Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-03-21 · 12 (21.3.1913) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
12 (21.3.1913)
Date
1913-03-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3022035-3022048--21973-3047095
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 206 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 12 Die Notlage der Juden in Ianina. Die Union des Affvciations Jsraelites hatte durch ihre Delegierten Dr. Paul Nathan, Elkan Adler und Dr. Bernhard Kahn, die den Balkan bereiften, Vorsorge getroffen, daß nach der Einnahme von Ianina, das unter seinen Einwohnern etwa 3300 Juden zählt, den durch die lange Belagerung notleidenden Glaubensgenossen in schnellster Weise die nötige Hilfe gebracht werden kann. Zu diesem Zwecke war in Preoesa mit Unterstützung der griechischen Behörden, die König Georg in der Audienz, welche er den Delegierten in Saloniki gewährte, in Aussicht gestellt hatte, ein Lebensmitteldepot errichtet worden, um in möglichst kurzer Zeit Nahrungsmittel nach Jamna schaffen zu können. Sofort nach dem Fall Janinas sind für 10.000 Franken Mehl und Lebensmittel nach Ianina gebracht worden. Für die Gleichberechtigung der rumänischen Juden. Aus London wird geschrieben: Das vereinigte Komitee des Board of Deputirs und der Anglo-Jewifh Association veröffentlicht zwei Zuschriften, die es an das englische Auswärtige Amt im Januar d. I. in Angelegenheit der rumänischen Grenzerweiterung und der Rechte der dortigen Juden gerichtet hat, sowie die Antwortbriefe des Foreign Office auf diese Vorstellungen. In den Briefen des Conjoint Committee wird auf den Artikel 44 des Berliner Vertrages und auf den offenkundigen Vertragsbruch der rumänischen Regierung hingewiesen; die bisher von jüdischer und anderer Seite in dieser Ang!elegenheit unternommenen Schritte werden kurz aufgezählt und es wird schließlich der Erwartung Ausdruck gegeben, die englische Regierung werde es nicht zulassssn, daß der alte skandalöse Rechtsbruch durch eine neue Entrechtung d-er im bulgarischen Grenzgebiet ansässigen Juden ausgedehnt und gewissermaßen sanktioniert wird. — In der Antitoort des Auswärtigen Amtes heißt es u. a.: „Obwohl ^wir die Beschwerden der Juden im Auge behalten werden, eignet sich der gegenwärtige Zeitpunkt, wo die Großmächte durch den Krieg und seine Verwicklungen so sehr in Anspruch genommen sind, doch kaum dazu, daß die Frage mit irgendwelcher Aussicht auf Erfolg von der Regierung Seiner Majestät aufgeworfen werden könnte." In der jüngsten Donnerstagsitzung des englischen Unterhauses interpellierte Sir Philipp Magnus den Minister der auswärtigen Angelegenheiten, ob er bereit sei, sich nach Kräften dafür einzusetzen, daß bei. ded. bevorstehenden rumänischen Grenzregulferung die bisher unter dem Schutze der bulgarischen Verfassung lebenden Angehörigen sämtlicher religiösen Bekenntnisse gleiches Recht mit allen anderen rumänischen Staatsangehörigen sowie Garantien für die freie Ausübung ihrer Religion erhalten: ferner, ob der Minister geneigt ist, aus diesem Anlasse die rumänische Regierung an ihre im Berliner Vertrage übernommenen Verpflichtungen bezüglich der Gleichberechtigung aller Einwohner ohne Unterschied des Glaubens zu erinnern. Sir Edward Grey führte in seiner schriftlichen Antwort aus. er könne sich zu dieser Frage, da die Verhandlungen zwischen den beiden Staaten und den Großmächten noch schweben, nicht in bestimmter Weise äußern, ohne die friedliche Beilegung des Streitfalles zu gefährden. Er erkenne jedoch an, daß die in der Anfrage des Herrn Abgeordneten vertretenen Grundsätze allgemeine Sympathie verdienen. ■«mg - - - Dr Paul Nathan über die rumänische Judenfrage. Der „Hilfsverein der deutschen Juden" ersucht uns uni Abdruck folgenden Briefes Dr. Paul Nathans an das „Berliner Tageblatt", veranlaßt durch den Artikel Luzzattis, über welchen wir in der Vorwoche ausführlich berichteten: „Dieser letzte orientalische Krieg hat der Scheußlichkeiten eine Unzahl gebracht, auf allen Seiten und jeder Art, wie ich selbst durch Berichte von Augenzeugen an Ort und Stelle einwandfrei eruiert habe; und die Zahl der zuverlässigen Zeugen, die im Orient gleiche Erfahrungen gesammelt haben, ist groß genug. Die europäische Diplomatie hat nichts getan, um diese Barbareien zu verhindern; sie konnte leider auch nichts Wirkungsvolles tun, um diesen Krieg des National- und Religionshasses aller gegen alle auf der Balkanhalbinsel in seinen furchtbaren Wirkungen menschlicher zu gestalten. Jetzt aber