Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 11 (14.3.1913)
- Date
- 1913-03-14
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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f Möeile 192 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 11 blutiger Geselle von dein einen Tische fuhr gegen die Gäste des anderen Tisches dräuend los. Er rechnete mit Sicherheit auf die Gefolgschaft und den Beistand seiner Tischgenosslen. Sonst hätte er nicht aufbegehrt. Was taten nun seine Freunderln? Sie Wollten es nicht zur Schlägerei kommen lassen. Da faßten sie seine geballten Fäuste und zogen sie nach rückwärts, daß die Gegner auf den Wehrlosen losschlagen konnten.... Machten es die Exzellenzen in London anders? . . . Es gibt legitime Eheleute, die in Wilder Ehe leben. Steht nicht ähnliches den Balkanbündlern bevor? Wer bei Dingen, Wo es sich um Ehre, Pflicht, Recht, Wahrheit, allgemeine Wohlfahrt, Menschlichkeit, Frieden, handelt, nichts heiß nimmt und noch, andere verhöhnt, die es heiß zu nehmen wagen, ein kaltblütiger Halunke ist er — im zoologischen Sinne. Giftig von Natur aus find Warmblüter nie. Eine Blindschleiche ist, obglckih dem Krokodil verwandt, ein ganz harmloses Tier. Unter Menschen gibt es auch Blindschleichen, aber die sind giftgeschwollen. „Die Politik verdirbt den Charakter." Wie aber, wenn an einem Charakter nichts mehr zu verderben ist? Dann macht die Politik charakterlos. „Der „Beschwichtigungshofrat" ist längst eine stereotype Figur. Man verstand darunter auch seelengute, lebenskluge, feinfühlige Menschenkenner. Wckrum soll es nicht auch. Verhetzung shofräte geben? Zumal im jetzigen Jahrhundert, wo Hetzer wie nie zuvor allenthalben vom Staatenverbande bis zum engsten Jnteressenkreise Oberwasser haben. _Vom „Diwan" in London. — Der zweite Rat. Es war einmal ein gescheiter Mann, bereit, jedem guten Rat zu erteilen, wenn man ihm nur nicht über die Tasche ging, denn ihm ging die Tasche über alles. Kam zu ihm ein Armer und bat um einen Rat: „Festtage vor der Tür, keinen Heller im Haus, was soll ich tun?" „Euch, kann leicht geholfen werden," meint jener, „nehmet ein paar schwere silberne Leuchter und versetzet sie. Ihr bekommt genug darauf geliehen." „Woher nehme ich aber die Leuchter?" klagte enttäuscht der Bittsteller. Kurz angebunden fertigte ihn der Ratgeber ab: „Den zweiten Rat soll euch ein anderer geben!" . . . Arme Türkei, wo findest du den zweiten Rat? 1 : I Statt Oel aus die wildbewegten Wogen gießt man Petroleum in die hochauflodernden Flammen. Wie lange wird das neue Regime in Stambul am Ruder bleiben? — Das sollten uns die Diplomaten sagen, „die ja mehr wissen als Gott,' denn Gott weiß nur alles, die Diplomaten aber wollen alles besser wißen." Für die Industrialisierung aller Kulturstaaten würde der Krieg einen furchtbaren, nicht zu ermessenden Rückjstoß bedeuten. Kreisen nicht' auch Lenaus Geier schon freßbegierig über Austria-Hungaria? Sie kreischen beutelüstern, erwartungsfroh einander zu, so oft von unten der wüste Lärm toller Parteikämpfe zu ihnen empordringt. Ein horror vacui erfaßt einen, wenn man an die Schädelleere gewisser „führender Geister" in verantwortungsvollsten Stellungen denkt, die mit einem Weltbrande spielen. Glücklicherweise gibt es keinen Monarchen und kein Volk, die sich für den Größenwahn und die unberechtigten Machtgelüste überflüssiger Eristenzen in einen unausdenkbaren Vernichtungskampf