Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 13 (28.3.1913)
- Date
- 1913-03-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3022035-3022049--21986-3047109- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
äninn r Seite 218 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 13 Z«m Rechtskampf Heopolk HU»«rr«. Auf Grund einer Eingabe, welche die „Oesterreichifch-Israelitische Union" — nicht die „Alliance israelite", wie einige Blätter irrtümlich meldeten — am 22. 'Februar d. I. dem Iustizminister überreichte, hat das Preisgericht Pisek neue Erhebungen über den Polnaer Mord eingeleitet. Ter Kreis dieser Erhebungen ist weit gezogen. Eines der charakteristischesten Momente des Hilsnerprozesses war es bekanntlich, daß dem Zeugnisse solcher Personen, welche sich erst n ach langen Monaten (Pesak), ja selbst nach Jahren (Lang) zur Aussage meldeten, das schwerste Gewicht beigemessen wurde. Dagegen wurde eine Anzahl von Personen, welche unter dem unmittelbarenEindruck der Mordtat sehr wichtige Wahrnehmungen und Beobachtungen gemacht hatten, nicht nur nicht beachtet, sondern als Zeugen geradezu abgrlehnt. Zu diesen Personen gehören insbesondere der damalige Chef des Sicherheitsbüreaus der Prager Polizeidirektion, Hofrat Cltc, der sich mit den beiden Prager Detektivs Spaeek und Forst kurz nach der Ermordung der Agnes Hruza nach Polna begab und dort eine Reihe sehr bedeutsamer Feststellungen machte. Vom 3. bis 19. April, also volle 16 Tage, weilte insbesondere Spaeek am Schauplatze der Tat, und die tatsächlichen Erhebungen dieser geübten Kriminalisten wären wohl geeignet, auf die Spur des richtigen Täters zu leiten, wenn — ja wenn nicht die traurige Suggestion des Ritualmordes alle Geister verwirrt hätte. Wir wallen hier auf die politischen Ursachen der Hilsner-Affäre nicht zurückgreifen, es wird sich dazu noch, reichlich Gelegenheit bieten. Es soll nur flüchtig auf das Motiv hingen» lesen werden, durch welches bedenkliche Zeugen in den Vordergrund geschoben und andere, sehr glaubwürdige und durch ihre fachmännische Urteilskraft sehr gewichtige Zeugen zurückged rängt wurden. Das Piseker Gericht hat nun — nach! vierzehn Jahren — die Einvernahme der letzteren angeordnet. In Hofrat Olic und den Detektivs Spaeek und Forst stand von allem Anfang an die Ueberzeugung fest, daß nicht Hilsner, sondern jener Mann mit den hervor quellenden Augen, den der Kooperator Vleek am Tage vorher und die Gemeindevarsteherin Vomela eine Viertelstunde vor der Tat am Schauplatz des Verbrechens gesehen hatten, der Mörder war. Dieser Mann hatte einen weihen, geschälten Fichtenstock geschwungen und ein solcher, blutbefleckter Stock war bei der Leiche gefunden worden. Die Prager Kriminalisten sind dem einfachsten und geradesten Gedankengange gefolgt und haben sich an die vorhandenen Tatsachen gehalten, während sich, die Untersuchung in die kompliziertesten Irrwege verlor. Hofrat Olie hat nun vor der Oeffentlichkeit selbst das Wort genommen. Durch jahrelange, mühevolle Nachforschungen hat die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" in der Hilsner-AMre Spuren nachgewiessn, welche mit den unmittelbar nach der Tat gemachten Feststellungen der Prager Kriminalisten merkwürdig Zusammentreffen. Ob es gelingen wird, den wahren Mörder zu überführen, mag noch zweifelhaft sein. Aber immer unzweifelhafter ringt sich die Wahrheit durch, daßLeop old Hilsner nicht der Mörder ist! Aus Prag wird gemeldet: In der Strafanstalt Vary bei Pilsen befindet sich gegenwärtig ein Mann, der aus Polna stammt und Hilsner frappant ähnlich sehen soll. Auf diesem Manne ruht der Verdacht, den Mord, dessen Hilsner beschuldigt wurde, verübt zu haben. Es handelt sich um einen gewissen Zatrepal, der zuletzt wegen Notzucht zu fünfzehn Jahren schweren Kerkers verurteilt wurde. Auf Grund mancherlei Umstände hat man sich unter genauer Anführung der gewonnenen Details an