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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-03-28 · 13 (28.3.1913) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
13 (28.3.1913)
Date
1913-03-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 13 Dr. Vlochs Wochenschrift. Sette 319 führt werden, wo er sich vielleicht noch heute befindet. Auch auf diesen.Umstand wies ich seinerzeit vergebens hin." . „Glauben Sie, Herr Hofrat. dah Hilsner mit jenem Manne, den der Pfarrer Vlvek und die Gattin des Gemeindevorstehers gesehen haben, nicht identisch war?" „Ich bin davon vollständig überzeugt. Diese Zeugen haben übereinstimmend erklärt, dah Hilsner es nicht war. Die 'Frau des Gemeindevorstehers von WieLitschkn ist sogar eine klassische Zeugin und man muh ihr vollständig glauben. Sie kannte Hilsner schon lange vor dem Morde und behauptete mit aller Bestimmtheit, dah jener Mann nicht Hilsner war. Das ist ein iinleuat>are5 Faktum.. Leider gelang es dem Mörder, trotz unseres gründlichen Suchens, zu entkommen. Bei den modernen Verkehrsverhältnissen ist das schließlich nicht zu verwundern." . „Welches Urteil haben Sie über den Mord? Sprachen irgendwelche Anzeichen für einen Ritualmord, wie viele. seinerzeit behaupteten?" „Nach meiner Ansicht ist das vollständig ausgeschlossen. Dieses Gerücht entstand plötzlich unter dem Volke und erhielt sich. Die Einwohner von Polna waren überzeugt davon, dah Hilsner die Agnes Hruza aus religiösen Gründen ermordet habe. Wie die Leute dieser Suggestion erlagen, sahen wir bei der Voruntersuchung wo jeder nur von diesem Umstande erzählte." „Gab es irgendwelche Anzeichen, die das Ritualmordgerücht vielleicht hätten veranlassen können?" .'.Den Mord hat wohl jener Mann verübt, dessen genaue Beschreibung wir in Händen hatten und der ganz gewiß nicht Hilsner war. Es war wohl ein perverser oder geisteskranker Mensch, wie nach seinen vorquellenden Augen geurteilt werden könnte. Ich forschte damals alle Ueberfälle auf Frauen, welche sich vorher und nachher im Umkreise von zwanzig Meilen ereignet haben, aus, ich war sogar einige Male zu diesem Zwecke in Deutschland, weil ich wir dachte, dah sie von demselben Manne ausgeführt sein könnten, der die Agnes! Hruza ermordete und der den Händen der Gerechtigkeit entfloh. Ich hegte stets die Hoffnung, dah die Sache sich ausklären werde. Abje-r bjergeblich verwies ich damals die Behörden, im Laufe der Voruntersuchung, und auch später, auf verschiedene Umstände. Trotz allem wurde Hilsner von den Geschworenen zweimal verurteilt. Ich will nicht behaupten, dah das Schwurgericht nicht richtig gehandelt habe, aber das steht fest, dah die fixe Idee, von der die ganze Oeffentlichkeit besessen war, zum Urteil der Geschworenen beitrug." „Was halten Sie von der Aussage des Kronzeugen im Hilsnerprozesse. Peäak? Sprach er die Wahrheit oder konnte er sich irren?" „Ich will nicht behaupten, dah PeSak eine falsche Zeugenaussage abgegeben hat, aber es ist möglich, dah er sich geirrt hat, dah er in dem Mörder nicht mit voller Bestimmtheit Hilsner erkannt hat und dah er auch einen Menschen gesehen haben mag. der ihm nur ähnlich war. Bei jedem grohen Morde, bei jedem grohen und aufregenden Prozesse finden sich, wie ich aus meiner langjährigen Tätigkeit im Polizeidienste weih, Leute, die entweder aus Gefälligkeit, aus Furchtsamkeit oder aus Irrtum in den Gang der Voruntersuchung Momente hineinlegen, durch die die ganze Untersuchung auf eine falsche Fährte gelenkt wird, bevor noch die Unzulänglichkeit ihrer Angaben sich erwiesen hat. Ein klassisches Beispiel dafür ist die Ausforschung des Mordes an der Goldarbeitersfrau Gollersteper, der in der Altstadt verübt wurde. Da haben uns einige freiwillige