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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-03-21 · 12 (21.3.1913) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
12 (21.3.1913)
Date
1913-03-21
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 2l2 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 12 Glück ergreift sie wieder wie an jenem Abend. Sie drückt ihr Antlitz in die Seidenfalten — und denkt an ihn. — Da wird die Tür geöffnet. Der dunkellockige Kopf der kleinen Sulamith erscheint und sieht sich neugierig um. Aber Frau Ella eilt schnell an die Tür und schiebt das Töchterchen vor sich in das Wohnzimmer. / „Was willst Du denn, Sulamith?" „Madlina läßt fragen, ob sie für den Onkel Doktor »auch decken soll?" „Ja, Kindchen, ich weiß nicht. — Jetzt ist der Onkel gewiß im Tempel, wo er die Purimgeschichte liest, und dann hat er wohl noch Krankenbesuche zu machen." „Aber er hat cs mir versprochen und gesagt, er hat noch eine Ertra-Lleberraschung für uns. Und sieh' mal, Mutterte, er muß doch kommen, — was soll dann sonst aus dem schönen Fladen werden, den Du gebacken hast?" „Das wirst Du ja sehen, Liebling. Oder." Frau Ella droht ihr schelmisch mit dem Finger — „oder hast Du etwa Appetit, kleine Naschkatze?" Sulamith senkt den Kopf, wird rot und läuft schließlich, ohne Antwort zu geben, davon. „Sage Madlina, sie möge mir die Lampe hereinbringen, und bleib draußen," ruft Mutter ihr nach. Dann eilt Frau Ella noch einmal in Lie kleine, dunkle Kammer, nimmt ihren Staat über den Arm und wartet, his Madlina die gewünschte Lampe hereingestellt hat. Sie verriegelt die Tür nach der Küche und beginnt Toilette zu machen. Ja, wie anders ist es in ihrem Leben gekommen, als sie damals gedacht. Von Tag zu Tag hat sie auf Nachricht von ihm gehofft, sich gesehnt, geträumt — und mußte endlich einsehen, daß es wohl nur eine Episode in ihrem Leben war, ein Spiel unter der Maske. Bald darauf starb der Vater, und sie nahm den Antrag eines Dr. Kronheim an, der, ein Sohn ihrer Vaterstadt, hier in L. schon einige Jahre als Arzt tätig war und ihr Sympathie entgegenbrachte. Trotz und Stolz ließen sie den Entschluß fassen, diese Ehe einzugehen. Und wenn sie auch «nicht das erträumte Glück in ihr fand, so fand sie in ihrem Gatten doch einen liebevollen Freund, der auf ihre Interessen einging und sie mit Sorgfalt umgab. Das Tiefste und Beste in ihr konnte er nicht lösen, und auch sie hielt eine unüberwindliche Scheu davon ab, tiefer in seine Seele und sein Seelenleben zu schauen. Nach der Maske hatte sie nie geforscht, nur in geheimen, dunklen, sehnsuchtsschwangeren Augenblicken hatte sie eine tiefe Bitterkeit gefühlt gegen den Mann, der ihre Liebe wachgerufen und nicht zum Erblühen gebracht. Manchmal erzählte ihr Fritz von seinem Freunde Marhis Löw, der solch ein eigenartiger Mensch sei und schon jahrelang an einer unglücklichen Liebe laboriere: Man sagt, er habe sich am Maskenballe in ein Mädchen verliebt, es seien aber Verhältnisse eingetreten, die ihn an seiner Erklärung gehindert.^ Ella fühlte eine geheime Sympathie mit dem Schicksale des Dr. Löw. Schimmernd glänzt die matte Seide und läßt die schöne, schlanke Gestalt noch größer erscheinen. Frau Ella tritt vor den hohen Spiegel, um das Diadem in ihrem Haare zu befestigen. Fast erstaunt betrachtet sie sich. Ist sie das? Die blauen, tiefen Augen erscheinen schwarz, die Wangen glühen ‘— sie sieht viel jünger aus. — Ihre Hand zittert, als sie das Diadem ergreift. . . . Markus Löw ist ihr Freund geworden, ihr Berater in allen Freuden und Leiden, der zärtliche geliebte Onkel ihres Kindes. Nach kurzem Krankenlager war ihr Mann gestorben, — im Sommer, als die Rosen blühten! — Vier Jahre sind es bald . . . Und in der Scheidestunde, als sie an seinem Lager saß und die fiebernde Hand in der ihren hielt, da sagte er ihr, sie möge seinen Freund rufen, daß er ihr Schützer sei, und Sulamith ein väterlicher Freund. Zwei Jahre war er nun schon bei ihnen. Die Sympathie, welche sie durch seine Geschichte schon für ihn gefühlt, verstärkte sich noch. Sie fand so viel Echtes und Gutes in ihm, sie verstand sein Tun und Lassen, und nicht zum wenigsten svar es das Mitleid mit seinem Geschick, das sie zu ihm hinzog. — Nur manchmal schien er ihr fremd — wenn ein leises, seines Lächeln um seinen Mund spielte und seine klaren, grauen Augen sie bei ihren Trostversuchen so merkwürdig anblitzten, um sich mit heißem Leuchten in die ihren zu' senken. Was war es dann nur, das flutengleich durch ihr Inneres strömte und ihren Körper erschauern ließ? — — — Wo hatte sie diese grauen Augen schon gesehen? . Endlich ist Frau Ella fertig. Sie steht unbeweglich vor dem Spiegel . . . Da — was ist das? Schrill und heftig tönt die Flurglocke. — Dr. Löw