Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-03-07 · 10 (7.3.1913) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
10 (7.3.1913)
Date
1913-03-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3022035-3022046--21930-3047050
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 10 Dr. Bkochs Wochenschrift. Seite 165 lassenen Kinder am notwendigsten erscheinen würde, soll nicht sittliche Verwahrlosung das Resultat der bis zum 14. Lebensjahre aufgewendeten Mittel und Mühen sein. Nunmehr ist auch auf diesem Gebiete, wenn auch ein bescheidener, so doch ein Fortschritt zu verzeichnen. Am 6. Februar d. I. fand die diesjährige Generalversammlung des Vereines „zur Belleidung armer Männer und Frauen für sämtliche Bezirke Wiens" statt. In Kenntnis des Umstandes, daß die in Wien bestehenden Vereine „Zur Bekleidung armer, alter Männer" und des „Jubiläumsvereines zur Bekleidung alter Frauen" allen an sie gerichteten Anforderungen gerecht werden und wirklich bedürftige Petenten nicht abweisen, fand ich die Tätigkeit dieses Vereines für eine unnütze Zersplitterung der so notwendigen Arbeitskräfte auf dem Gebiete der Wohltätigkeit und auch eine zwecklose Konkurrenz für diese bestehenden Vereine. Die Erfahrungen aus dem Gebiete der Wohltätigkeit, insbesondere der Kinderfürsorge, bestimmten mich, dem Vereinsvorstande in verschiedenen Konferenzen die Anregung zu bieten, den derzeitigen Zweck des Vereines zu ändern und den Verein auf das Gebiet der Kinderfürsorge zu lenken. Die Vereinsleitung hat auch in Anerkennung dieser Tatsachen der Generalversanimlung einen diesbezüglichen Antrag gestellt, der angenommen wurde. Der Verein wird es sich nunmehr zur Aufgabe machen, verlassene schulentwachsene Kinder jüdischer Konfession, die bis zum 14. Lebensjahre im Schutze der Wiener israelitischen Kultusgemeinde standen, nach Maßgabe der vorhandenen Vereinsmittel, zu unterstützen und insbesondere deren physische und moralische Entwicklung beaufsichtigen. Dieser Verein, der seinen Titel auf „Z u k u n f t", Verein zur Förderung schulentwachsener verlassener Kinder, abgeändert hat, ist somit der erste jüdische Verein, der sich die Fürsorge für schulentwachsene „verlassene Kinder" zur Ausgabe gemacht hat. Dieser gewiß edle Zweck und somit auch der Verein „Zukunft", der seinen Sitz im Tempelgebäude, XV., Turnergasse 22, bat, dürfte gewiß allseits die größten Sympathien erwecken. Korrespondenzen. Dr. Maximilian Meiner gestorben. Die Wiener israelitische Kultusgemeinde und man kann ruhig sagen, das gesamte Judentum hat einen großen, unermeßlichen Verlust erlitten. Dr. Maximilian Steiner ist am 2. d. M. den Folgen des Unfalles, der ihm vor einigen Tagen zugestoßen ist, erlegen. Für die Wiener Kultusgemeinde ist dieser Verlust ein unersetzlicher, denn fie verliert in Dr. Steiner ein Vorstandsmitglied, das, mit unendlichem, vielseitigen Wissen ausgerüstet, von dem ersten Tage seiner Tätigkeit im Vorstande mit tiefem Verständnisse, nimmermüdem Pflichtgefühle und hingebungsvoller Liebe sich allen großen Arbeitsgebieten der Gemeinde widmete. Wenige Tage nach seinem 80. Geburtstage schloß Dr. Maximilian S t e i n e r ein arbeitsvolles Leben ab, das überall, wo man es anzupacken versucht, sich als interessant, originell, selbständig und schöpferisch erweist. Und wie sein Wesen, so war auch sein Wirken. So wie er von dem Tage, da er vor mehr als 50 Jahren bei der Eröffnung des Leopoldstädter Tempels als „freiwilliger Bethauskommiffär" fungierte, bis an sein Lebensende die Schablone haßte und stets darauf bedacht war, der Gemeinde, in deren Dienst er fich selbstlos gestellt hat, neue Bahnen vorzuzeichnen, auf allen Gebieten Verbesserungen anzuregen, und es als seine Pflicht ansah, alle die Fragen, in denen er ein maßgebendes Wort für sich in Anspruch nahm, auch eingehend zu studieren, so forderte er auch von allen anderen, denen die Ausführung seiner Anregung anvertraut war, ernstes Studium und hingebungsvolle Liebe für die ihnen überantwortete Arbeit. In gleichem Maße Meister des gesprochenen wie des geschriebenen Wortes, verstand es Dr. Steiner, wie kein zweiter, seinen Anschauungen Gewicht zu verleihen und auch diejenigen von dem hohen sittlichen und sachlichen Werte seiner Vorschläge zu überzeugen, die den in Behandlung stehenden Fragen kein eingehendes Studium zu widmen vermochten oder ihnen prinzipiell nicht zustimmen konnten. Trauerkundgebung des Kultusvorstandes. Montag, den 3. d. M.. halb 7 Uhr abends fand eine öffentliche Trauerfitzung des Kultusvorstandes statt, an welcher sämtliche in Wien weilenden Vorstandsmitglieder teilnahmen. Dieser Trauerkundgebung wohnten zum Zeichen ihrer Dankbarkeit und Verehrung für den