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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-03-07 · 10 (7.3.1913) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
10 (7.3.1913)
Date
1913-03-07
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Sette 172 Dr. BLochs Wochenschrift. Nr. 10 Vor 35 Jahren hatte Europa noch ein Gewissen, hatten die Großmächte Großmut, Rührung, Teilnahme, Mitgefühl, sogar eine Nuance von Ehrfurcht vor der Majestät des Unglücks, des selbstverschuldeten und darum doppelt beklagenswerten Unglücks, vor der Not, der Verzweiflung. Jetzt aber scheint alles anders geworden zu sein. Die Diplomaten, mit sehr geringen achtungswerten Ausnahmen, haben Nietzsches stahlharle Redensart: „Jenseits von Gut und Böse", die schon als eine stilistische Scheidemünze umgeht und mehrfach variiert wurde, wie: Jenseits!von Recht und Unrecht, jenseits von Wahr und Falsch, jenseits von Logik und Arithmetik, früher in: „Jenseits von Ja und Nein" sich zurecht gelegt. Doch jetzt sind die Diplomaten ehrlicher geworden, ja ehrlicher und aufrichtiger: Sie sprechen nämlich von Staatsnotwendigkeiten, von den unerbittlichen Forderungen des — man bittet, sich nicht zu verwundern — „Weltfriedens". Für Philosophen und Historiker ist dies überhaupt nichts Neues. Man kennt ja die Ananke, Fatum, Szibah, Geserah, Kismet, Nitschewo, Fügung und andere Bezeichnungen für alles Unabänderliche der Schicksalsmächte. Es fragt sich nur, welche Sonderinteressen die Diplomaten darunter verstehen. Das eine Gute muß man ihnen nachfagen, daß sie nicht mehr die Tarnkappe über ihre Gedanken stülpen — je nun. weil sie es nicht mehr für nötig halten. Vielleicht haben sie sich. einen Freimann des Volkshumors zum Vorbild gewählt: Ein Henker mußte seinen früheren flotten Zechgenossen zum Galgen führen. Der Delinquent sträubte sich aus Leibeskräften gegen das hochnotpeinliche Halsgericht. Der Henker ruft ihm gemütlich zu: „Aber Freunderl, tue mir nur den einen Gefallen und laß dich ruhig henken!" — Mitnichten! Die Diplomaten geben sich gar nicht die Mühe, höflich zu sein. Ihnen genügt die brutale Drohung. Sie werfen nur das Brennusschwert in die Wagschale der Entscheidung. Humanitas, die hehre, verhüllt das Antlitz vor all dem Schrecken und Graus. Warum schließt sie nicht auch das Ohr vor dem entsetzlichen Jammer? Sie will ihn noch hören, um über ihn zu weinen. Doch da dringt aus dem tiefsten Abgrund der Hölle ein Laut, der Himmel und Erde erbeben macht: Der Hohn? Nun hält sich Humanitas beide Ohren zu. Ich hörte einmal den Bauernspruch: „Der Gef scheitere gibt nach, sagt der Ochs, wenn Man ihn zur Schlachtbank führt" . . . Delegierte und Botschafter — darunter auch wohlgesinnte, die aber aus der gebundenen (russisch-französischen?) Marschroute nicht hinaus dürfen — möchten sicherlich die Rolle des geduldigen Horntieres dem Padischah am liebsten empfehlen. Jupiter mußte die Gestalt eines Stieres annehmen, um Europa zu entführen. Man wäre schier versucht, jene Mythe vorbildlich für die Gegenwart zu halten. Der Spruch: „Durch Erfahrung wird man klug" sollte eigentlich lauten: „Durch Erfahrung wird der Kluge klüger." Denn der Dumme begeht trotz aller Erfahrungen immer wieder Dummheiten. Er mag es auch gar nicht nötig haben, klug zu werden! Wozu wäre denn der Satz: „Der Dumme hät's Glück?" Ein Schiffsküpitän sitzt in seiner Kajüte mit einem Priester beim Schachspiel. Das Schiff ist auf hoher See. Da dringt vom Verdeck hinunter ein seltsames Knarren, Kollern und Poltern. Der Priester schaut etwas gefängstigt vom Spiele auf. Der Kapitän sagt ganz gleichmütig: „Hochwürden, es ist nichts!" Eine Weile nachher vernimmt man von oben lautes Stimmengewirr und wüsten Lärm. „Was soll das bedeuten?" fragt nervös der Priester. „Hat nichts zu sagen". Meint achselzuckend der Kapitän. Bald darauf dringt ein tolles Schreien und Fluchen hinab zu den