Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 14 (4.4.1913)
- Date
- 1913-04-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite £44 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 14 Sammlung zur Aufbringung1 der Mittel für ein Krankenhaus oder dergl., von welcher Seite die größten Spaml *tt eingelaufen sind. Man vergegenwärtige sieh weher die Geschichte der Juden in der Diaspora, die eine einzige Kette von Verfolgungen bildet, denen sie durch den Lebertritt, zu einer christlichen Kirche hätten entgehen können. Und doch bestiegen sie den Scheiterhaufen. Folter und Flamme vermochten sie nicht irre zu machen an der Hingabe an ihre religiöse Ueberzeugung, die ihnen vor der Veit doch nur Leid und Schimpi eintrug. Ist das kein Idealismus? Als Schönherrs „Glaube und Heimat“ im Berliner Lessing- Theater zum erstenmale aufgeführt wurde, drückte ein Kritiker seine Verwunderung darüber aus. daß gerade der jüdische Teil des Publikums so starken Beifall spendete. Nichts natürlicher als das: die Salzburger Bauern, die Haus und Hof verlassen mußten- und die selbst aus dem Ghetto noch vertriebenen Juden, tragen sie nicht gleiches Schicksal? — l'nd heute? Ja. gewiß, die Scheiterhaufen lohen nicht mehr, es gibt kein minderes Beeilt mehr für die Juden, und doch fallen Menschenopfer unerhört“. "Wer will behaupten, daß faktische Gleichberechtigung bestände? Der jüdische Gerichtsassessor, der gern zur „Begierung“ möchte, muß den Preis ijn Uebertrilt. zu einer christlichen Kirche bezahlen. — Aber wer darin nur eine Formalität sieht, eine Zulassungsbedingung, die man erfüllt haben muß, etwa wie man sein Exatpien ablegt, der ist doch lürwahr ,ein trauriger Vicht, nicht minder aber auch der, der ihn dazu veranlaßt. Ehre denen — und ihre Zahl ist nicht klein — die das schmutzige Anerbieten zurückweisen. Wieder frage ich, ist das kein Idealismus? Freilich, an der traurigen Tatsache ändert es nichts, daß durch diese Art der „Auslese” die besten, charaktervollsten, ehrlichsten Juden zurückgestoßen werden. „Schlimmere Simonie ist nie getrieben worden,“ sagt mit Recht Jakob Löwenberg in seinem „Kunstwart“-Aufsatz. Venn ich nun sagen soll, was ich als Nichtjude und Gegner des Antisemitismus fordere, so kann es nur eins sein: zeigt dem Juden gegenüber die Tugend des Starken, die Gerechtigkeit! Ich sehe wohl, verehrter Leser, dein spöttisches Lächeln zu dieser Forderung, zu diesem lange „überwundenen“ Standpunkt:, und du befürchtest wohl ein Zitat aus dem „Nathan“. Sorge dich nicht, ich weiß, daß gerade die, die sicfi für Idealisten halten, der Judenfrage gegenüber den ausgesprochensten Zweckmäßigkeitskult predigen. Und so füge ich für alle die, die auch für die Gerechtigkeit nur die Pilatusmiene übrig haben, noch einige Vorie an. Ergreifend schildert Sudermann im „Sturmgesellen Sokrates“, wie der Sohn des Rabbiners Marcuse, der gleichzeitig mit zwei christlichen Jugendfreunden die Universität; bezieht, nun, da diese „aktiv“ werden, von ihnen zurückgestoßen wird, da „man“ mit ,.so’n Juden“ nicht verkehrt. Vie er es gar nicht fassen kann, daß die, finit denen er bisher SO eng befreundet war, ihn nun plötzlich vernachlässigen und schließlich nicht mehr kennen. Vie er dann nach langen Seelenkämpfen verhärtet und ausruft: „Ihr wollt uns nicht zu Freunden haben, wohlan, ihr sollt uns zu Feinden haben.“ — „Es gibt," schreibt Oskar A. H. Schmitz in seinem geistvollen Buch über Benjamin Disraeli („Die Kunst der Politik“) von Lassalle, „Naturen, die, wenn sie nicht Erzengel sein können, Lueifer werden.“ Halle A. S. Dr. seient. pol. Erhard Schmidt. Korrespondenzen. Morgendämmerung! Oder sollte es damit wieder nichts werden? Wir haben das Hoffen beinahe oerlernt. Sind wir zwar nicht „legitimiert", uns für H i l s n e r emzufetzen, wie der amtliche Bescheid auf unser Begnadigungsgesuch lautete, so verfolgen wir doch mit unseren innigsten Wünschen und vor allem aus Interesse für das so unsagbar frivol mit Tützen getretene Recht jedes Aufleuchten irgend eines Hoffnungsstrahles: möge doch endlich die Stunde der Befreiung auch dem unglücklichsten der Unglücklichen schlagen, ihn aus jener entsetzlichen Kerkernacht befreien, in die