das Justizministerium gewendet, das nun auf Grund dieses Gesuches die neuerliche Einvernehmung von Personen, welche seinerzeit in der Sache arbeiteten oder die in dem Gesuche als Zeugen angegeben sind, angeordnet hat. Mit der Einvernahme von Zeugen wurde beim Prager Landesgericht begonnen. Untersuchungsrichter Doktor Erben hatte nämlich den Gendarmeriewachtmeister i. P. Klemovec, der seinerzeit als Wachtmeister in Polna stationiert war und der die Verhaftung Hnsners vorgenommen hatte, dann die Prager Detektivinspektoren Spaöek und For8t, die im Jahre 1899 in Polna Erhebungen gepflogen hatten, vorgeladen. Josef Zatrepal, gegen den sich der neu ausgetauchte Verdacht der Täterschaft richtet, ist in Polna geboren, dorthin zuständig und hat sich nachgewiesenermaßen im März 1899, also zur Zeit des Mordes, in Polna aufgehalten. Es soll nun durch weitere Erhebungen die Feststellung versucht werden, ob Josef Zatrepal wirklich an der aufsehenerregenden Tat beteiligt war. Der Name Josef Zatrepal ist bereits in früheren Jahren im Zusammenhang mit dem Morde in Polna genannt worden. -i- * * Telegramme aus Prag melden: Hofrat Ol je, der frühere Chef des Prager Sicherheitsbureaus, der seinerzeit im Mittelpunkt der Vorerhebungen stand, die wegen der Ermordung der Agnes Hruza in Polna gepflogen wurden, gab einem Redakteur der „Bohemia" sensationelle Enthüllungen über den Hilsnerprozeß. Hofrat Olio besprach ausführlich die seinerzeit gegen Leopold Hilsner geführte Untersuchung und die Erhebungen, an denen er persönlich teilgenommen hatte. , Ueber Ersuchen der Stadt Polna und mit Erlaubnis der Statthalterei begab ich mich kurz nach Ermordung der Agnes Hruza nach Polna, um mich an der ^uche nach dem Mörder zu beteiligen. Der erste Umstand, der mir außerordentlich wichtig erschien, war die Auffindung eines Stockes am Tatorte, mit dem der Mörder sein Opfer über den Kopf geschlagen hatte. Ich suchte lange, bevor ich den Fichtenbaum fand, von dem der Stock abgeschnitten worden war. Endlich gelang es mir, und wir konnten auch sicherstellen, daß ein Mann mit hervorquellenden Augen den Stock vom Baume abgeschnitten hatte. Dieser Mann wurde uns genau beschrieben. Der damalige Pfarrer von Polna Vlöek hatte ihn gesehen und war ihm mit dem Stocke in der Hand, begegnet, auch die Gattin des Gemeindevorstehers von WieLitschky, -einem kleinen Dorfe bei Polna, hatte ihn im Walde getroffen und ihn gefragt, was er da mache, als sie sah, daß er den Stock abschnitt. Darauf habe der Mann geantwortet, daß er Ruten suche. Dieser Mann nun war in der kritischen Zeit in nächster Nähe des Tatortes." „Gelang es Ihnen, Herr Hofrat, den Mann zu finden, auf den die Beschreibung paßte?" „Leider nicht. Wir suchten ihn damals, ohne uns Ruhe zu gönnen, und ich muß anerkennen, daß besonders die Zivilwachleute Spaöek und Forst unermüdlich waren und sich sehr bemühten, auf die Spur des Mannes zu kommen. Unser ohnehin schwieriges Beginnen wurde aber durch die Leute erschwert, dist der Ueberzeugung waren, daß der Mörder nur Hilsner sein könne. Trotz dieser großen Schwierigkeiten gelang es uns aber doch, viele Umstände festzustellen, welche dagegen zeugen, daß Hilsner der Täter war. Den verdächtigen Mann haben auch einige Heger aus der Umgebung gesehen, als er sich in den Wäldern herum trieb: diese erklärten alle ausdrücklich, als sie Hilsner sahen, daß er mit jenem Mann nicht identisch, sei." „Hatten Sie damals auch andere Personen in Verdacht, welche den Mord hätten verüben können?" „Jawohl. Wir hatten sogar gegen andere Leute mehr Verdachtsgründe als gegen Hilsner. Ich kann freilich niemanden mit Namen anführen. Sehr gewichtig^ Verdachtsmomente bestanden auch gegen einen Mann, der sich in der Zeit des Mordes in der Umgebung von Polna aufgehalten hatte. Dieser Mann wurde in späteren Jahren in Lieben, wo er wohnhe, von einem' Tobsuchtsansäll befallen und mußte ins Irrenhaus über-