Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 12 (21.3.1913)
- Date
- 1913-03-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 101 Märsche und klassische Stücke zum Vortrage gebracht wurden, soll dieses jüdische Knabenorchester stabilisiert werden. Neues jüdisches Leben in Lissabon. In Lissabon hat sich vor einiger Zeit eine jüdische Gesellschaft gebildet, die den Zweck verfolgt, die Jugend für das Judentum zu erziehen und in rhr die Liebe zu dem neuen Vaterlande, das ihr Zuflucht und gleiche Rechte gewähre, zu erwecken und zu erhalten. In dem Aufrufe, den diese Gesellschaft in einem Lissaboner Blatte veröffentlicht, heisst es unter anderem: Ein gebildeter Jude ist auch ein würdiger Bürger. In Portugal, wo wir ein freundliches Heim gefunden, möge unsere Heranwachsende Generation einen nützlichen Teil derjenigen Nation bilden, in deren Mitte sie lebt. Die Unterzeichner des Aufrufes hoffen, dass ihre Bestrebungen nicht nur von den Juden in Portugal, sondern auch von den modernen intelligenten Portugiesen gefördert werden. Das Komitee besteht aus den Herren Dr. Bensuade, Vuzaglo, Bennoliel, Sequerra, Zagury, Levy, Ezaguy, Benarus, Amzalak, Kadosch, Pinto, Bensussan. Anahory und Ruach. Wie man sieht, lauter spanische und portugiesische Namen. Die wenigen aus Russland stammenden, in Lissabon lebenden Juden dürften wahrscheinlich an den Bestrebungen dieser Gesellschaft gleichfalls teilnehmen. _ Korrespondenzen. Verein zur Beförderung der Handwerke unter den JfraeWrn. Dem soeben erschienenen Jahresberichte dieses seit 72 Jahren segensreich wirkenden Vereines entnehmen wir die folgenden Stellen: Wir haben im Vorjahre an unsere "Freunde und Gönner einen Appell gerichtet, unr die Tätigkeit unseres Vereines in weiteren Kreisen bekannt zu machen, aber damit leider einen Erfolg nicht erzielt; wir müssen vielmehr wieder den Abgang einer grösseren Anzahl von Mitgliedern mit nicht unbedeutenden Jahresbeiträgen beklagen. Ein erfreuliches Zeichen der Dankbarkeit und Anhänglichkeit der ehemaligen Zöglinge an den Verein ist die Tatsache, dass Herr Spenglermeister Ferdinand Pick letztwillig angeordnet hat, aus seinem, nach Abzug einiger Legate verbleibenden Vermögen eine Stiftung zu errichten, mit der Bestimmung, dass aus deren Erträgnisse in erster Linie Stipendien an solche tüchtige und bedürftige Gewerbetreibende verteilt werden, welche aus dem Verein zur Beförderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten hervorgegangen' sind. Diese Zuwendung ehrt nicht nur den Stifter, sondern ist auch für unseren Verein ein glanzendes Zeugnis seiner segensreichen Tätigkeit und Erfolge. Mit grosser Befriedigung konnten wir auch heuer konstatieren, dass unsere Zöglinge im allgemeinen bei der Schlutzprüfungen recht gut entsprochen haben und dass eine grössere Anzahl derselben mit Prämien (silbernen Medaillen, Sparkassabücheln u. dergl.) beteilt werden. Die vom Vereine verwalteten Stiftungen wurden auch im abgelaufenen Jahre stiftbriefmässig verwendet. Zur Etablierung von Meistern wurden aus der Hermann Todesko^Stiftung Kr. 3300.— und aus der Moritz und Mathilde Schwarz-Stiftung K 1800.— an 13 Bewerber als unverzinsliche Darlehen gegeben, ferner aus den Zinsen der Jonas v. Königsmarter-Stiftung Kr. 400.-- und aus der Moritz und Malilde Schwarz- Stiftung Kr. 400.— geschenkweise bewilligt, endlich aus der Dr. S. Plohn-Stiftung Reiseunterstützungen für das Auslandim Gesamtbeträge von Kr. 365.