dahingeschiedenen beamtenfreundlichen Vorsteher nahezu sämtliche Verwaltungsbeamten der Kultusgemeinde bei. Gleich nach Eröffnung der Sitzung hielt Präsident Dr. Alfred Stern folgende Ansprache: Zu einer Trauerkundgebung haben wir uns heute hier versammelt, zu einer Kundgebung, die bei mir persönlich die Gefühle tiefsten Schmerzes und wahrer Trauer auslöst. Ist es doch ein Jugendfreund, ein Studiengenosse, Dr. Maximilian Steiner, dessen Tod wir zu beklagen haben. Doch nicht meine persönlichen, überaus schmerzlichen Empfindungen dürfen hier an dieser Stelle zum Ausdrucke kommen, nur jeine überaus segensreiche und vielseitige Tätigkeit als Mitglied dieser Körperschaft kann Gegenstand unserer Kundgebung sein. Dr. Marimilian Steiner war eines der ältesten Mitglieder unseres Vorstandes, in den er zum erstenmale im Jahre 1885 gewählt wurde, und den er seit jener Zeit ununterbrochen angehört hat. Im Vertreter-Kollegium wirkte er seit dem Jahre 1898. Was er dem Vorstande, was er der Gemeinde gewesen, was er erreicht und vollendet, was er mit seinem umfassenden Wissen angestrebt und was er initiiert hat, das steht mit unvergänglichen Lettern in der Geschichte unserer Gemeinde geschrieben! Die Pflege des Gottesdienstes lag ihm besonders am Herzen, und insbesondere die Erhaltung des traditionellen synagogalen Gesanges und dessen Bewahrung vor Auswüchsen, die ihn damals bedrohten: und so ist es seiner Initiative zu danken, daß der „Schic Zion" als Basis des Gottesdienstes in unserer Gemeinde erhalten geblieben ist. Seine ganze große Liebe für den traditionellen Gottesdienst findet in einer schönen, vortrefflichen Broschüre Ausdruck, die der Verewigte anläßlich des 1OO.» Geburtstages Salomon Sulzers veröffentlicht yat. Er war Obmann der 1. Kommission, die sich hauptsächlich mit der Pflege des Gottesdienstes zu beschäftigen hat, und da hatte er Gelegenheit, seine Anschauungen über den Gottesdienst zur Geltung zu bringen. Dem Bethausrorstande gehörte er schon viele Jahre vor seinem Eintritte in den Vorstand an. Den Angelegenheiten des Unterrichtes wandte er seine intensivste Aufmerksamkeit zu. Er war das eifrigste Mitglied der Ilnterrichtskommission, die ihm eine Fülle von Anregungenverdankt. Von den großen prinzipiellen Fragen des Religionsunterrichtes bis in die kleinsten Einzelheiten derselben, jedem einzelnen Zweige dieses großen Gebietes wandte er die weitgehendste Sorgfalt zu. Bei keiner Sitzung dieses Komitees hat er je gefehlt, und fast für jede dieser Beratungen hatte er Anregungen und neue Vorschläge für die Verbesserung des Religionsunterrichtes. Seine größte Arbeit auf diesem Gebiete betrifft eine grundlegende Reform des Religionsunterrichtes an den Mittelschulen, eine Arbeit, die ebensosehr für fein profundes Wissen, für seine ungewöhnliche Belesenheit und nicht zuletzt für seine glühende Liebe zum Judentume das glänzendste Zeugnis ablegt. Der von ihm ausgearbeitete Reformlehrplan wird gegenwärtig erprobt, und mit welcher Liebe er den von ihm inaugurierten Schülerkonferenzen folgte, bewies er, als er noch von seinem Krankenlager, seinem Totenbette aus Verfügungen traf, daß diese Schülerkonferenzen, denen er immer persönlich anwohnte, nicht der Aufsicht entbehren mögen, aus daß das Werk, dem er die letzte Zeit seines Lebens, trotz seines hohen Alters mit jugendfrischer Begeisterung weihte, nicht leide. Mit derselben Liebe wandte er sich der Ausgestaltung des Jugendgottesdienstes zu, so wie er mit peinlicher Genauigkeit die Hunderte von Jnspektionsberichten über den Religionsunterricht studierte, aus ihnen ein anschauliches 'Bild über den Stand desselben gewann und Anregungen für die Verbesserung des Religionsunterrichtes schöpfte. Die hi st arische Kommission verdankt seiner Anregung ihr Entstehen und unter seiner Obmannschaft erstand eine Reihe wertvollster Arbeiten für die Geschichte unserer Gemeinde. Die Anregung zu den von der Gemeinde alljährlich veranstalteten Vorträgen aus jüdischer Geschichte, Literatur und Kultur ging von ihm aus. Das Hauptgebiet seiner segensreichen Tätigkeit bildete die Armenpflege. Wie auf allen anderen «Gebieten, auf denen er sich betätigte, so war er auch auf dem Gebiete der Armenfürsorge richtunggebend, stets auf Verbesserungen, Reformen bedacht. Seiner schon im Jahre 1892 gemachten Anregung, betreffend die Zentralisierung des jüdischen Armenwesens unserer Jvemeinde, verdankt unser Wohltätigkeitsamt seine Entstehung. Fast zur selben Zeit hat unsere Gemeinde, auf Grund eines von ihm ausgearbeiteten Elaborates, behufs Herabminderung der Sterblichkeitsziffer jüdischer Kinder, die Prämienzahlung an die Pflegeparteien von

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.