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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-03-14 · 11 (14.3.1913) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
11 (14.3.1913)
Date
1913-03-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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3lr.il! Dr. Vlochs Wochenschrift. Seite 179 Die Sephardim wollten nun im Anschlüsse an den Ausspruch (Sanh. 14 a) „En Sem ich a bechuza l a arez" — „außerhalb Palästina gibt es keine Semicha", in ihrem Gemeindeleben keine zulassen, indem sie den Akt selbst als „Chuktath hagoj" verpönten, als eine Nachahmung christlicher Art, die strengstens zu meiden sei. Daher stammt es auch, daß die Sefardim ihre Seelsorger nicht mit dem Namen Rabbi offiziell bezeichnen, welcher Titel die Folge der Semicha sei, sondern mit dem Namen als CH ach am hervorheben. Dagegen eiferte nun David M. Leon. Auf die spöttelnden Bemerkungen, daß bei den Aschkenasrm der Titel Nab (verballhornt zu Reb) dem hebräischen Rufnamen selbst der Laien und gänzlich Unwissenden (Ame haarez) vorangesetzt wird, betonte er sehr geistreich, daß dies nur entstanden ist, um den so betitelten Juden als Rabdaniten, im Gegensätze zu den Karaiten zu kennzeichnen, wie wenn man damit hervorheben wollte, derselbe sei ein Bekenner hrs Rabbinischen Judentums: also wie z. B. Mosche oder David der Rabbanite, während der durch die Semicha erworbene Titel nicht Rab sondern Rabbi lautet, u. zw. heißt dies dann „mein Lehrer", oder der bekannte Morenutitel. Der Ruf David M. Leons drang infolge seiner Lehrtätigkeit und seines großen Wijsens so weit, daß er nach Egypten berufen wurde, jedoch auf dem Wege dahin war inzwischen unter Selim I. der Krieg zwischen der Türkei und Aegypten ausgebrochen und so blieb ec auf seiner Hinreise in Valona, dem großen Hafenorte Albaniens. Dort bestand zu der Zeit eine große jüdische Gemeinde, deren Mitglieder zumeist aus Italien waren und ihn als nähern Stammesgenossen nicht weiter ziehen ließen. Aber auch dort kam er nicht zur Ruhe. Streitigkeiten häuften sich und die Sephardim ruhten und rasteten nicht bis er die Stadt wieder verließ, nach Saloniki zurüäkehrte, wo er auch seine letzten Lebensjahre verbrachte. Im Jahre 1510 wurde in Saloniki die erste Druckerei eröffnet, aber es scheint nicht weit her mit derselben gewesen zu sein. Konstantinopel lief ihr den Rang ab, wie auch in dieser Hauptstadt des großen osmanischen Reiches ein viel stärkeres, sowohl geistiges als auch politisches Leben pulsierte, welches uns im nächsten Kapitel beschäftigen soll. Von der spätern Entwicklung Salonikis als Judengemeinde, gibt uns Ludwig August Frankl in feinem im Jahre 1858 erschienenen Reisewerke „Nach Jerusalem" kein schönes Bild. Es ist zwar nicht nach eigenem Augenschein entworfen, sondern nach einem ihm von Dr. Allatini vorgelegten Memorandum. Man merkt an den düstern Farben desselben die Absicht und wird verstimmt. Es spielt hiebei der Hintergedanke eine Rolle, um ein ausgiebiges hilfreiches Eingreifen zu poussieren. Immerhin ist Saloniki gegenwärtig, nach mehr als einem halben Jahrhundert seit der Veröffentlichung dieser Schilderung nicht mehr in solch mißlicher Lage: wenn auch Saloniki nicht mehr als „Jr-wovmbejifroöl" — in geistiger Beziehung bezeichnet werden kann, sind doch die Kulturoerhältnisse seither durch die Bestrebungen der „Alliance isr. universelle", die |im Orient schon so Großes geleistet hat, solche geworden, daß Saloniki noch immer als eine würdige Judenstadt bezeichnet werden kann und in ethischer Beziehung öffnet sie noch immer ihre Mütterarme jedem verfolgten Juden, so daß sie noch immer eine „Jr-woömbejisro öl" ist. (Fortsetzung