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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-04-11 · 15 (11.4.1913) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
15 (11.4.1913)
Date
1913-04-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 258 Dr. BLochs Wochenschrift. Nr. 15 Egoismus? Niemand anderer als die Parteigenossen des Wiener Bürgermeisters, als die klerikalen und christlichsozialen Agrarier, welche die Städte aushungern und nun lieber den Weltbrand anzünden möchten, als in der 'Frage ihrer weiten Taschen nachzügeben. Wenn also Dr. Weiskirchner eine wahre und aufrichtige Politik machen will, so soll er seine Fragen und Beschuldigungen nicht an das Auswärtige Amt richten, sondern er mag seine Faust gegen den mächtigsten Teil seiner Partei richten. Gewiß ist es wahr, daß der gegenwärtige Zustand der Spannung unerträglich ist, daß er die Bevölkerung bis zur Unerträglichkeit belastet. Aber niemand anderer hat ihn heraufbeschworen, als die christlichsozialen Agrarier. Sie folgen darin der bewährten Uebeclirferung ihrer Partei, welche in allen Ländern und zu allen Zeiten lieber die Katastrophe heraufbeschworen hat, als von ihren 'Forderungen auch nur einen Schein abzulafsen. Sie machen in Spanien und Portugal Revolution, in Italien und Deutschland Opposition, in Oesterreichs Ungarn kriegerische Verwirrung für ihre Zwecke. Dann besteigt einer ihrer Wortführer die Tribüne und richtet Anklagen gegen eine unschuldige Instanz, nach dem alten Motto des verfolgten Diebes: Haltet den Dieb! So hat es jetzt der Wiener Bürgermeister getan und hat den Unmut der Bevölkerung von seinen Parteigenossen abzulenken gesucht. Es wird ihm aber nicht viel nützen. Denn man erkennt schon allgemein die doppelzüngige Politik der Christlich-Sozialen und sieht die wahren Drahtzieher der Staatsaktion, die sie zu einem betrüblichen Schauspiel machen. vierzigjähriges Jubiläum der Israelitische« Allianz zu Wie«. Die größte und vornehmste Hilfsorganisation der österreichischen Iudenheit und eine der leitenden Korporationen bei den internationalen Hilfswerken für unsere verfolgten Glaubensgenossen, die Israelitische Allianz zu Wien, feiert in der für Mittwoch, den 16. April, 6 Uhr abends, im Saale der israelitischen Kultus gemeinde ausgeschriebenen diesjährigen Generalversammlung das Jubiläum ihres vierzigjährigen Bestandes. Der umfangreiche, über 140 Seiten umfassende Jubiläumsbecicht, der in den nächsten Tagen an die Mitglieder versandt wird, enthält neben dem Berichte für das verflossene Verwaltungsjahr auch eine Rückschau über die vierzigjährige Tätigkeit des Vereines. Aus einem uns vom Sekretariat freundlichst zur Verfügung gestellten Bürstenabzug sind wir in der Lage, einiges über die Entwicklung des Vereines zu entnehmen. Josef Ritter v. Wertheimer, Dr. Ignaz Kura n d a und Dr. Leopold K o m p e r t bildeten vor vierzig Jahren bei der Gründung der Israel. Allianz das erste Erekutivkomitee. Durch die Macht ihrer Persönlichkeit, durch ihre politische und gesellschaftliche Stellung, durch ihr begeistertes Schaffen für die Ziele des Vereines haben sie zu dessen Hebung am meisten beigetragen. Moriz Freiherr von Königs wart er und/ Eduard Wiener Ritter von Welten gehörten zu den ersten, die Beiträge für den Stammfonds gestiftet. Die Idee und die Bestrebungen des Vereines können nicht besser dargestellt werden, als es in dem Nachruf geschehen ist, den Adolf Jellinek dem Gründer des Vereines, Josef Ritter von Wertheimer, gehalten hat: „Dieser Verein ist die herrlichste Frucht am Baume des modernen Judentums und kein zweiter erreicht ihn an Wichtigkeit und Wirksamkeit. Die Grenzen seiner ausgedehnten und segensreichen Tätigkeit sind nicht etwa eine Gemeinde, eine Stadt, ein Land, ein Reich, ein Weltteil, sondern' er umfaßt mit brüderlichem Sinne ganz Israel in der Zerstreuung. Mo es leidet, duldet, seuM, schmachtet und verzweifelt, wo es im Dunkeln