Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 14 (4.4.1913)
- Date
- 1913-04-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nc. 14 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 239 gelang es dem Rabbi zu fliehen, indem eine türkische Frau die Ianitscharen in dem Gero irre der Gemächer irreführte, da das Haus und der Hof sehr groß waren und in der Zwischenzeit der bedrohte Rabbi sich flüchten konnte. Die Ianftscharen suchten ihn und konnten ihn nicht finden. Bajazed war in Amasia in Kleinasien. Kau in, daß er den Bericht von dem Tode des Sultans erhielt, machte er sich auf in Begleitung von 4000 wohlgerüsteten Reitern, langte ngch neun Tagen in Konstantinopel an und bestieg als Bajazed II. den Thron. Reschim, der nun einsah, daß der Thron für ihn verloren sei, flüchtete nach Egypten zu dem Sultan der Mameluken, die dazumal dort herrschten: dort wurde er freundlich ausgenommen und dieses unscheinbare Ereignis sollte der Anlaß zum Ausbruche eines Krieges zwischen der Türkei und Egypten werden, der oben erwähnt wurde und der erst sein Ende fand, als Egypten unter dem späteren Sultan Selim vollständig unter türkische Herrschaft kam und somit auch das heilige Land dem Osmanenreiche endgiltig einverleibt worden ist. In die Negierungszeit B aj azed II. fiel das große, die ganze Iudenheit erschütternde Ereignis der Vertreibung der Juden aus Spanien, wie es sonst die ganze Geschichte nicht mehr aufzuweisen hat. Von diesem Sultan stammt der Ausruf: Ihr nennt Ferdin a n d den K a 1 h o l i sch e n einen politisch klugen König! Er, der sein Land durch die Vertreibung der Juden verarnrt und das meinige hiedurch bereichert hat!? ‘t£in jüdischer Zeitgenosse aus der Türkei erzählt hierüber folgendes: Als der Sultan Bajazed hörte von all dem Bösen, welches der König von Spanien den Juden zufügte und daß sie nach einem Ruheplätze suchten, da erbarmte er sich ihrer, sandte Boten aus und ließ im ganzen Reiche verkünden, daß niemand es wage, die Juden zu verstoßen und zu vertreiben, sondern shr mit Freundlichkeit zu empfangen, und wer dagegen handle, sei des Todes. So kamen sie nach der Türkei zu Tausenden und Zehntausenden und das Land füllte sich von ihnen. Auch die in der Türkei vorhandenen jüdischen Gemeinden hatten sich ausgezeichnet, indem sie Gelder wie Steine sammelten, um jüdische Gefangene auszulösen: da war es besonders der Fürst R. Mosche Kapsali, der sich auszeichnete, indem er ringsumher die Gemeinden aufsuchte, sie mit Unterstützung der Regierung zu Steuern für diesen Zweck heranzog: so war der Mann Mosche sehr groß. Diese Tatsache vervollständigt das schöne Bild dieses großen Mannes, welcher der erste Großrabbiner der türkischen Iudenheit nicht nur der Reihezahl, sondern auch seiner ruhmreichen Tätigkeit nach war. Nur fünf Jahre überlebte Mosche Kapsali dieses große Ereignis der Einwanderung der spanischen Juden in die Türkei, und 43 Jahre war er an der Spitze aller türkischen Juden gestanden. In großen Ehren wurde er begraben: seine Grabstätte befindet sich auf dem ältesten Friedhof in Konstantinopel, in der Vorstadt Balat, und wie sein Name noch gegenwärtig fortlebt. dies zeigt sich darin, daß die Frommen der Stadt wenigstens einmal im Jahre sein Grab aufsuchen, mit bei demselben Gebete zu verrichten. Ein nicht minder berühmter Mann war sein Nachfolger Rabbi Elia Misrachi: er behielt die gleiche hohe Stellung bei im Rate des Sultans, wie fein Vorgänger. R. Elia war in dem Gelehrtenkreise seines Vorgängers ein Gegner desselben in bezug auf das feindliche, Verhalten gegen die Karäer. Er stand in diesem