Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 11 (14.3.1913)
- Date
- 1913-03-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3022035-3022047--21948-3047069- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Riga 2× ep/1000826
OCR text
Seite 182 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 11 Ter Herr Abgeordnete hat dabei in der vornehmen Art, die ihn auszeichnet (Heiterkeit), in der tiefwitzigen Weise, die ihn charakterisiert, offenbar darauf anspielen wollen, daß ich jüdischer Religion bin. Nun, meine Herren, hier in dem Hause ist bekannt, daß ich nicht zu denen gehöre, die jemals ihre Religion verleugnen (Bravo!), sondern die sich stolz und freudig zu ihr bekennen. (Bravo! rechts.) Aber nebenbei bemerkt: im Jahre 1813 saßen die Juden in Berlin und in Preußen überhaupt nicht mehr im Ghetto. Das haben die 'Fürsten Preußens schon länger als ein Jahrhundert vorher zu verhindern verstanden. In vaterländischen Dingen kenne ich aber überhaupt keine Konfession und keine konfessionellen Rücksichten (lebhafter Beifall), ebensowenig wie meine teuren Glaubensgenossen, die zu Hunderten im Jahre 1813 Leben und Blut fürs Vaterland und feine Befreiung zum Opfer gebracht haben, und deshalb kann ich auch auf solche Bemerkungen mit gebührender Empfindung herabsehen. (Lebhafter Beifall.) Hoffmann: Abg.Cassel sollte in den 13 Jahren, die wir zusammen im Rathause arbeiten, längst kennen gelernt haben, daß ich der letzte bin, der ihm seiner religiösen Abstammung wegen irgend etwas nachsagen will. Ich habe nur protestiert im Rathaufe wie hier gegen die Art der Geschichtsfälschung und gegen die Art des patriotischen Ueberschwangs, die im Rathaufe Herrn Cassel das Relief gegeben hat, sich als der Patriot par ercellence dem Volke zu zeigirn. Mit Rücksicht darauf habe ich darauf hingewiesen, daß gerade die Juden es sind, die Gleichstellung auch in unserem Vaterlande Napoleon zu danken haben, und daß wir angesichts der Tatsachen, die uns nach 1813 durch Wortbruch gekommen sind, gar keine Ursache haben, einen Hohstnzollernschwung mitzumachen. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten. — Unruhe.) Cassel: Abg. Hoffmann hat mir tatsächlich zugerufen: „Ohne Napoleon säßen die Juden noch im Ghetto." Meine Herren, was ich von Herrn Hoffmann sonst denke aus den Jahren, die ich ihn kenne, das habe ich hier zu sagen gar keine Veranlassung. Daß aber diese Aeußerung die Abwehr verdiente, dafür berufe ich mich auf das Haus. Es ist die Manier des Abg. Hoffmann, zu versuchen, durch solche Bemerkungen denjenigen lächerlich zu machen, der seine Worte einsteckt. Ich aber stecke nichts bei solchen Anspielungen auf meinen Glauben ein. (Zustimmung und Beifall.) Hoffmann: Wenn Herr Cassel „nichts einsteckt", dann wird es äußerlich um so sichtbarer sein. Ich nehme keinen Ansland zu sagen, daß es mich allerdings zum Lachen reizt, wenn Angehörige des Tempels in eine protestantische Kirche wandern. (Große Unruhe.) Cassel: Meine Herren, ich werde, wenn ich lebe, am 10. März nicht zum erstenmal in einer Kirche sein. Ich bin sehr häufig dagewesen, weil sich nreine Auffassungen von Religion sehr unterscheiden von den Auffassungen des Abg. Hoffmann. Eine ungläublichr Geschichte. . Der „Hazefirah" wird aus Riga berichtet: Der Leiter der jüdischen Volksschule in Riga, Mostowicz, war ursprünglich Schüler des Veth Hamidrasch zur Heranbildung von Rabbinern und trat dann später in das Wilnaer Lehrerseminar über, wo er auch das Lehrerdiplom erhielt. Vom Jahre 1878 bis 1895 war er Direktor einer jüdischen Volksschule in einer Stadt neben Kowno, als er plötzlich zum rusiM-orthodoren Glauben Lbertrat und nach Riga übersiedelte. Hier wurde