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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-03-21 · 12 (21.3.1913) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
12 (21.3.1913)
Date
1913-03-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 12 Dr. Bloch’s WMtllhi Jahrgang XXX Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Judentums. O (j— p C — ■ -O o Ä. k postlparksssrnsrnt Q leartngslDer liebt Br. 810.976. Red aktton und Administration. Wir« il/i, Praterstraße 9 l) Velelv» 14847 £ ftP ■ - -«3 0 -□rzmo- Wien, 21. März 1918 Lrsevelnr jeden jF r e 11 a g. i Brief-Adresse: Wien» ll/i, Praterstraße 9 Telegramm-Adresse: Bloch'S Wochenschrift, Wien. O o— ■■ ■ =0C p Briugsprri» für Vesterrrirh: d Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Heller. Für'« Ausland: lg 10 Krc::en.! Ganzjährig U? Kronen. Anzeigen: Die nal gespai» I lene Pertrzeile 48 Heller. £ OQ r -- -Q Inhalt Leilartikel: Brunnenvergiftung in Kolin. — Berühmte Judengemeinden des osmanischen Reiches. — Stola und Tallith. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Eine Bitte der bulgarischen Prinzessinnen an die jüdischen Kinder. Ein Bürger dreier Jahrhunderte. Eine antike Topfscherbe als Quittung einer Judensteuer. Gibt es Kränkheuen der Juden? Eine Geschwornenbank mit ach. Kohaniten. Eine Urkunde über den Durchzug der Israeliten durchs Rote Meer. Das Modell eines Luftbvllors in einem Bibelt kommentar angedeutet. Das antike Goldland Ophir. Das biblische Recht der Nachlese im französischen Rechtsleben. Ein jüdisches Knabenorchester. Neues jüdisches Leben in Lissabon. — Korrespondenzen: Verein zur Beförderung der Handwerke un^er den Israeliten. Ein interessanter Uebertritt. Zum Kapitel Antisemitismus in Galizien. Zum Ableben Dr. Baumfelds. Louis ist gestorben. Die Notlage der Juden in -Janina. Für die Gleichberechtigung der rumänischen Juden. Dr. Paul Nathan ü ber die rumänische Judenfrage. England gegen die Forderungen Rumäniens. Mr. Henri Green auf seiner Agitationstour. Die Schaffung einer jüdischen Emigrationsbank. Versammlung jüdischer Hochschüler in Rumänien. Ein mißglückter antiffmit,scher EiPresiungSver'uch. Ein allgemeiner Bund jüdischer Hilfsorganisationen. Warnung vor einer jüdischen Bucherlotterie. — Vermischtes. — Feuilleton: Nach zehn Jabren. — Literatur. — Brieskattev. — Notiz — Inserate. Drurrirenvergifturrg in Kolin. Auch Heuer ist uns zu Ostern das Ritualmordmärchen nicht erspart geblieben. Vergani mag ruhig auf den redlich erworbenen Millionen schlafen. Die Saat, die er ausgestreut hat, ist zu herrlicher Ernte ausgegangen. Alljährlich versucht man es, zur Zeit der Weidenblüte einen neuen Hilsnerprozeß anzufangen, bald in diesem, bald in jenem Lande. Dank der gütigen Teilnahme untergeordneter Behörden, haben dann immer einige fleißige und vollkommen schuldlose Staatsbürger Quälereien verschiedenen Grades auszustehen. Als ob das ruchlos Wahnwitzige Märchen überhaupt auch nur einen verschwindenden Schatten von Wirklichkeit hätte. Von allen Forschern verdammt, von allen ehrenhaften Menschen verflucht, finden sich noch immer verkommene Verbrecher, welche das alberne Märchen im Gehirn der ungebildeten Masse zu einem Glauben und einer Verdächtigung verdichten wollen. Kaum wurde sogar im finsteren Rußland durch die überaus