bietet sich für die europäische Diplomatie eine Ausgabe, die sich lösen läßt, die sogar mit Leichtigkeit gelöst werden kann. Gewiß wäre es ein neues Unglück für die betroffenen Staaten und für die so wünschenswerte Ruhe Europas, wenn der Krieg auf dem Balkan durch einen Zusammenstoß zwischen Bulgarien und Rumänien vervollständigt werden sollte. Unserem modernen Empfinden widerstreitet es freilich aufs äußerste, daß Länder und Menschen wie Waren vertauscht werden, und wer heute Bulgarien als sein Vaterland bezeichnet hat, soll morgen, weil die Diplomatie es so will, Rumänien mit Begeisterung fein Vaterland nennen. Daß in Bulgarien sich daher gegen die in Aussicht stehenden Abtretungen eigenen Gebietes an Rumänien eine starke Bewegung geltend macht, ist außerordentlich begreiflich. Die Bulgaren sind ein durch und durch demokratisch empfindendes Bauernvolk, und Rumänien ist beherrscht von einem engen Kreis von Politikern, deren Parteinamen verschieden sind, die aber in einer Beziehung sich fast völlig gleichen; sie unterdrücken den Bauernstand aufs schwerste — Beweis: die blutigen Bauernrevolten — und sie bedrücken — im Gegensatz zu dem Berliner Vertrag — die Juden nicht weniger schwer, die sie zu rechtlosen Fremdlingen gemacht haben, obgleich diese Fremdlinge, wenn es gälte, gegen Bulgarien zu kämpfen, ihr „Vaterland", das ihnen kein Vaterland ist, mit der Waffe, mit ihrem Blute verteidigen müßten. Würde man in den in Frage kommenden Gebieten an her Donau eine Volksabstimmung darüber vornehmen, ob die Einwohner Rumänier werden wollten, es ist mir unzweifelhaft, daß nicht ein bulgarischer Bürger für die Abtretung stimmen würde. Und gleichwohl wäre es irrationell, den Grundsatz zu proklamieren: b'iat j stiu pereat rnunckus. Ein rumänisch-bulgarischer bewaffneter Konflikt ist ein noch größeres llebel, als „bie Preisgabe eines Landstriches, gegen den .die Betroffenen sich sträuben. Folgt man bis hierher der europäischen Diplomatie, so bleibt es aber alsdann ihre Pflicht, die Härten des Opfers, das die preisgegebenen Bulgaren zu bringen haben, nach Möglichkeit zu mildern. :; i j 1 * I Und es scheint mir, daß die öffentliche Meinung der zivilisierten Welt die Anregungen Luigi LuZzattis so laut ihrerseits verkünden sollte, um auch den schwerhörigsten Diplomaten ein Ueberhören solch eines berechtigten Verlangens unmöglich zu machen. * : Die bulgarischen Juden haben sich bereits an ihren Kultusminister und an ihren Minister der auswärtigen Angelegenheiten mit einer Eingabe gewandt, in der auf die Behandlung der rumänischen Juden hingewiesen wird und in der es dann heißt: „Unter diesen Umständen wäre der Uebergang unserer Glaubensgenossen in dem in Frage kommenden Gebiete (wo es alte israelitische Gemeinden und erhebliche Gruppen ackerbautreibender Juden gibt) von der bulgarischen zur rumänischen Herrschaft gleichbedeutend mit dem Eintauschen bürgerlicher Freiheit und Gleichheit gegen völligen Ausschluß von der staatsbürgerlichen Rechtsgleichheit, verknüpft mit moralischer Erniedrigung." Daß die Juden Bulgariens gegen eine solche Möglichkeit protestieren, wie die nichtjüdischen Bulgaren von ihrem Standpunkt aus es gleichfalls tun, ist begreiflich genug. Träte jene Entwicklung ein, die Luzzatti herbeiwünscht, — nämlich die Durchführung der Rechtsgleichheit in Rumänien gemäß dem Berliner Vertrage —, so wäre das ein Glück für die Emanzipierten und für Rumänien selbst, das in seinem eigensten Interesse darnach trachten sollte, diese offene Wunde autzzuheilen. In jedem Fall; aber liegt der europäischen Diplomatie die Pflicht ob, die Rechte jener Bulgaren und natürlich auch jener bulgarischen Juden sicherzustellrn, dir im Interesse der Bedürfnisse europäischer Politik aus den gesicherten Verhältnissen bulgarischen Staatslebens in die recht unerfreulichen und für Juden unerträglichen Zustände Rumäniens hinübergeführt werden sollen. Dieses neue Opfer, das der orientalische Krieg im Gefolge haben soll, können die Presse, die Parlamente, die europäische Diplomatie wenigstens verhindern; und sie sollten es verhindern. Helfen Sie, iperehrter Freunds dazu." NiOand gegen dre Forderungen Rumäniens. Das „Berliner Tageblatt" meldet: Die Forderung Rumäniens nach Abtretung Silistrias findet nach zuverlässigen Informationen aus London bei der englischen Regierung keine Förderung. Sir Grey steht auf dem Standpunkte, daß Rumänien, weil es den im Artikel 44 des Berliner Vertrages festgesetzten Grundsatz dec

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.