— verliehen. Nr. 12 Die Zinsen der Sieginund v. Wertheimstein-Stiftung wurden am Todestage des Stifters als Prämien an Gehilfen verteilt. Im verflossenen Jahre haben wir 232 Knaben ausgenommen, 163 wurden als Gehilfen freigesprochen und zum Schlüsse des Jahres befanden sich 664 Lehrlinge , in der 'Fürsorge des Vereines. Im Lehrlingshirim waren 17 Knaben untergebracht. Gm interessanter Uebertritt. Aus Innsbruck wird uns berichtet: Am 23. Februar fand ein feierlicher Eintritt ins Judentum, den Frl. Marie Valerie Krzossa, Sekretärin des Roten Kreuzes für Rumänien, nach Erlernung des Hebräischen und Aufnahme des jüdi traditionellen Ritus, vor einem hierortigen Besdin vorgenommen hat. Don besonderem Interesse ist dieser Fall: gewährt er uns ja einen tieferen Einblick in die furchtbar zerrissene jüdische Seele eines getauften Juden, wie nicht minder die unsäglich traurigen Folgen der Missionstreiberei in ihrer ganzen Erbärmlichkeit blohgelegt werden. Frl. Krzossa ist nämlich die hochbegabte Tochter des englischen Missionsgeistlichen Christian Krzossa, einstigen russischen Juden, namens Iankel Kohn. der nach England ausgewandert, von der engl. Mission aufgegriffen, überredet, getauft und wegen seines großen hebräischen Wissens mit der Missionsseessorge in S. betraut wurde, ein!e eigentümliche Manier der Missionen, Juden in notleidender Lage in ihr Netz zu fangen und sie zu ihren Häschern heranzuziehen. Der nachmalige englische Pfarrer blieb aber im Herzen derselbe Jude, der er früher war, ünd erzog seine Kinder, ohne sie der Taufe zugeführt zu haben, so dass ihnen ein etwaiger Rücktritt nicht schwer fiele. Die ganze Tragik dieses so gequälilm Juden- Herzens offenbart sich erst in der Bitte des getauften Pf. an seinen zukünftigen Schwiegersohn, den. jüdischen Schriftsteller Fainaru, ihm nach seinem Ableben das Kadischgebet getreu zu verrichten. Ein besonderer Zufall wollte es haben, dass Krzossa am Trauungstage seiner Tochter den Geist aufgäb. — Wahrlich ein Fall, der zum Nachdenken anregt! Zum Kapitel Anlisemitismns in Galizien. Von den krassesten Fällen des galizischen Antisemitismus aus jüngster Zeit seien hier die folgenden uns berichteten Vorkommnisse festgehalten: 1. Boykott einer jüdischen Volksschullehreri n. Aus Dukla wird uns berichtet: Zu Beginn des laufenden Schuljahres wurde für die hiesige allgemeine öffentliche Schule ein jüdisches Fräulein, namens Berta Schnappik. Tochter eines ReBgionslehrers aus Krosno, zur Lehrerin bestellt. Die Antisemiten der Stadt haben nun ihre eigenen Schulkinder angestiftet, dass sie der Lehrerin den Gehorsam verweigern und auch die übrigen christlichen Kinder der Schule zum Streik zu veranlassen, insolange die jüdische Lehrerin an der Anstalt wirkt. Als nun die genannte Lehrerin am 3. März in die Schule kam, um-den Unterricht zu erteilen, wurde sie von den christlichen Schuljungen mit Schmährufen empfangen, mit faulen Eiern. Schneebällen und schmutzigen Abfällen beworfen; die Lehrerin waltete jedoch standhaft ihres Amtes, stellte nach Möglichkeit die Ordnung her und blieb bis zum letzten Augenblicke auf ihrem Bosten. Am selben Tage beschlossen nun die christlichen Schüler, die Schule bis auf weiteres zu meiden, und tatsächlich dauert dieser merkwürdige Schülerstreik bis zum heutigen Tage an. Dass diese Sache eine wohlüberlegte, von langer Hand vorbereitete antisemitische Hetzarbeij Dr. Blochs Wochenschrift