Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 14 (4.4.1913)
- Date
- 1913-04-04
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 250 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. U fcitialc, i»\ild)C, Keller und viele, vielte Nebenräume besitzt. Ein „Heim" nennt man es und wahrlich mit Recht, denn heimisch fühlen wir 70 Schwestern uns in demselben, wie zuhause leben wir dort: es wird für uns gesorgt, wie einst Vatzer und Mutter für uns sorgten. Gute Menschen sind es, die uns unsere geliebten Eltern zu ersetzen trachten, sie versorgen uns mit Nahrung, mit Kleidung viele, viele Jahre hindurch, sie lassen uns ein Gewerbe erlernen und sorgen auch für unsere geistige Entwicklung, sie schicken uns in die verschiedensten Schulen und Lehren, ja manche von ihnen unterrichten uns sogar selbst, halten uns in unserer freien Zeit Vorträge. Vorlesungen, kurz sie machen uns zu brauchbaren Menschen. Jedes von uns wird einem Berufe zuaeführt. Und wenn dann unsere Lehrzeit vorüber, wir tüchtige Arbeiterinnen geworden, sei es im Kontor oder in der Werkstätte, im Atelier oder in der Hauswirtschaft, wenn wir für unsere Arbeit schon entlohnt werden, brav und gut geblieben sind, brauchen wir dieses schöne Heim nicht verlassen, wir rücken ins „Arbeiterinnen-Heim" vor, das ist im dritten Stock dieses grotzen Hauses, dort können wir weiter verbleiben, als Muster für unsere jüngeren Schwestern, die erst eintreten. - Und ein Muster will ich werden, ein Muster schon meinen Wohltätern zuliebe, und unr ein nützliches Glied der menschlichen' Gesellschaft zu sein." So plauderte die Kleine fort. Ich war entzückt. Eine solche Institution gibt es in Wien und ich kannte sie nicht, und wieviele reiche und wohlhabende Leute werden sie auch nicht kennen! Ist dies nicht eine Institution, wie wir deren Hunderte haben sollten? Ein Asyl, aus welchem Menschen hervoraehen, die, wenn sie nicht rechtzeitig darin Aufnahme gesunden hätten, auf Abwege geraten, vielleicht ganz untergegangen wären. — Wieviele Wesen mag es seit seinem Bestände dem Untergänge entrissen haben? Wievielen Geschöpfen Hai es in seinem stillen, wohltätigen Wirken die Zukunft, Glück und Wohlstand begründet? Während diese Gedanken und Gefühle mein Herz bestürmten, war ich mit meinem Schützling ans Ziel gelangt: die Kleine hatte ihr Paket und ihren Brief abgegeben und ich geleitete sie nun zu ihrem Heime. Alsbald stand ich in Andacht und Bewunderung versunken, vor dem einfachen Hause, das in einer stillen Gasse des zweiten Bezirkes (Leopoldsgasse 15) gelegen, in schlichten Worten die Aufschrift: „Kaiserin Elisabeth- Lehrmädchen- und Arbeiterinnen-Heim" trägt. Ich vermochte nicht, mich von demselben zu entfernen, und obwohl ich wußte, daß in so später Abendstunde den Fremden kein Einlaß gewährt würde, wagte ich es, meine kleine Begleiterin an der Hand fassend, in das Innere des Heimes zu gelangen. Ich konnte nicht an mir halten, ich mußte mich sofort von allem, was ich eben vernommen, persönlich überzeugen. Nach einigen Worten, die ich mit der Oberin des Heimes gewechselt, geleitete mich, dieselbe in liebenswürdigster Weise durch alle Räume des in zweckmäßigster Weife angelegten Heimes. Ich sah viel, viel mehr, als die Kleine mir zu schildern vermochte. Ich durchschritt die Küche, wo . einige junge Mädchen unter der Aufsicht der Köchin das Abendessen vorbereiteten, andere damit beschäftigt waren, die Gedecke auf den langgestreckten Speisetischen herzurichten. Ich kam an den nach strengster Hygiene eingerichteten Baderäumen vorüber in den großen, luftigen Arbeitssaal, welcher Maschinen und Arbeitsmaterial in Menge enthält und wo nach des Tages Arbeit einige Mädchen, die bereits heimgekommen waren, Ordnung machten. Von hier aus betrat ich die' Schlafsäle, wo in größter