er merkwürdigerweise Leiter einer jüdischen Volksschule. In dieser seiner Eigenschaft wandte er sich an den jüdischen Lehrerfond mit der Aufforderung, ihm aus diesem Fond seinen Gehalt anzuweisen. Die Verwaltung der Rigaer Judengemeinde ließ jedoch Herrn Mostowicz wissen, daß der jüdische Lehrergehaltsfond nur für Juden, nicht aber für Renegaten da sei. Direktor Mostowicz wird nun seinen Gehalt von der Stadt Riga beziehen, aber immerhin bleibt die Frage offen: Wie kommt es, daß ein getaufter Jude Direktor einer jüdischen Volksschule in Riga sein kann? Eine monumentale Synagoge m Madrid. In Madrid wohnt eine große Anzahl französischer Juden aus der Bayonne, die eine eigene jüdische Gemeinde bilden. Diese Bayonner Juden beschlossen nun mii Hilfe ihrer Elaubensbrüder aus der Heimat, in Madrid eine monumentale Synagoge zu erbauen. Ihr Führer, Albert Salzedo, der in Madrid eine angesehene Stellung einnimmt, hat wegen Ankaufes eines sehr schön gelegenen Bauplatzes dir Verhandlungen bereits eirg?- leiiet und auch seitens der Regierung und der Lokalbirhörden von Madrid für das Unternehmen das weitestgehende liberale Entgegenkommen gründen. Die tausendjährige Synagoge zu Feodosia lKrim). Zu der Mitteilung über die tausend Jahre alte Synagoge zu Feodosia (Krim) schreibt ein Abonnent des , ,Das Jüd. Bl.": Ich war in Feodosia 3 Jahre Soldat, von 1887 bis 1890. Häufig habe ich die dortige alte Synagoge besucht und vieles über diese erzählen hören. Vielleicht wird es Ihre Leser interessieren, die Einzelheiten zu vernehmen, die ich darüber an Ort und Stelle vernommen habe. In der Stadt 'Feodosia befinden sich drei jüdische Gemeinden. Die erste Gemeinde, umfaßt Juden, wie! solche in Europa sind. Die zweite Gemeinde heißt die Gemeinde der „Krimanjaken" und besteht aus sehr frommen Juden. Die 'Frauen dieser „Krimanjaken" tragen ihr Haupt mit einem wertvollen seidenen Tuche bedeckt. Die dritte Gemeinde ist die Karaeergemeinde. Diese beobachten bekanntlich nur, was ausdrücklich in der Schrift steht. Sie besitzen keine „Mikwe" und genießen Milch- und Fleischspeisen zusammen. Die Unterhaltungssprache der „Krimanjaken" und der Karaeer ist das Mohammedanische, hebräisch sprechen sie wenig. Die dritte Gemeinde spricht den in Rußland gewöhnlichen Jargon. Was das Alter der Synagoge betrifft, so habe ich in Feodosia gehört, sie sei die älteste der Welt, denn sie ist über 2200 Jahre alt. Die Leute dort erzählensie sei erbaut worden von Esaa Hasofer, damals, als' er aus Jerusalem auswanderte. So oft ich die alte Synagoge besuchte, mußte ich das alte, heilige Gebäude bewundern. Der Araun-Hakaudesch hat zwei sehr schöne Türen, deren Bauart auf ein Alter von vielen hundert Jahren hinweist. Aber der Vorsteher Lapazinski und ein gewisser H. Gedalja Gin bemerkten mir, daß die-l schon die zweiten Türen seien. Vor etwa 1000 Jahren brach in der Türkei ein großer Krieg aus, so wurde mir erzählt, welcher die Einwohner der Stadt veranlaßte, die Stadt Feodosia zu verlassen. Die Juden aber haben vor dem Verlassen der Stadt ihre Synagoge eingegraben und ganz mit Grund bedeckt, so daß mannicht mehr erkennen konnte, daß an dieser Stelle eine Synagoge gestanden habe. Sir meißelten aber in eine Marmorplatte eine Inschrift, um anzuzeigen, daß hier eine Synagoge gestanden habe, damit, wenn wieder Juden in die Stadt einwandern, sie erfahren, daß hier eine Synagoge eingcgraben sei. Lange Zeit blieb die Stadt unbevölkert. Erst nach vielen Jahren wurde sie wieder besiedelt, und auch Juden ließen sich wieder dort nieder. Die neu Eingewanderten, d. h. die „Krimanjafen" und die Karaeer, wußten durch Ueberlieferung,, daß hier eine Synagoge begraben sei. und bemühten