Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 11 (14.3.1913)
- Date
- 1913-03-14
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 11 Dr. Mochs Wochenschrift Seite 191 aus den Schlachtfeldern sicherten? Warum denken die klugen, voraussichtigen Bulgaren nicht daran, wessen Geschäfte sie eigentlich durch die unermeßlichen Opfer von Gut und Blut, der Blüte ihrer Iugend. besorgen? Warum vergessen sie, wie rasch das „Gewehr bei Fuß" in Rumänien zum Anschlag an die Schulter fahren kann? O, mehr als ein tertius gaudeiis reiben sich schon vergnüglich und schadenfroh die Hände, wenn Osmanen und Balkaner sich gegenseitig aufreiben und verbluten! Die überraschenden Ereignisse, die sich am 23. v. M. in Konstantinopel mit Kinogeschwindigkeit abgespielt, mögen echt orientalische Palastrevolution, Putsch, Handstreich, Staatsstreich oder Umwälzung genannt werden, jedenfalls sind die Diplomaten davon wie vor den Kops geschlagen bei manchen klingt es hohl zurück. Ls bemächtigen sogar sogenannte Philosophen der diplomatischen Orakelhaftigkeit sich der Tatsachen, um Konkretes metaphysisch verdampfen, das heißt in eitel Dunst aufgehen zu lassen. Es muß auch solche Käuze geben. Indes wer kümmert sich um sie? Was da kommt, kommen kann, kommen muß, wer mag es ermessen, mit seinen Gedanken umspannen, sich veranschaulichen, um es anderen begreiflich zu machen. Alle früheren Vermutungen, Ahnungen und bestimmte Vorhersagen sind plötzlich wie in einer Versenkung verschwunden, um politische Futuristen neue Phantasmagorien erfinden zu lassen, damit neue Kassandrarufe über die angstbeklommene Welt hinzucken. Die illüstersten Vertreter sämtlicher Großmächte unseres Weltteiles in London machen nicht so viel Geschichte als Enver Bey, der Katholik aus Russisch-Polen (?), in der Türkei. Die feinen Fäden von Intrigen mag man an der Themse gesponnen haben, aber am Webstuhl der Geschichte ist man dort nicht gesessen. „Aus der Geschichte", sagt Hegel, „lernt man, daß man von der Geschichte nichts lernen will." Vielleicht wirken dafür noch Epigramme, selbsterlebte launige Begebenheiten, Apercus, der bittere Ernst von Scherzworten, Eigenes und eigenartig Fremdes, Parabeln. Allegate, Anekdoten und ähnliches nicht auf die taumelnden Akteure der blutüberströmten Bühne, nur auf etwelche weltfriedensfreundliche Zuschauer - wie es in der vorliegenden Reihe von Aufsätzen versucht wurde und auch hier zur Anwendung komme. Die Anekdote, hieß es in einem brillant geschriebenen Leader, ist die Würze der Geschichte. Sie ist indes weit mehr als das! Eine Geschichte, welche durch Anekdoten erst genießbar und schmackhaft werden soll, ist keine Geschichte. Die Geschichte will und soll das Nacheinander in seinem Zusammenhang mit dem Neben einander aufweisen und auseinander organisch entwickeln.^ Der Anekdote kommt es dabei zu und darauf an, wie^ mit einem Blitzlicht die Vorgänge zu erhellen oder mit den intensiven Strahlungen eines Scheinwerfers zu überrieseln, Weitauseinanderliegendes der Anschauung und dem Verständnisse faßbar nahe zu rücken, in dem einfachsten Beispiel das Komplizierteste, in dem Alltäglichen das Außerordentliche sich spiegeln zu lassen. Hierzu gehört übrigens ein gewisser Scharfblick, um in scheinbar Banalem etwas Tiefsinniges zu finden. Der Humor liegt nicht nur in der launigen, an sich belanglosen Erzählung selber, sondern mehr noch in der Beziehung aus' große, bedeutungsschwere 'Ereignisse, welche tragikomisch wirken kann allerdings mit dem Beigeschmack von Galgenhumor. Es gibt auch gutmütige, in manchen Kreisen gerne gesehene, wenn auch nicht sonderlich