läutet nicht so? — Wer wird das sein? Eine plötzliche Unruhe erfaßt Frau Ella. Ihr Herz klopft . . Sie eilt zur Tür, sie schiebt den Riegel zurück, da hört sie die jubelnde Stimme ihrer Kleinen: „Mutier, Mutter, wo bist Du? Eine Maske ist da — eine Maske! Komm doch nur schnell!" Und sie hört die kleinen, eilenden Füßchen trippeln, — Sulamith steht in der Türe des Kinderzimmers und 'will der Mutter die frohe Nachricht künden, da sieht sie eine wunderschöne, weißgekleidete Frauengestalt! — Noch eine Maske! — Wie gebannt bleibt sie stehen. Und an ihr vorbei kommt ein schlanker, hoher Mann im Hamankostüm auf Frau Ella zu, die gleichfalls im Banne dieser wunderbaren Stunde ist. Sie weicht einige Schritte vor der Erscheinung zurück . . .. Ist das ein Märchen? — Träumt sie noch? — Fast glaubt sie es! — — — Aber da klingt ja eine bekannte, weiche Stimme in ihr Ohr: „Ich habe damals etwas vergessen, als ich Dich bat, Du mögest meiner gedenken. Ich vergaß Dir zu sagen, Du mögest .mich lieben, wie ich Dich liebte, vom ersten Augenblick an, da ich Dich sah. Und ich vergaß in meinem eigenen Liebesrausch Dir!zu sagen, Du mögest Dich gedulden, bis ich komme, um mein Glück zu holen!" — — — Wie betäubt steht Frau Ella da, die Arme sind .schlaff herabgesunken. Sulamith schleicht neugierig näher und schaut verwundert von einem zum andern. — Aus dem Sefdrnk.eide schwingt zitternd sich der Rosenduft und berauscht die beiden Menschen und führt sie zurück in jene Stunde, die ihnen beiden unvergeßlich geblieben ist. „Die Rosen, ja die Rosen!" flüstert Markus Löw. „Sie waren im Vollentfalten, wie Du! Darum brachte ich sie Dir. Sie waren im Erblühen wie mein Glück, darum trug ich sie minutenlang in der Hand. — — Ach, wie ich arbeitete, um meine köstlichste Blüte zu erringen! — Aber ich war ja arm und Du warst reich! — Du wähltest ihn, meinen Freund, dem ich die Geschichte meiner Liebe erzählte, ohne Deinen Namen zu nennen. Und dann, als Du mich riefest in seinem Aufträge, — da war mir, als wenn Gott mich selbst gerufen, — als wenn die Knospe endlich erblühen sollte. Doch Du warst so bleich und still, mein Liebling, — da mußte ich warten, — warten bis heute! — Zum zweitenmale ist die Stunde gekommen, da ich mein Glück fassen soll . . . Ella", — seine Stimme wird flehend und leidenschaftlich, — „Ella, willst Du mein sein?" — „Onkel Doktor, Du bist es ja! — Schnell nimm die häßliche Maske ab und gib mir einen Kuß. — Das war die Ertra- Ueberraschung, ja?" plauderte die kleine Sulamith, die voll Freude über die Gewißheit, wer eigentlich unter der Maske stecke, den Onkel gar nicht in Ruhe lassen will. So hat Frau Ella Zeit, sich in die Wirklichkeit zu finden. — Es kann ja ein Märchen nicht herrlicher sein. Auch sie nimmt die Seidenmaske ab und dann ihre Kleine an die Hand. „Höre, Sulamith, hast Du den Onkel sehr lieb, so lieb, daß Du Vater zu ihm sagen kannst, wie Du zu mir Mutter sagst?" Nachdenklich sieht Sulamith den schönen, großen Mann an, dann erwidert sie: „Freilich Hab' ich ihn so lieb. Bleibt er dann immer bei uns, wenn ich Vater zu ihm sage?" „Ja, dann bleibe ich immer bei Euch, mein Herzenskind, und will Dich und Deine Mama sehr, sehr lieb haben." „Dann sag' ich Vater zu Dir," jubelt Sulamith und hängt sich an seinen Arm. „Und Du, wie sagst Du zu mir?" fleht Markus. „Mein Glück," flüstert Ella zärtlich, und bietet ihm die schönen, vollen Lippen zum Kuß. Er aber neigt sich zu ihr und sagt ganz leise: „Wie gut es diese weichen Haarflocken haben!" Und er küßt sie auf den rosig erglühenden Nacken. — Dann feiern sie Purim zusammen. Literatur. Ueber die Geschichte der Jnden ia Wien von Dr. Ignatz Schwarz und Dr. Max Grunwald schreibt das »Berliner Tageblatt« vom 12. März 1913: »Die Altertums vereine der Kaiserstadt an der schönen blauen Donau haben die Ehrenpflicht übernommen, eine »Geschichte Wiens« in einer wahrhaft monumentalen Form ausarbeiten zu lassen. Von diesem großartigen literarischen Unternehmen bildet die Geschichte der Juden in Wien einen nicht unwesentlichen Bestandteil. Die beiden herrlich ausgestatteten Hefte behandeln die wechselreichen Geschicke der Wiener Judenschaft von ihrer in unbestimmbare Zeitferne hinabreichenden Begründung bis zum Jahre 1740. Das erste Heft erzählt von den Ereignissen, welche die jüdische Ansiedlung in Wien bis zum Jahre 1625 betreffen. Die ungemein mühseligen archivarischen Studien hat der gelehrte Wiener Antiquar Dr. Ignaz Schwarz unternommen und die gewonnenen Ergebnisse zu einem fesselnden geschichtlichen Gesamtbilde gestaltet. Eine Fülle bemerkenswerter kulturgeschichtlicher Einzelheiten, deren Bedeutsamkeit weit über die Grenzen der Stadt Wien, ja selbst des Kaiserstaates hinaus-

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