Spielenden. Entssetzt springt der Priester empor. Der Kapitän drückt ihn lächelnd nieder: „Nichts als eine steife Brise, em heftiger Wellenschlag!" Nun aber hört man die Mätrof sen oben inbrünstig beten. Da fährt der Kapitän auf. Er ruft: „Es ist hohe Zeit! Der Sturm ist los!" und eilt jählings empor aufs Verdeck. Ob es der Kalt<- blütigkeit und raschen Entschlossenheit des Kapitäns gef langen ist, das Schiff zu retten, davon schweigt die Geischichte . . . Möge das schwer heimgesuchte Osmanenreich in der äußersten Not einen Mann finden, der den rasenden Orkan beschwört! Aber der vornehwere, fest in sich geschlossene Orientale flucht nicht, er betet und fällt, „Jmsckallah", „wenn es Gottes Wille ist". Ueber wessen schmerzlich. zuckende Lippen ist je so martervoll wie nun über die der Türkei der Aufschrei des Propheten gedrungen: „Ach, wenn es zum Frieden kommt, wie wehe, wie bitter ist es mir zumute!" Jes.38. 17. Die größten Opfer indes, die man für den Frieden bringt, was sind sie gegen das Gräßliche eines modernen Krieges? Was ist dagegen die Schilderung des größten römischen Epikers: „Starr war ich. vor Entsetzen, es sträubten sich die Haare, die Stimwe versagte in der Kehle" ... Dieser lähmende Eindruck werde denn doch dem Blicke der Welt entrückt! Nun hat der Diwan (der „Große Rat") das Wort. Möge es eine Einladung zur Friedensruhe und nicht die Ankündigung vernichtender Niederlagen bedeuten! Des „Diwans." Ratschluß war leerer Schall. . . Die Jungtürken sind wieder am Steuer. . . Es soll nur nicht auf Enver Bey das spöttische Wort bezogen werden: „Was" ihm einfällt, baut er und was er baut, fällt ihw ein" ...; (Fortsetzung folgt.) Literatur. Di» tschechisches Lesebuch für die jüdische Jugend. Der Ausgleich zwischen Deutschen und Tschechen ist noch immer nicht hergestellt. Desto eifriger sind die Juden in Böhmen und neuestens auch in Mähren, bemüht, den Verhältnissen Rechnung tragend, ihre Kinder, wo es notwendig ist, die zweite Landessprache lernen zu lassen und sie in tschechische Schulen zu schicken. Dr. Richard Feder, Rabbiner in Raudnitz an der Elbe, hat nun seinem »hebräischen Lese- und Lehrbuche« in tschechischer Sprache, den I. Teil eines vortrefflichen Lesebuches »für die UnterhaltungundBelehrung der reiferen jüdischen Jugend« in diesem Idiom folgen lassen. »2idovske Bes6dky«*) nennt er es, d. h. in wörtlicher Uebersetzung »Jüdische Lauben«. — Das Buch, das in schöner Ausstattung, mit 19 Bildern geziert, vorliegt, wurde mit Unterstützung des humanitären Vereines »B’nai B’rith«, »Bohemia» in Prag und des »Verbandes israelitischer Religionslehrer an den Mittelschulen in Böhmen« herausgegeben. Es enthält Originalbeiträge und Uebersetzungen, Prosa und Gedichte, Belehrendes und Unterhaltendes, Erzählungen aus dem Midrasch und Anekdoten. Der Herausgeber, Dr. Richard Feder, der sich mit diesem tschechischen Lesehuche, dem ein ähnliches, für die deutsche jüdische Jugend in Oesterreich bearbeitetes, leider nicht an der Seite steht, ein nicht zu unterschätzendes Verdienst erworben hat, lieferte auch die meisten Beiträge. Zunächst sei auf den über »S i 1 o a h« und die berühmte Inschrift, die älteste, aus dem hebräischen Altertum uns überlieferte, hingewiesen. Die Angabe über die Regierungszeit Chiskias möchten wir doch richtigstellen. Dieser König regierte nicht von 724—696, sondern von 728—699. Sehr interessant sind auch die zwei »alten Dokumente« aus den Jahren 1650 und 1653. Beide stammen aus dem fürstlichen Archive zu Raudnitz, das reiches Material für die Geschichte der Raudnitzer Juden enthält, auf dessen Veröffentlichung wir noch harren. Die Artikel über »Giacomo Meyerbeer« und »Josef Israels« sind sicherlich sehr belehrend. Nicht minder der über den leider in Vergessenheit geratenden Ludwig August Frankl ...^H»*)jRaudnitz an der Elbe, Eigenverlag, 1912—13.

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