verdienstvolle Arbeit eines ehrlichen Journalisten ein Ritualmordmärchen aufgedeckt, das auf Betreibung einer Diebsbande mehrere Juden in den Kerker gebracht hatte, wurde nun jetzt in Kolin nach dem bewährten Muster verbrecherisch gearbeitet. Kolin ist ein heißer Böden für die dortige Iudenheit. Rahe einer Großstadt in reichem Gelände gelegen, hat die Stadt schon viele bedenkliche Umtriebe der Antisemiten gesehen. Stets aber wußten die dortigen Juden, denen man nicht genug Rühmenswertes nachsagen kann, ihre Gegner durch ihre musterhafte Lebensführung, durch ihre bürgerliche Loyalität, durch ihren ehrlichen Fleiß zu entwaffnen. Das schützte sie jedoch alles nicht vor einem neuerlichen schrecklichen Angriff. Ein Dienstmädchen ist verschwunden. Vielleicht ist sie vor ihren Liebhaber in eine andere Stadt geflüchtet, vielleicht ist die Beklagenswerte in die Elbe gegangen. Die Gerichtsbehörden müssen den Fall untersuchen und etwa Schuldige nach dem Gesetz bestrafen. Das wäre der normale Verlauf der Dinge. Aber das verschwundene Dienstmädchen hat bei Juden gedient und Ostern ist in der Nähe. Daraus ist nun mit der Logik des Irrsinns ein neuer Fall entstanden, ein Ritualmord. Vielleicht hätte sich die Intelligenz der Koliner Bürger geweigert, bei dieser mittelalterlichen Schande mitzutun, aber sie werden nun haranguiert durch eine dramatische Jntriguantennatur. welche in den Vordergrund der scheußlichen Angelegenheit tritt. Der Katechet hat es gewagt, die Juden offen des Ritualmordes zu beschuldigen. Nur daß ein eigentümliches Licht auf diesen edeln Priester fällt, welcher mit so heiligen Eifer bestrebt ist, als ein Jünger der Jnguisition zu gelten. Obwohl der Katechet hohe Belohnungen aussetzt für jeden, der ihn in den letzten Wochen mit dem Mädchen sprechen sah oder hörte, soll er doch mit ihm eine heimliche Liebschaft gehabt haben, bei welcher er einen offiziellen Nebenbuhler ausstach. Diese Behauptung wird durch Briefe unterstützt, welche man im Koffer des Mädchens gefunden hat. Nach selbstverständlicher Betrachtung der Tatsachen also ist anzunehmen, daß die Liebschaft mit dem Katecheten von dem anderen Liebhaber des Mädchens entdeckt wurde und dieses ins Unglück gebracht hat. Der Geistliche sah aber ein prachtvolles Mittel vor sich, den Verdacht und. die Beschuldigung abzuwälzen. Schöner konnte die Gelegenheit der beginnenden Osterwoche gar ncht sein. Die Juden mußten wieder einmal herhalten, um ein Verbrechen zu decken, und der Ritualmord wurde offen und ungescheut verkündet. Sofort fanden sich auch Helfer, angewo ebene oder freiwillige, und ein junger Mann machte sich unter falschen Vorspiegelungen daran, die Leiche des verschwundenen Mädchens in der Synagoge zu suchen. Das ist denn doch zu dumm und frech, als daß wir Juden uns das so ohne weiters gefallen lassen müßten. Wir sind die loyalsten, vom Kaiser wiederholt belobten Staatsbürger und dürfen ncht die Beute jedes hergelaufenen Verbrechers werden, dem es einfällt, die Beschuldigung des Ritualmordes gegen uns zu erheben. Einmal schon hat man die Gesetze mit Füßen getreten und den armen Hilsner zu einem unschuldigen jüdischen Märtyrer gemacht, während der wahre Schuldige straflos herumgeht, von den Antisemiten beschützt und bewacht.

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