und gefällige Zeugen die Erhebungen so verwirrt, dah wir dir Mörder erst einige Tage später fanden. Einer zum Beispiels behauptete, dah er die Ermordete noch um V±3 Uhr gesehen habe, obwohl sich der Mord in der Mittagsstunde ereignet hatte. Später stellte es sich heraus, dah er sich int Tage geirrt hatte. Auf Grund einer Aussage, dah die Mörder Iägeranzüge getragen haben, hielten wir damals 322 unschuldige Leute an: später ergab sich, dah die Leute gar keine Iägeranzügp besahen. Und solche Zeugenaussagen in wichtigen Angelegenheiten, wenn es um das Leben eines Menschen ging, sind mir in meiner Praris oft vorggkommen." „Wurden damals mit den Zivilwachleuten und den übrigen Zeugen Protokolle ausgenommen?" „Ich habe sie selbst gründlich verhört und die mit ihnen aufgenommenen Protokolle an das Kuttenberger Kreisgericht gesandt. Auch dort wurden wir einoernommen. leider wurden aber die Aussagen der Zeugen, welche Hilsner als Mörder bezeichneten, für gewichtiger gehalten als unsere, welche von seiner Unschuld zeugten." „Bis heute hege^ich die Hoffnung." beendete Hofrat Oliv seine interessanten Ausführungen, „dah es gelingen wird, auszuforschen, wer der wirkliche Mörder der Agnes Hruza war. Glauben Sie mir, dah es für mich manchmal ein gräßlicher Gedanke ist, dah ein Unschuldiger für ein so schweres Verbrechen im Kerker schmachten muh. Wenn es gelingen würde, den wirklichen Mörder zu ergreifen, wäre das nicht nur für mich eine Genugtuung, sondern auch für alle übrigen, die immer behauptet haben, dah der Mörder nicht Hilsner war, sondern jener Mann mit den hervorquellenden Augen, den der Pfarrer Vlcek und die Gemeindevorstehersfrau beschrieben haben. Ich und die Zivilwachleute haben unsere Pflicht getan und nach unserem Gewissen gehandelt." * t * Trotz alledem möchten wir vor all zu großem Optimismus warnen. Jene mächtigen Faktoren, deren Werk die Verurteilung Hilsners war, wachen darüber, dah die Wahrheit nicht zum Durchbruch gelange. Das oberste Regierungsprogramm eines österr. Ministers lautet: „Mei' Ruh will ich haben." Eine abgesagte FerienreZse des Präsidenten Zgn. v. Ruber. Aus Brünn verlautet: Se. Exzellenz der Präsident des Obersten Gerichtshofes, Ign. v. Ruber, kündigte bei Familienangehörigen in Brünn für die Osterfeiertage seinen Besuch an. Dieser Besuch wurde in letzter Stunde, angeblich wegen Unpäßlichkeit, abgesagt. Es ist nicht ausgeschlossen, dah Tr. von Ruber, unter dessen Regime als Iustizminister der Hilsnerprozeh aufgeführt wurde und dessen Name mit diesem Kapitel österreichischer Justiz unlöslich verbunden bleibt, es für nötig erachtet, derzeit gerade auf den Posten zu sein, um die Vorgänge in der Hilsner-Affäre im Auge zu behalten und zu kontrollieren. In o: Briefe von Leopold Hilsner. S t e i 11, am 27. Feber 19 t:-». Lieber Bruder! Ich habe Deinen traurigen Brief erhalten, bin l>etriibt, daß von meinem Unglück auch Du betroffen bist, nichts unternehmen kannst und keine Arbeit findest. HaU*. Deine Verhältnisse Herrn Rabbiner Dr. Mehrer mitgetoilt, schreibe tut Herrn Dr. B och es wird sich die Mizwa befleißen, sich eines Unschuldigen annehmen und auch seines unglücklichen Bruders. Ich erinnere Dich, daß am 7. Adar Jahrzeit ist mich unserm gottseligen Vater, ich werde im Tempel ein Licht, anziinden und Kaddisch beten, Du sollst dasselbe tun. Deine Notlage geht mir sehr zu Herzen, ich kann Dir nicht alles schreiben, was ich fühle; unschuldig muß ich büßen, bereits 14 Jahre im schweren Kerkenmein Leben verbringen. Ist der allmächtige Gott nicht mehr da, daß er ein solch himmelschreiendes Unrecht duldet? Die Tränen fließen mir von den Augen beim Schreiben, daß wir so unglücklich ge-

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