Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 12 (21.3.1913)
- Date
- 1913-03-21
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. VA Dr. Bkochs Wochenschrift. Sette 2H pflegt. Sie zündet eine bereitstehende Kerze an und schließt eine hohe, hölzerne, mit Brandmalerei verzierte Truhe auf, aus der ein betäubender Rosenduft aufsteigt. Frau Ella nimmt einige schützende Decken heraus und schimmernd, in lichtem, blendendem Weiß glänzt ihr Maskenkleid entgegen, — leise, liebkosend streicht ihre Hand darüber, — sie sitzt verträumt, in Erinnerungen versunken, auf dem Rande der Truhe — sie vergißt Zeit und Raum ... Sie ist wieder achtzehn Jahre alt, schön und voller Lebensfreude. Sie ist wieder das junge Mädchen voll unklarer, -heimlicher Wünsche und Träume, mit dem heißen Verlangen nach Zärtlichkeit, das ihr von ihren Eltern so wenig gestillt wurde. Denn der Vater war den Tag über in der Fabrik, und die Mutter durch Vereine und Hausfrauenpflichten zu sehr in Anspruch genommen. Sie ist wieder die Königin aller Bälle, die Beherrscherin der Männerherzen. — - Und dann sieht sie ihr trautes, kleines Mädchenheim vor sich mit all' dem entzückenden Tand, den ernsten Büchern, Blumen und dem wunderhübschen Schreibtisch, an dem sie so gern saß und arbeitete. — Dann die sogenannte „Sammelecke", ein gebrannter Holzkasten mit Oeffnung, in welchen all; Besucher ihres Stübchens den Tribut für ihre Armen niederlegen mußten. — Und der Eckplatz am Fenster, der ihr Aufenthalt in der Dämmerstunde war, wenn sie ihren Träumen und Wünschen, ihrer Sehnsucht nach mehr Betätigung dessen, was in ihr lag, freien Lauf ließ. Zehn Jahre sind es heute! — - — In K., ihrer Vaterstadt, gab der jüdische Frauenverein einen Maskenball. Ella steht unruhig in ihrem Stübchen, zupft noch hier, und da an ihrer Toilette etwas zurecht, bis die Mama — höchst vornehm in schwarzer Seide - kommt, um sie abzuholen. — Heller Lichtglanz durchflutet den großen Saal und die herrliche Farbenpracht der Kostüme, die rauschende Musik, die Lust und die Fröhlichkeit ringsum blenden und verwirren Ella einen Augenblick, als sie auf der Schwelle steht und ihr Blick den bunten Flor der Masken überfliegt. Um ihre Gestalt schmiegt sich weiße, schimmernde Seide, in ihrem blauschwarzen Haar glänzt ein Brillanten-Diadem. „Die Königin Esther erscheint!" — „Seht einmal her, die Holde will ihre Getreuen willkommen heißen!" schallt es ihr entgegen. Aber all' der Taumel, der sie alsbald umgibt, läßt sie kalt. Scherzworte fliegen hin und her, Bekannte suchen sich zu entdecken, und dazwischen macht der Tanz seine Rechte geltend. Ella ist unter den am häufigsten begehrten Tänzerinnen. Ihre Wangen glühen unter der Seidenmaske, ihre stahlblauen Augen scheinen fast schwarz. Endlich zieht sie sich in eine stille Ecke zurück. - Der Tanz an und für sich ist eine physische Uebung, wie Turnen, Schwimmen und andere solche Bewegungsarten mehr. Erst durch den Tänzer, durch Unterhaltung wird' er für sie zum Vergnügen. Lächelnd sieht sie auf die vorüberhuschenden Paare und freut sich der gewonnenen Ruhe. Doch bald wird sie auch hier entdeckt. „Welches neue Problem beschäftigt Deinen Geist?" fragt ein witziger Narr mit einer Schellenkappe. „Wie ich Dich mir am schnellsten vom Leibe halte," antwortet Esther. Ein schwarzer Zigeuner mischt sich nun auch in die Unterhaltung. „Wo hast Du Deinen höchst ehrenwerten Herrn Gemahl gelassen?" „Er speist gewiß noch, denn er wird ja nie fertig mit Essen und Trinken," kichert der Narr. „Weshalb hast Du uns nicht Hamans Kopf mitgebracht, ich hätte ihn bald in die Hölle mitgenommen," droht der Teufel. „Weil er noch manchem auf den Schultern sitzt," lacht der Narr. Und zur Bestätigung seiner Worte bricht sich ein schlanker Jüngling, der die Haman-Maske trägt, Bahn und verneigt sich vor Esther. Sie sieht ein Paar wunderbare, graue Augen bittend auf sich gerichtet, steht auf und nimmt seinen Arm. „Ah! Ich hab's ja gesagt. Den König Ahasver läßt sie zu Hause und flirtet lieber mit dem alten Haman." „Seht doch! Die Feinde friedlich vereint! Nun kommt bald die Zeit des Messias!" tönt es hinter ihnen. Aber sie hören nicht aus all' die banalen Scherze und Lachsalven. Sein Arm hält sie fest umschlungen — sie tanzen. Oder nein! j— sie tanzen nicht, sie fliegen durch Fernen voll Glanz, Licht und Schönheit, sie wiegen sich in Blumenkelchen, deren Blätter weiß wie Samt sind, sie teilen die klaren, blauen Fluten des Sees und träumen im silberglänzenden, zauberischen Mondenscheine. . Jetzt erst versteht sie die wunderbare Kraft des Tanzes, jetzt erst fühlt sie den Champagnerrausch prickelnden Genusses in sich erwachen. Und sie empfindet Freude an dem Feste. In der Pause