ihn der mittelalterlichste Fanatismus, ein wahres Inquisitionsfieber vor mehr als 12 Jahren geschleudert hat. Wir vernahmen vor wenigen Molchen, datz ein des Mordes vollkommen Ilebuwiesener, der zu 28 Jahren Kerker verurteilt wurde, nach Verbützung oer Hälfte seiner Strafzeit begnadigt wurde. Hilsner, dem gar nichts, rein nichts nachgewiesen werden könnte, als datz er Jude und kein besonders fleitziger Schustergeselle sei. seufzt genau auch 14 Jahre - unter Einrechnung der Untersuchungshaft unter der fürchterlichsten, durch absolut nichts bewiesenen, daher geradezu l ä ch erlichen Beschuldi - g u n g der Mithilfe an pm Morden! Am 12. September 1912 erschoß ein böhmischer Landwirt namens Postranecky seine Frau und seinen Schwiegervater nach einem vorausgegangenen Streit mit dem Jagdgewehr. ^Das Schwurgericht von Iungbunzlau sprach ihn am 7. November 1912 unter Annahme von Sinn eso er wirrung frei! Man greift sich an den Kopf, wenn man dagegen die Behandlung des Falles Hilsner in Vergleich zieht. Leben wir wirtlich im 20. Jahrhundert, überdies in einem Rechtsstaate?! Cs fehlen uns die Worte für die Scham und die Entrüstung darüber, datz es erst eines „Novum", einer neuen Verhandlung wegen eines neuen des Mordes Verdächtigen bedarf, um für den erwiesenermaßen Unschuldigen lediglich erst die Möglichkeit der Freiheit zu schassen, wo doch im Gehetze die hiezu dienliche Handhabe auch ohne jede besondere, indes keineswegs sicher zum Ziele führende Prozedur vorgesehen ist. — Welche Zufälle sind da möglich! Uns schwebt eben aus dem Prozetz Dreyfus die beinahe ebenso beschämende geschichtliche Tatsache vor, datz man den Attentäter, der e i n e n S ch u tz auf den Verteidiger a b g a b, bis heutje noch nicht kennt! - Jene, die sich für unser armes Opfer der Pöbelleidenschaften interessieren, verweisen wir auf die im Jahre 1911 bei A. W. Hayn's Erben in Berlin erschienene kleine Flugschrift: „Ter Fall Hilsner, ein europäisches Iustizverbrechen",*) sowie auf die in der „Oesterr. Wochenschrift" in Nr. 15 vom Iahre 1910 unter dem Titel „Schädlinge der Gesellschaft" veröffentlichte Abhandlung. Zur größeren Beguemlichkeit der Leser haben wir.von letzterer Separatabdrücke ansertigen lassen, welche wir über schriftliches Verlangen gegen vorherige Einsendung desMindrsl- . betrage? von 50 Heller pro Exemplar zusenden werden, wobei der 'Erlös, nach Abzug der Postfpesen, einem wohltätigen Zwecke zugeführt werden wird. Mehrbeträge werden veröffentlicht werden. Verein zur Abwehr des Antisemitismus W i e n, II., Novaragaffe 44. Teplitz. „Geehrter Herr Doktor! Ich greife nicht gerne . in fremden Streit ein, jetzt in meinem hohen Alter schon gar nicht, um mein ruhiges, beschauliches, fast weltentrücktes Dasein unnütz aufzurütteln und es aus seinem Gleichgewicht herauszubringen. Aber gegenüber der Ihnen seitens der Prager Zionisten gewordenen Verdächtigungen und Anschwärzungen kann ich mich nicht des Wortes erwehren und mutz mich nolens volens wie ein Sekundant auf Ihre Seite stellen, weil ich viele Iahre unmittelbarer Zeuge Ihrer parlamentarischen und journalistischen Tätigkeit zu Gunsten der Juden war, namentlich zur Zeit, als Sie für Kolomea im Abgeordnetenhause satzen und dem damals im Aufstieg begriffenen, bereits allmächtigen Lueger und seinen Trabanten mit ziemlichem Erfolge, jedenfalls mit vielem Geschick und Eifer, entgegentraten. Wären nicht die Spitzen der Polen mobilisiert und der damalige Statthalter Baron Zaleski ins Treffen geschickt worden, Sie hätten auch nicht das Reichsratsmandat an Trachtenberg verloren, durch dessen Nominierung die Kolomeaer Bevölkerung nichts gewönnet;, während Sie stets ihr Anwalt waren. Uebrigens sind wir, die wir in der Oeffentlichkeit standen, an Attentate des Undanks gewöhnt, denn Mitzgunst und Parteigehässigkeit begeifern alles, was da lebt und wirkt; besonders grassiert dies Uebel in den kleinen, vom großen Ganzen losgeschälten Parteien. Und dies ist unsere Schwäche, wie seinerzeit die Kleinstaaterei die Schwäche Deutschlands war, ehe der große Kanzler sie geeinigt. Man blicke auf die Polen, die Ungarn, *) In Wien ua. in der Buchhandlung R. Löwit, 1. Be?. Notn'.lnrmstraße, erhältlich.