Vorgehen nicht allein. Gelehrte, wie R. CHali och, der bereits unter den Gelehrten Adrianopels erwähnt . worden ist, wie R. M o r d e ch a i E o m t i n o. der ein großer Kenner der maimonidischen Werke war und hervorragende Bücher verfaßt hatte, standen ihm zur Seite. Als er nun selbst der Großrabbiner der Türkei geworden war, blieb er sich in dieser seiner Anschauung treu, die den Karäern eine kurze Zeit der Blüte und des Aufschwunges brachte. R. Elia Misrachi hat jedoch auch, trotz der großen Arbeit, die ihm seine amtliche Tätigkeit auferlegte, eine große Reihe von Büchern verfaßt, unter denen besonders das zu dem großen Kommentar der Bibel, von R. Schlomo Izchaki, bekannt unter dem Namen R as chi, noch gegenwärtig sehr beliebt ist und sowohl von seinem großen, durchdringenden Geist, wie von seiner großen Gelehrsamkeit zeugt. Es führt den Namen „R am a l hatora" und wurde bis in die neueste Zeit viel fach aufgelegt. Zur Zeit des R. Elia hatte sich die amtliche Tätigkeit des Großrabbiners so erweitert, daß sich eine neue Hilfsinstitution einbürgerte, die dem Rabbinate die Arbeit erleichtern sollte. Es war der Schtadlan. Fürsprecher bei Hofe, der bei den Türken Kahija hieß: das war ein Mann, der bei Hofe aus- und entging, mit den Großen des Reiches zu verkehren wußte, nicht so sehr durch religiöse Rücksichten, wie der Großradbinec, in seinem Benehmen koi Hofe behindert war und dadurch politisch mehr wirken konnte. Durch die hervorragende Stellung des Kahija bei Hofe wurde jedoch die des Oberrabbiners nicht im Ansehen gemindert, sondern er war nur sein Gehilfe, der auch abgesetzt werden konnte, wie es auch mit dem ersten dieses Amtes nainens Schenk kiel der Fall war. Dieses Amt blieb dann in der Türkei eine stetige Einrichtung. R. Elia Misrachi führte sein hohes Amt unter drei aufeinanderfolgenden Sultanen: unter Bajazed II., Sehim I. und Suleiman. Seine Grabstätte findet sich auch auf dem Friedhose, auf welchem sein Vorgänger die Ruhe gefunden hatte. Dieser Friedhof ist noch durch folgende zwei Grabsteine ausgezeichnet, an die sich die Legende geheftet hat. Da ist ein Grabstein mit 4 Säulchen in den Ecken, die wie bei einem umgestürzten Tische in die Luft emporragen. Man erzählt sich, daß man diesen Stein oft gehoben habe und fest eingebaut, aber man fand ihn jedesmal wieder mit den Säulchen nach oben. Unwillkürlich erinnert man sich bei diesem sonderbaren Grabstein an die Erzählung des Talmud (Taan. 25 a) von der Frau des Rabbi Ehanina b. Doffa, die zu ihm sagte: Ich sah im Traume, daß die Frommen in der zukünftigen Welt an einen goldenen Tisch, der drei Füße hat, essen werden, daß du aber an einem Tisch, der bloß zwei Füße hat, essen wirst.' Man hatte ihm nämlich, infolge seines Gebetes, vom Himmel einen Fuß des goldenen Tisches herabgerelcht. Seine Frau sagte ferner zu ihm: würde es mr denn gleichgiltig sein, daß, während andere an einem vollkommenen Tische essen, wir an einem mangelhaften essen sollten!? R. Ehanina, der Wundertäter benannt, betete dann und der goldene Fuß verschwand wieder. Dieses Wunder, meint der Talmud, war noch größer, als das vorhergehende, da ihm der goldene Fuß vom Himmel herabgereicht worden war: denn, sagt er. es ist bestimmt anzunehmen, daß vom. Himmel gegeben wird, aber das Gegebene nicht so bald wieder vom Himmel weggenommen wird. Immerhin scheint die Legende dieses Grabsteines auf die Vorstellung von dem Tische der Frommen im Jenseits hinzuweisen. Ein anderer Stein, der flach auf dem Grabe eines frommen Rabbi liegt — wie es überhaupt noch gegenwärtig Brauch bei den Spaniolen ist, die Grab-