran von Salomo hat also ihr Vorbild im jer. Talmud in Bezug auf den gefürchteten Helden Simson: so zeigt sich auch, da in der Sagenbildung eine Gemeinschaft der Gedankenreihe der jüdischen mit der Mohammedanischen Welt. (Schluß folgt.)