Einfachheit und Reinlichkeit 70 Betten ausgestellt sind, welche die kleinen müden Menschenkinder zur Ruhe laden. lieber einzelnen Betten fand ich Marmortafeln, in denen die Namen hochherziger Menschen verzeichnet sind, die für alle Zeiten Beltstiftungen gewidmet haben. Ich will es unterlassen und wäre auch oar nicht imstande, alle Einzelheiten so. zu schildern, wie sie sich meinen erstaunten Blicken darboten: aber ein Bild, welches mich mächtig ergriff und mein Herz ganz besonders rührte, war es, das ich seither nicht vergessen kann: Die Abendstunde war bereits ziemlich vorgerückt, die Abendglocke erscholl mit freundlichem Klange durch das Haus, sie lud die jungen Mädchen zum Abendessen. Ich betrat den großen Speisesaal, in welchem allmählich die Schützlinge, einer nach dem anderen, nach des Tages Arbeit heimkehrend, sich versammelt hatten, lauter frische, jugendliche, heitere Geschöpfe, die strotzend von Gesundheit und Lebensfreudigkeit, die ihnen bestimmten Plätze einnahmen, nach kurzem Gebete herzhaft Zugriffen und mit gutem Appetite das ihnen vorbereitete Abendessen einnahmen. Siebzig Hungrige waren zu Tische geeilt, 70 gesättigte, gekräftigte Menschhnkinder erhoben sich zum' Gebete, dem Schöpfer und den Wohltätern zu danken. Plaudernd und scherzend blieben sie noch eine Weile beisammen, verteilten sich, dann in den Waschräumen, wo sie sich wuschen und kämmten, bereiteten weiters alles Nötige für den nächsten Tag vor und gingen nach kurzem Nachtgebete zur Ruhe, um nach des Tages Mühen und Arbeit von glücklicher, heiterer Zukunft zu träumen. Gerührten Herzens verließ ich dieses Haus der glücklichen Jugend, .mit dem festen Vorsätze, nach Menschen zu suchen, die, gleich mir, Freunde, Gönner und Mitglieder jenes Vereines werden, der diese segenspendende Institution gegründet, welche von so vielen Armen und Dürftigen gekannt und aufgesucht wird, jedoch weit mehr von unseren Reichen und Wohlhabenden gefunden und unterstützt werden sollte, damit sie sich immer mehr entfalte und immer Mehr Glückliche mache. In der nächsten Erziehungsratssitzung aber will ick meiner Ueberzeugung Ausdruck geben, daß die Gründung und Erhaltung solcher „HeiMe", daß die Unterbringung in dieselben der durch häusliche Verhältnisse oder andere Umstände bedrohten Geschöpfe das wirksamste Mittel zur Bekämpfung jener eingangs erwähnten Erziehungsfehler unserer Jugend ist: man bringe dieselbe rechtzeitig dahin, ehe es zu spät und män dann genötigt ist, Korrektionshäuser zu errichten. Diese erste, vorläufig noch einzig dastehende Institution aber soll und muß Mit allem zu Gebote stehenden Mitteln zu erhalten und auszugestalten getrachtet werden, es ist dies heiligste Menschenpflicht: erfüllte sie doch auch den Wunsch unseres geliebten Kaisers: „Sorget für die Jugend, schützet sie!", und führt sie ja auch den Namen unserer verewigten unvergeßlichen Kaiserin: „Kaiserin Elisabeth-Lehrmädchen- und Arbeiterinnen- Heim". — Reichlicher Lohn wird Allen werden durch ein kräftiges, blühendes, arbeitsfreudiges und glückliches Geischlecht. _ Lina W e i ß. Merat«r. Löbliche Redaktion! Ich habe die letzten zwei Nummern Ilms gesch. Blattes erst heute gelesen. Zu der Glosse 6, welche Herr Dr. Armin Abeies in seinem Aufsatze zur Erk!ärung des Wortes gegen Krauß polemisierend, macht, möchte ich mir erlauben, auf Midr. rabb. Lev. C. 9 hinzuweisen, wo erzählt wird, daß R. Jannai einem Manne begegnet ist nm*3 l'L'VQ "NV d. h., der sehr vornehm ausgesehen hat. Der Mathnath Kehunna bemerkt nTO dort also bedeutet ys-tPia jedenfalls eher »reichlich« als etwa »schief oder schräge«. Es hängen eben beide Begriffe zusammen: ein langes hetabwallendes Gewand ist ein reichliches Gewand und verleiht Vornehmheit. Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch noch