hineinhetzen ließen. Es sei denn, daß beide, von allen guten Geistern verlassen, rettungslos in einen Abgrund hineintaumeln, aus welchem Goethes Schreckensruf hervordringt: „Opfer fallen hier. Weder Lamm noch Stier, Aber Menschenopfer unerhört!" Von jenen, die procul a fulmine und dabei nur auf ihrem Vorteil bedacht sind, wird die grauenhafte Schlächterei ein „frischer, fröhlicher Krieg" genannt, dem ich vor Iahren folgende Zeilen gewidmet: Den Lorbeer gewann des Siegers Hand, Und Jubel herrscht im ganzen Land: Es klappern die Krüppel mit hölzernen Beinen, Es klagen die Witwen, die Waisen sie weinen. Die Wunden, sie stöhnen in fiebernder Glut, Gefangene knirschen in wehrloser Wut, Es wimmert vor Hunger das Kind in der Wiege, Es singen vom frischen und fröhlichen Kriege: Gespenstiger Jammer und Elend und Not; Den Takt schlägt dazu mit der Sense der Tod . . . Das erste Kapitel des Balkankrieges schließt mit einem schrillen vae victis! ab. Wie leicht kann das zweite Kapitel von einem dämonischen vae victoribus abgelöst werden. Bevor das grimmige Verhängnis seinen Lauf nimmt, möge man in Balkanien nicht vergessen, wie oft schon ein Lorbeerreis zur Zuchtrute für die Sieger geworden!.... 2. März. Völkermorden oder Friedensdaner? Fragt die Welt verzagt in tiefem Schauer O wie zuckt das Zünglein an der Wage! Fährnisvoll und ernst ist noch die Lage. Die Presse hat sich in der letzten wildbewegten Zeit, freilich ohne ihr Verschulden, wie nie zuvor in der Rolle einer Penelope gefallen: was sie an dem einen Tag berichtet, dementiert sie am anderen Tagst. Vielleicht hat sich Europa endlich doch auf sich besonnen und den glorreichen beweis geliefert, daß für seine Großmächte doch eine andere Formel gelte als: Ohnmacht X X. Wenn nur der Friede nicht auf tönerne Füße gestellt wäre! Aber wann werden die klaffenden ofjenen Wunden des jammervollen Krieges sich schließen? Wunden im Menschenleben an beweglichem und unbeweglichem Hab und Gut, an sittlichen Gütern, an, Werte schaffender Arbeitskraft, an hoffnungsfrohem Lebensmute, an gegenseitigem Vertrauen, an menschlichem Empfinden, an Kulturideen? Wunden, an denen sich nicht nur die kriegführenden Mächte am Balkan verbluten, sondern auch die Nachbarstaaten, die im waffenstarrenden Frieden, im tiefen Argwohn, in zuckender Eifersüchtelei. fieberhaft erregt von begründetem, aber mehr noch von frivol und dämonisch aufgepeitschter Panik, auf dem kostspieligsten Qui vive- Fuß stehen und es sich gefallen lassen mußten, in einen finanziellen und wirtschaftlichen Ruin hineingeirieben zu werden. . . . Armeen, Wache haltend an den Grenzen, gemahnen an eine Wacht am Grabe großer Erwartungen, von Hochkonjunkturen der Industrie und Verkehrsentwicklung, des Wohlstandes und der Wohlfahrt, der Völker, sowie der Einzeleristenzen. Drei Ratgeber soll man haben: Verstand, Gewissen, Ehre. Der Verstand kündet — was man kann, das Gewissen — was man soll, die Ehre — was man muß! — Literatur. Ableben einer bekannten Hebraistin. In Bialystock (Rußland) starb dieser Tage im Alter von 72 Jahren Frau Sarah Nemzowicz die als ausgezeichnete Hebraistin und Kennerin der gesamten talmudischen Literatur bekannt war. Sie beherrschte eb nso die althebräische, wie auch die neuhebräische Literatur und war in früheren. Jahren eine gesuchte und gern gesehene Mitarbeiterin hebräischer Zeitschriften, für welche sie ihre Beiträge mit dem Pseudonym „Ncfes Schafau" zeichnete.