Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 14 (4.4.1913)
- Date
- 1913-04-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 238 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 14 leicht zu anderen Konsequenzen. Dem bewährten jüdischen Patriotismus liegt es vollständig ferne, an den Maßregeln unserer Regierung in einem ernsten Moment Kritik zu üben. Wir möchten aber doch aus den historischen Ereignissen der Gegenwart für die Zukunft zwei Dinge hervorheben.: Daß es nämlich ein Christentum nicht gibt, das aus seiner ethischen Ueberlegenheit eine Berechtigung für den Antisemitismus nehmen dürfte und zweitens, daß unsere Regierung zum Schutze der Humanität und gegen den Religionszwang diesmal ihre äußersten Mittel bereithält. Berühmte Iudengemeinden des osrrmnischeu Ruches. Bon Rabbiner W. Reich in Baden bei Wien. (XI. Fortsetzung.) Der Erste, der die hervorragende Stellung eines Oberrabbiners der jüdischen Gemeinden im türkischen Reiche bekleidete, war Rabbi Mosche Kapsali. Er stand bereits an der Spitze der Juden Konstantinopels, als sie noch unter griechischer Herrschaft waren, denn er selbst war seiner Abstammung nach ein griechischer Jude. In seiner Jugend schon trieb ihn sein Wissensdrang, die großen berühmten Jeschiboth in den Rheinlanden aufzusuchen, wodurch es ihm dann möglich war, das talmudische Wissen in seiner Heimat zu verbreiten. Von seiner Einsetzung durch Mohammed als Haupt der Juden seines Reiches wird folgendes erzählt: Nach der Besitznahme der Hauptstadt saß der Sultan, umgeben von seinen Großen, zur Beratung der inneren Angelegenheiten des Landes, und er frug seine Umgebung, wer denn gegenwärtig der Richter und Lehrer der Juden sei. Man antwortete ihm, es sei ein Greis: er lebe abgeschlossen, faste durchs ganze Jahr, schlafe auf der bloßen Erde, lebe eingeschränkt und beschäftige sich mit der Thora. Da ließ ihn der Sultan vor sich kommen und stellte an ihn die Frage: Was ist euere Anschauung über Jsmael, den Sohn Abrahams? War er ein Frommer oder nicht? Sprich die ungeschminkte Wahrheit, verhehle nichts vor mir! — Der Rabbi antworiete: Jsmael war goitesfürchtig und allem Bösen abhold, und führte ihm dazu Stellen aus dem Talmud an, die von Jsmael und seiner Größe handeln. Hierüber war der Sultan sehr erfreut; er wollte ihn in die kostbaren, goldgestickten Gewänder der Hofbeamten kleiden lassen, welches der Rabbi jedoch bescheiden ablehnte. Es erging nun der Befehl des Sultans, daß ihn hohe Beamte unter großein Pomp nach Hause geleiten, was von nun an immer so geschah. Obwohl er schon durch seine überragende Stellung, wie durch die Gunst des Sultans und feine persönliche Berührung mit demselben fast unantastbar schien, hatte er dennoch große Kämpfe und Widerwärtigkeiten, selbst aus dem Kreise seiner Gelehrtengenossen, zu bestehen. Vor allem war es sein Widerstand gegen jeden näheren Verkehr mit den Karäern. Diese waren nämlich gleichfalls aus den verschiedensten Gegenden nach der Hauptstadt geströmt; sie kamen dahin aus der Krim, aus Polen und aus Kleinasien. Ihre Unwissenheit war jedoch sehr groß und in ihren religiösen Kenntnissen waren sie tief gesunken. Da gab es nun viele und große Gelehrte aus dem Kreise der Rabbaniten, die sich ihrer annahmen und sie unterrichteten. Dagegen machte Rabbi Mosche Kapsali strenge Front und kam in Zwiespalt mit denselben. Er hielt sich da an seine von Deutschiland mitgebrachte strenge Anschauung, die Karäer, als die Verächter der talmudischen Tradition, auch vollständig