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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-03-21 · 12 (21.3.1913) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
12 (21.3.1913)
Date
1913-03-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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«Sette 198 Dr. Blochs Wochenschrift Str. 12 Diesmal aber lag der Fall gar zu kräh, als daß die Behörde hätte so nachsichtig und nachlässig sein dürfen. 3m Koffer des verschwundenen Mädchens hat man schriftliche Beweise dafür gefunden, dass der Katechet mit dem Mädchen in Beziehungen gestanden ist. Das war so augenfällig, daß sogar der Wiener antisemitischen Presse der Atem ausgeht und sie den Fall lieber ganz verschweigt. Diesem Menschen von Katechet aber hat man es ungehindert gestattet, in einer Zeitung die Beschuldigung des Ritualmordes zu erheben. Dieser Mensch Hütte sofort hinter Schloß und Riegel gehört und die Zeitung war zu konfiszieren. Hoffentlich wird man gegen die Redaktion und den Einsender sofort eine scharfe Anklage erheben. Denn wir wollen von dem einen Fall gar nicht sprechen. Jeder, der die Juden des Ritualmordes beschuldigt, gehört wegen erwiesener Verleumdung und absichtlicher Hetze hinter Schloß und Riegel. Die Vsr-j schuldigung ist schon zu dumm, als daß sie einer sachlichen Erwiderung wert wäre. Wenn sie von den Klerikalen aufrechterhalten und benützt wird, so gehört sie eben auf das Schandkonto dieser Partei und zeigt ihre tiefe Rückständigkeit. Der Staat aber gehört keiner Partei an und seine Behörden sind verpflichtet, mit aller Strenge zu zeigen, daß wir unter dem Schutze der Gesetze stehen, die kein böswilliges Subjekt mit einer Brunnenvergiftung übertreten darf. KrrLhmtr Iudengemeinderr des osmasifchr« Reiches. Von Rabbiner W. Reich in Baden bei Wien. (IX. Fortsetzung.) Unter den verschiedenen selbständigen Gemeindegruppen in Saloniki gibt es eine namens „Beth-Aron", in der noch gegenwärtig, außer dem allgemeinen Pu-- rim, ein besonderes Purimfest, und zwar am 18. S ch ewath, feierlich begangen wird, dem ein geschichtliches Ereignis mit einer wunderbaren Errettung zugrunde liegt. An sich selbst ist eine solche besondere Purimfeier im jüdischen Gemeindeleben nicht auffällig: wird ja auch eine solche in Frankfurt am 20. Adar — Purim Vinz — begangen, welche zur Erinnerung an die Rückkehr der Juden nach Frankfurt (1616) nach ihrer Vertreibung durch Vinzenz Fellmilch, der ein Ende gleich H a m a n genommen, statlfkndet. Ebenso findet sich eine solche Feier bei den Nachkomwien des R. Lipman Heller, Verfassers des Tossafot Jom tob, Oberrabbiner zu Prag, geb. 1579, gest. 1654, zur Feier seiner Befreiung aus dem Gefängnisse, in welches er durch Verleumdung seiner Feinde unschuldigerweise gekommen war. Derartige Purimfeste zu bestimmen, liegt ihn Sinne des jüdischen Ritualgesetzes, welches R. Abraham Danzig, Rabbiner zu Wilna, in seinem bekannten Buche „Ehaje Adam" folgendermaßen anführt: „Wer immer eine wunderbare Rettung erlebte, um so mehr jedoch, wenn es eine ganze Gemeinde ist, kann sich, wie für alle kommenden Generationen, einen Purim bestimmen." — „So auch geschieht es bei uns, in Erinnerung an eine wunderbare Errettung, die wir bei Gelegenheit einer Pulvererplosion im Jahre 5564 in der Nacht zum 16. Kislew erlebt haben usw." — „Es soll hiebei einen Tag vorher gefastet und dann der Tag selbst feierlich begangen werden." Diese Purimfeier der Gemeinde „Beth Aron" in Saloniki findet nun in der Wejise statt, daß am 17. Schewat ein 'Festtag abgehalten wird und am Abend zum 16. eine Megilla verlesen, in der die (5& schichte einer wunderbaren Errettung verzeichnet ist. Gleich einer Purimmegilla ist sie auf Pergament geschrieben. Am anderen Tage senden die Leute einander Geschenke