steht er bei ihr, versorgt sie mit Getränken. Sein Blick haftet an der herrlichen Gestalt, an der edlen Form des Kopfes, an dem lieblichen Ansatz des Halses, den der Ausschnitt des Kleides noch zeigt. Einige flatternde Löckchen huschen über die rosige Haut. Mit den Augen liebkost er sie. „Wie gut es diese weichen Haarlocken haben," flüstert er vor sich hin. Aber sie hört die Worte. Und sie errötet. Sie will etwas erwidern, da sieht sie in seine Augen, in denen ein seltsames Feuer loht. Und in ihr bricht ein plötzliches Glücksgefühl hervor, das sie sich nicht erklären kann und will. Er setzt sich neben sie. „Worüber sinnst Du nach, schönste Esther? Weich edle Tat wi.lst Du vollbringen?" „Hältst Du mich einer solchen überhaupt für fähig, Du böser Haman?" scherzt sie. Ein langer, heißer Blick in ihre Augen gibt ihr Antwort. Dann nimmt er ihre Hand und küßt sie. „Nun, wenn der Feind uns nur Gutes zutraut, dürfen wir's wohl glauben. Aber Du, Du Böser, was trägst Du für neue Racheplane im Herzen?" „Dir habe ich Rache gelobt!" sagt er feierlich. Und sie ist ganz im Banne seiner Worte. „Ich hatte dem Tanze und der Liebe abgeschworen, aber Du hast all' meine Schwüre zunichte gemacht. Dafür sollst Du büßen!" „Und wodurch?" flüstert sie. „Du sollst bis zwölf Uhr Dich nur mir widmen, und darfst nicht fragen, wer ich bin!" „Ach! Elsa und Lohengrin!" spöttelt sie. Er zuckt die Achseln. „Mag sein. Es hat viel Reiz, es liegt Stimmung darin. Gehst Du darauf ein, Esther?" Seine Stimme vibriert bei den letzten Worten. Sie schüttelt das seltsame Unbehagen ab und erwidert: „Ich habe ja Angst, daß Du auch mich verklagst, wie Mordechai, wenn ich Dir nicht gehorche." Seine Art anrüsiert sie, ist ihr neu. Und so tanzen und plaudern sie ausschließlich miteinander. Bald scherzen und necken sie sich, bald sprechen sie ihre Meinungen und Ansichten über Kunst und Wissenschaft, über das Leben und die Gesellschaft aus, und immer mehr erschließen sie ihre Seelen einander, immer eifriger erfolgt das Geben und Nehmen. Sie vergessen fast, daß sie im Ballsaale, daß sie sich vor wenigen Stunden noch fremd gewesen sind. Dann sprechen sie über Purim und das Judentum, und er erzählt, wie in Studentenkreisen immer mehr jüdische Wissenschaft und Literatur gepflegt werde, wie der Stolz, Jude zu sein, endlich die Gemüter ergreife, so daß die Hoffnung wach werde, es würde die Zeit bald kommen, da alle Fesseln fallen und der Jude seinen Glauben und sein Menschenrecht vor aller Welt in Freiheit uneingeschränkt genießen kann. Und sie fragt nachdenklich: „Und was müssen wir Mädchen dazu tun?" „Die Schönheit der Religion auch in die Ausübung ihrer kleinsten und geringsten Pflichten tragen; sich bilden darin, damit sie einst die hilfreiche und verständnisvolle Gefährtin ihres .Gatten, und, und" — er stockt einige Minuten und sieht sie forschend an - „und die Erzieherin und Bildner ihrer Kinder sein kann." Sie hat während seiner Worte den Kops ein wenig gesenkt und lauscht ihnen wie einer Offenbarung. Zum erftenmale fühlt sie sich innig vereint mit ihrem Volk. Zum erftenmale fühlt sie, daß ihre Zukunft begründet liegt in der Zukunft ihres Volkes. Und der stolz, leisten zu dürfen, hierbei zu helfen, regt sich in ihr. „Ich danke Ihnen," sagt sie leise. Sie fühlt den Druck seiner Hand dann ist er im -Gewühl der Tanzenden verschwunden. So hat sie Zeit, sich zu sammeln, nachzudenken. Und allmählich vertieft sich das Glücksgefühl in ihr. Sie begreift, daß dieser Mann mit einem anderen Maßstabe gemessen werden muß, als alle anderen Männer ihrer Bekanntschaft. Und sie weih, daß auch er sie nicht auf das Durchschnittsniveau ihrer Schwestern stellt, daß er ihr höhere Ziele, höhere Bahnen weisen möchte. Darum sprach er ihr gegenüber jene Gedanken frei heraus, die sonst wohl selten ein junger Mann einem jungen Mädchen im Ballsaale äußert. Da kommt er wieder und unterbricht ihre Erwägungen. In der Hand trägt er drei glutrote Rosen, die gerade im Pollentfalten sind. „Gedenken Sie meiner," sagt er einfach, während er sie überreicht. Und als sie bestürzt und verwirrt mit einem unbeschreiblichen Blick zu ihm aufsieht, faßt er ihre Hand, küßt sie heftig und flüstert leidenschaftlich: „Ich werde immer an Sie denken, - an mein Glück." — Dann eilt er hinweg. — Sie sieht ihn nicht wieder. Mit einem Seufzer steht Frau Ella auf, sieht sich erwachend in dem dunklen Zimmer um. Betäubend legt sich der welken Rosen Schmeichelduft um ihre Sinne. Am Kleide verborgen ruhen sie, zusammengedrückt, — verblaßt! . . Wie ganz anders ist doch alles gekommen, als sie gedacht!-— Leise, tastend, nimmt sie das Kleid aus der Truhe und das Diadem aus dem Glaskästchen — und das unbändige Sehnen nach