ernst zu nehmende Leute, welche die anekdotenhaften Geisteserzeugnisse anderer ohne irgendeine Beziehung auf die Aktualität der wechselnden Wirklichkeit, in Betrieb setzen, natürlich ohne Bedeutung für die eigentliche Geschichte. Es eignes sich gerade drollige Vorkommnisse aus den unteren schichten zur Belehrung für die oberen. Wenn sich der Mensch im Tierleben spiegeln soll de te tabula lianatni können es nicht ebenso oder mehr noch die Hochstehenden im Verhallen und Erleben des tiefer Stehenden? Ein betriebsamer Mann hatte es als Großindustrieller in einer Stadt, für die das Wort: 'lexiil e'est fiiomme geprägt werden könnte, durch gesunden Menschenverstand, rastlosen ehrlichen Fleiß und Bedürfnislosigkeit zu großem Reichtum gebracht. Er konnte kaum lesen und schreiben, e-eine nächsten Anverwandten, ehrenhafte, intelligente Leute, die verschiedene Aemter und Ehrenstellen bekleideten, konnten nichts zu Wege bringen, als ihr beträchtliches ererbtes Gut kaufmännisch ganz intakt durchbringen. Der reiche Onkel half ihnen oft mit großen Beträgen aus. Endlich wurde es ihm zu viel und als ein Freund der Familie ihn dringenbat. er soll es doch noch einmal versuchen, sie haben ja Erfahrungen gemacht: „der schwarze Ochs hat sie gehörig getreten" erwiderte der Alte unmutig: „Ia, wenn der Ochs einen Menschen tritt, spürt es dieser, wenn aber der schwarze Ochs einen anderen Ochsen tritt, was macht sich der daraus?" Die begehrlich nach dem südwestlichen Wetterwinkel schielen, sehen den Splitter in den Augen anderer und nicht den Balkan im eigenen Auge, Ros; und Rener Haben ttyre Köpfe veriaufchl, Nüchtern beide, nicht berauscht. Was war werter'? Rim der Reiter avanciert Und das Roß wird ansrangiert. Willst du logisch denken, versuch es zoologisch. „Wen die Gottheit verderben will, dem umwölkt sie den Verstand." Bei diesem alten lateinischen Spruche fällt einem die biblische Erzählung ein. daß der letzteit ägyptischen Plage, bei welcher der unerbittliche Tod in die Häuser einbrach, als vorletzte neunte Plage Finsternis vorausging. Gleiches wiederholt sich im Geschick der Einzelnen und der Völker. Nur daß im alten Pharaonenreiche die greifbar dichte Finsternis bloß drei Tage anhielt, während sie anderswo viel länger zu dauern pflegt. Alte Erklärer sprechen von einer „doppelten Finsternis, von einer Verfinsterung, die von oben hinab sich senkte, und von einer Verfinsterung, die von unten emporstieg". (M. Rabbah zu II. B. M. 10. 22.> Worin und woraus bestanden beide? Die Finsternis der oberen Schichten, der Herrscher mit unbegrenzter Machtsülle, setzt sich zusammen aus Größenwahn und ^Verfolgungswahn, aus rechthaberischem Allmachtsdünkel, aus dem Höhenschwindel des Cäsarentums, aus der Verdüsterung des Tiefs-, Scharf- und Fernblickes, wie sie der Brodem der luuni jacentium adulatorum verbreitet. Und die Finsternis von unten? Was anderes als die leichtbetörte rohe Masse, die kopflosen „Tausendarmigen", die sich von gewissenlosen Hetzern, Ohrenbläsern, professionsmäßigen schamlosen Verleumdern, durch die albernsten Schlagworte leicht zu allem Bösen aufstacheln, zu den grauenhaftesten Brutalitäten hinreißen lassen. Wo die aufsteigende Finsternis und die niedergehende Finsternis in einander quirlen, da bleibt der Schrecken ohne Ende und das Ende mit Schrecken nicht aus: Ochlos, Vulgus sind der „Zahn", Wühler. Zündler, Scharfmacher, Schaumschläger sind das „Gift des Zahnes". Helfer m der Not. In einer Bauernfchenke faßen an zwei weitabstehenden Tischen Gäste aus feindlichen Dörfern, die immer ein Hühnchen miteinander zu rupfen hatten. Ein heiß.-