und widmen sich dem Vergnügen. Das Ereignis, welches. da verherrlicht wird, hat sich jedoch noch zur Zeit ihrer Vorahnen in Spanien zugetragen, u. zw. in S a r a g o s s a, und die Rolle heißt daher „Megillath — Sa rago ssa". Form und Schreibweise sind der Estherrolle nachgeahmt, in gleichem hebräischen Stil, und da dieselbe in deutscher Uebertragung noch nicht bekannt ist, möge sie hier, als Anhang zur Geschichte der Gemeinde Saloniki ihren Platz finden. „Es war in den Tagen des Königs S a r a g o s ano s, der ein mächtiger und gewaltiger König war: unter seiner Herrschaft waren bei fünftausend Männer von den Kindern Israels, alle weise und verständig, Häupter der Tausende Israels: außer ihren Iüngliw gen, Frauen und Kindern: sie bildeten zwölf heilige Gemeinden: (ihre Synagogen) aufgebaut von Quaderjsteinen und Säulen von Marmor, vollkommen an Schönheit, besetzt mit bunten Steinen. Folgender Brauch war bei diesen Jehüdim. So der König zog durch die Straße der Iehudim, nahmen sie heraus je drei Thorarollen von jeder Kehilla. 36 Thorarollen insgesamt, eingekhüllt in buntgewirkte Gewänder, mit den Behältnissen aus Silber und Gold und Granaten, mit Aepfeln aus Silber und. Gold, und Silberdrahtarbeiten auf den Spitzen der Thorarollen. So segneten sie den König mit hocherhobener StimMe und das ganze Volk rief hierauf: Amen! i) Eines Tages versammelten sich die zwölf Chachamim der Gemeinden und ihre 24 Beisitzer im Stillen und sprachen: Es ist nicht in Ordnung, daß wir mit der Thora unseres Gottes, dem Gott des Lebens und dem König des Weltalls, Anderem entgegenkömmen, der Ihn nicht anbetet. Sie berieten und beschlossen nun gemeinsam zu bereiten je drei leere Behältnisse, eingehüllt mit ihren Mänteln und Granaten, um mit dem selben zu erscheinen vor dem König: denn so war es ihr Brauch, daß je ein Chacham der Gemeinde mit seinen beiden Beisitzern seine Thora trage. Jedoch nße- Mand sonst wußte hievon, nur die Chachamim und ihre Beisitzer und so hielten sie es dann bis zum 12. Regierungsjahre des Königs Saragosanos. In jenen Tagen war (dem Judentum) abgefallen ein Mann der Streitsucht und des Zankes, ein Bösewicht und Verworfener, sein Name war Chaiin Schami. Der Mann war jedoch beliebt iM Hause des Königs, denn er war ein Bediensteter am Hofe des Königs : vorher aber in Israel. UM diese Zeit machte groß der König Saragosanus den Chaim' Schami, der seinen Nahmen in Markus uMgeänderl hätte und bestimmte seinen Sitz unter den 'Fürsten, die bei ihm' waren, im Palaste des Königs. 1) Die ethische Begründung der das Leben gefährdenden Schicksalsdrohung veranlaßt bereits den Talmud in Bezug auf die E st e rro l l e zur Fragestellung »oripned mah« weshalb!? Was war die sündhafte Veranlassung, der sich das Volk schuldig gemacht hatte, daß es solck drohendem Schicksalsschlage durch Haman ausgesetzt wurde!? Es werden dort z. St. (Meg. 12 a.) zweierlei Motive angeführt. — Di selbe Fragestellung drängt sich bei dieser Erzählung im Laufe derselben auf und beantwortet sich hier in dem halachisch ganz nnbearündeten Vorgehen der Chachamim. Die Majestät des gekrönten Königs auf Erden wird bei den Juden immer der Majestät Gottes im Himmel an Ehrfurcht an die Seite gestellt (Berach. 58 a.) Ebenso bereits in der h. Schrift (Prov. XXIV. 21.) „Fürchte den Ewigen, mein Sohn und den König!" Es ist daher auch immer, selbst in den frömmsten Gemeinden, ein unwidersprochener Brauch, bei öffentlichen Aufzügen den König mit den Thorarollen auf dem Arm zu begrüßen. Selbst in dem autokratisch willkürlich regierten Rußland geschieht dies bei den Juden ohne Einwand. Die Chachamim hatten daher diesen Todesschrecken, den sie, wie in -er Folge erzählt wird, anszustehen hatten, vollkommen verdient.

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