von sich zu stoßen. Wietief begründet und berechtigt dieses sein Vorgehen war, hat sich ja doch im Laufe der Zeit gezeigt; der Karäismus hat sich tatsächlich als eine Fehlgeburt erwiesen, die nicht zum Leben zu erwecken war. Trotz dieser seiner streng jüdischen Anschauung und seiner wahrhaft asketischen Lebensweise im allgemeinen, war er nicht gegen Angriffe gefeit, die ihm von einer hohen Autorität des Gesamtjudentums zuteil wurden; es war dies der berühmte Rabbi Josef Kolon in Mantua, von dem bereits die Rede war. Die Veranlassung hiezu entstand durch einen Sendling aus dem h. Lande, der den auffälligen Namen Mose V ier und zwanzig führte. Es war zu derselben Zeit jedoch Krieg zwischen der Türkei und Egypten, und da Palästina zu letzterem Lande als Provinz zählte, konnte Moses Kapsali, in seiner Eigenschaft als Chacham Baschi, nicht die Erlaubnis erteilen, Gelder für ein Land zu sammeln, welches zum Feindesland zählte, wenn es selbst das heilige Land war. Als Rache für dieses Verbot verband sich der palästinische Sendling mit anderen Intriganten und verfaßte eine Anklageschrift mit häßlichen Beschuldigungen, die dem als Eiferer bekannten Rabbi in Mantua eingehändigt wurde. Hiedurch wurde derselbe zu fast unglaublichen Angriffen gegen R. Mosche Kapsali verleitet, die fast bis zur Verhängung des Bannes gegen ihn ausarteten. Mosche Kapsali wußte sich wohl zu wehren, brachte es sogar dahin, daß Josef Kolon sein Unrecht einsah und auf seinem Totenbette seinen Sohn P e r >e z beauftragte, nach Konstantinopel zu wandern, um Mosche Kapsali wegen des ungerechten Vorgehens gegen ihn um Verzeihung zu bitten, die derselbe in seiner bescheidenen Weise und seinem edlirn Charakter auch zuteil werden ließ; jedoch seine letzten Lebensjahre waren dennoch dadurch verbittert. Auch ein politisches Ereignis hat ihn großen Gefahren ausgesetzt. Es war nämlich eine große Pest in Konstantinopel ausgebrochen, alles war in schrecklicher VerZweiflung. Da ließ der Sultan alle Weisen und Gelehrten versammeln, damit sie Rat finden, wie der Pest zu steuern sei. Niemand wußte Rat. Der Sultan schickte nun um den Judenrabbi und sprach zu ihm, was vermagst du nach den Gesetzesvorschriften der Juden als Ursache für den Einbruch dieser schrecklichen Pest anzugeben? Und der Rabbi antwortete: Nach dem Ausspruche des Talmud kommt die Pest, wenn die Unzucht überhand nimmt, diese tötet die Guten mit den Bösen. Diese Antwort gefiel dem Sultan und er erließ ein strenges Edikt gegen jeden, der sich derselben schuldig machen sollte. Infolge dieses Erlasses wurden viele Janitscharen hingerichtet. Die Genossen derselben konnten diesen Schlag nicht vergessen und schworen, das Blut ihrer mit dem Tode bestraften Brüder an dem Rabbi zu rächen. Die Gelegenheit hiezu schien ihnen zu folgender Zeit günstig zu sein. Mohammed II. war im Jahre 1481 eines plötzlichen Todes gestorben. Der Großvezier hatte nun die Absicht, anstatt des erwachsenen Krowerben Bajazed den jungen Sohn des verstorbenen Sultans, namens Refchim, auf den Thron zu erheben. Um dies zu ermöglichen, verheimlichte er den Tod des Sultans. Cs gelang ihm dies jedoch nicht, die Verheimlichung wurde ruchbar und die Janitscharen benützten das Interregnum, um in der großen Stadt mit ihrem Raubgelüste zu wüten. Acht Tage dauerte diese furchtbare Zeit. In derselben gedachten sie ihres Vorhabens, an R. Mosche Kapsali Rache zu nehmen und ihn zu töten. Sie drangen in sein Haus ein und schienen ihrer Beute sicher zu sein. Wie durch ein Wunder