wandelt, fern von dem Lichte europäischer Kultur, wo es der Fürsprache und der Fürsorge, der Vertretung und der Verteidigung bedarf, wo es gilt, Schulen zu errichten, Werkstätten zu gründen, Handwerke zu verbreiten, die Heranwachsende Jugend zu nützlichen, fleißigen, kulturfähigen Menschen zu erziehen, da erscheint er ratend, helfend, schützend, mit freigebiger Hand, mit fürsehendem Auge und mit warmer, brüderlicher Teilnahme. Er schlug zuerst Wurzeln in jenem großen Reiche, wo eine hochherzige, freiheitliebende, für die erhabenen Prinzipien der Aufklärung begeisterte Nation lebt, wo unsere Brüder zuerst in Europa als vollberechtigte Söhne und Bürger ihres Vaterlandes anerkannt wurden und wo das dreifach gefärbte Banner der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zum Segen der Menschheit glorreich weht. Dort haben unsere Glaubensgenossen zuerst für die heilige Sache und hehre Idee, den leidenden Brüdern in der Ferne ein warmes Herz und eine hilfreiche Hand zuzuwenden, sich begeistert und sie allmählich freudig und hingebungsvoll ausgeführt. Sie wollten Gott ein Dankopfer darbringen für die Erlösung von der Schmach und der Erniedrigung des Mittelalters, die er ihnen gesandt hat, und wahrlich, sie konnten ihren Dank gegen die göttliche Vorsehung nicht herrlicher und preiswürdiger ausdrücken, als durch die Gründung der „Allgemeinen Israelitischen Allianz". Aus dem reichen Inhalt des vorliegenden Berichtes entnehmen wir ein Schriftstück aktuellen Interesses, nämlich das Aromemoria der Jfr. Allianz zu Wien über die Lage der rumänischen Juden. Ueberreicht dem k. u. k. Ministerium des Aeußern in Wien im Februar 1913. Die moralische Grundlage des Balkankrreges, über dessen Abschluß jetzt diplomatische Verhandlungen gepflogen werden, ist das Bündnis der Balkanstaateni zur Befreiung unterdrückter Nationen, zur Proklamierung der Gleichberechtigung aller Konfessionen, zur Rehabilitierung des Berliner Vertrages. Der Sieg in diesem Kriege war den Waffen der Balkanmächte beschieden. die Mit der Parole in den Kampf zogen, die politische und bürgerliche Gleichstellung aller Bewohner des Balkans ohne Unterschied der Nation und der Konfession herzustellen und dadurch den. dauernden Frieden und die ruhige Entwicklung aller Völkerschichten auf dem Balkan zu sichern. Das Leitmotiv der kriegerischen Auseinandersetzung wird auch das Fundament des Friedensschlusses bilden. Wenn der Friede geschloffen sein wird, wird für alle Nationen und alle Konfessionen eine Aera der friedlichen Eintracht anbrechen, die den Völkern zum Segen gereichen wird. — Der 'Friedensschluß wird allen die Treuga Dei bringen, allen, nur nicht den — rumänischen Juden. In allen übrigen Balkanstaaten haben die Juden die ihnen gesetzlich gLwährleistete Gleichberechtigung bereits vor Ausbruch des Krieges genossen und werden auch nach dem Friedensschlüsse im Genüsse derselben bleiben. Nur die rumänischen Juden werden, falls die Neuordnung der Verhältnisse nicht auch auf ihre schon im Artikel 44 des Berliner Vertrages zugesicherte Gleichberechtigung Rücksicht nimmt, die einzige Bevölkerungsfchichte auf' der ganzen Balkanhalbinfel fein, die außerhalb jedes Rechtes steht, die unter dem Drucke widerrechtlicher Ausnahmsgesetze schmachtet. Der Berliner Vertrag vom 13. Juli 1878 setzt in seinem Artikel 44 folgendes fest: ' „ln Rumänien darf die Verschiedenheit des religiösen Glaubens oder der Konfession niemandem gegenüber als ein Grund der Ausschließung oder Unfähigkeit hinsichtlich des Genusses der bürgerlichen oder politischen Rechte, der Zulassung zu den öffentlichen Aemtern und Ehren oder der Ausübung der einzelnen Professionen und Gewerbe, gleichviel in welcher Ortschaft benutzt werden. Die Freiheit und Ausübung eines jeden Kultus sind allen rumänischen Staatsangehörigen, sowie den Ausländern gesichert und ihren Beziehungen zu ihren kirchlichen

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