folgt.) Ferdinand Avenarius jüdischer Abkunft! Der Herausgeber des „Kunstwart", Ferdinand Avenarius, veröffentlichte im vergangenen Sommer einen Aufsatz über die Juden, in dem er es als unerträglich bezeichnet, daß Juden an der deutschen Kultur mitarbeiteten: die jüdischen Schriftsteller sollten nach Avenarius überhaupt ihre Werke nicht in deutscher, sondern in jiddischer oder hebräischer Sprache schreiben. Es ist inieresfant, die Abstammung des Trägers solcher amisemitischer Anschauungen zu unter,uchen. Dazu gibt die eoen erschienene „Avenarianlsche Chronik" (Vertag O. R. Reisland, Leipzig 1912) Gelegenheit. Sie ist von dem Bruder Ferdinands, dem aus seinen Kämpfen mit den Freisinnigen bekannten, nationalliberalen Landtagsabgeordneten Ludwig Avenarius. verfaßt. Der Stammvater der Familie ist einer allen Ueberlieserung gemäß: Johannes Avenarius, geh. 1516 als der Sohn eines Krämers in Eger. Daß dieser hervorragende lruheranifche Gelehrte jüdischer Abkunft ist, lehrt der erste Blick auf sein Porträt (Avenarianische Chronik, S. 313), da^ ein würdiges Patriarchenantlitz zeigt mit den Zügen gütiger Strenge und scharfsinniger Weisheit. Diesem Eindruck konnten sich auch seine Zeitgenossen nicht enrziehen: die Leichenpredigt rühmt, daß er „anzusehen war, wie ein rechter Moses" (Av. Ehr., 2. 319). Bezeichnend ist, daß Johannes Avenarius als erste Schrifr eine hebräische Grammatik veröffentlichte und überhaupt als Lehrer des Hebräischen in hohem Ansehen stand. Er heiratete 1542 eine S ibylla Merkel, die Tochter des Wolf Me rkel aus Plauen: in einer ganz kleinen Fußnote gesteht die Av. Ehr. ein: schon 1554 wird bemerkt, daß Wolf Merkel „etvan ein Jude" gewesen" (Av. Ehr., 2.317). Bon der Sibylla Merkel, seiner ersten Gattin, stammen sämtliche Kinder des Johannes Avenarius, so daß die heutigen Nachkommen sowohl von ihrem Stammvater, als auch von ihrer Stammutter jüdisches Blut haben. Was übrigens die Familie des Johannes Avenarius anlangt, deren Name unter den Deutschen nicht seinesgleichen hat, so ist es sicherlich keine unwahrscheinliche Hypothese, die Familie von dem berühmten jüdischen Astronomen und Kabbalisten Abraham Avenares abzuleiten, der im 12. Jahrhundert in Spanien lebte (er wird u. a. erwähnt in Kiesewetter, Faust, S. 329). Daß auch schon vor den großen Vertreibungsjahren des 15. Jahrhunderts Juden nach Deutschland auswanderten, ist ja bekannt: ibie Häufigkeit des Vornamens „Abraham" in der Familie Avenarius (Av. Ehr., 2. 325 f) stimmt jedenfalls zu unserer Annahme. Möglich ist aber auch, daß der Name Avenarius durch Latinisierung aus dem Namen „Habermann" oder „Hafermann" entstand (avena-^hafer). Sei dem, wie ihm wolle, an der jüdischen Abkunft des Johannes Avenarius und der Sibylla Merkel ist nicht zu zweifeln. Auch die Familie des Kunstwartherausgebers Avenarius ist sich dessen bewußt, denn sie bemüht sich, ihrer Abstammung sich schämend, die Sache so darzustellen, als ob sie allein von sämtlichen heute lebenden Namensvettern mit dem genannten Johannes Avenarius aus Eger nicht verwandt sei: ihre Vorfahren seien, sv heißt es o. 3 und 309, „urkundlich" nur bis Matthäus Avenarius, geb. 1625 in Eisenach, zurückzuverfolgen. Nun weih aber jeder Geschichtskundige, daß selbst bei den berühmtesten Adelsgeschlechtern sich oft eine oder die andere Generation nicht „urkundlich" Nachweisen läßt, ohne daß deshalb der gemeinsame Ursprung der Familien geleugnet werden könnte. Es gibt eben neben den Urkunden auch noch andere historische Beweisgründe. Auch in diesem Falle gibt es Hinweise genug, die den Zusammenhang der Egerer und der Eisenacher Familie zumindest

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