Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 10 (7.3.1913)
- Date
- 1913-03-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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SBSöäHl Sette 162 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 10 weisen, daß -er allzu straff gespannte Bogen bricht. Die G. m. b. H. der Reaktion, Christlich.-Soziale und Klerikale, die einander geschoben haben, mißbrauchen die erlangte politische Macht zur Ausbeutung und Plünderung und das wird bei den Opfern endlich den Widerstand Hervorrufen. _ KerLhmte Iudengemeinden des osma«ischen Reiches. Von Rabbiner W. Reich in Baden bei Wien (VII. Fortsetzung.) Der große jüdische Auswandererstrom, der sich über alle Länder Europas bis tief in Asien und Afrika hinein aus Spanien ergoß, hat selbstverständlich großenteils sich in den Iuvengemelnden des osmamch.m Reiches, wegen ihrer günstigen politischen Verhältnisse, gestaut, und unter diesen war es Saloniki, das sich demselben aufnahmsfähig erwies. Wie viele der in der Türkei aus Spanien eingewanderten Juden gewesen sein mögen, die, direkt oder indirekt, nach verschiedenen Aufenthaltspausen in anderen Ländern — wie besonders über Italien — dahingekommen waren, läßt sich schwer bestimmen. Maßgebend für die approximativ anzunehmende Zahl ist wohl nur der Berichterstatter, der ein Zeitgenosse dieses traurigen Zuges war, u. zw. ist dies Don I s a k Abarbanel, der in dem Vorworte zu seinem' Buche „Majane hajeschuah" die Zahl der Vertriebenen aus Spanien mit 300.000 Seelen angibt, von denen der größere Teil sich temporär nach Portugal begab, der kleinere nach Italien und der Türkei. „Heute nach 40 Jahren seit der erschrecklichen Auswanderung", schließt er seinen Bericht, „ist alles verfallen und Bitternis das Ende, da von ihnen nur beiläufig an 10.000 Personen samt 'Frauen und Kindern im Galuth noch am Leben blieben." Da sich dieser angegebene kleine Rest auf die beiden Länder Italien und die Türkei bezieht, von dem der größere Teil sich auf das letztere Land verteilte, so dürften von allen spanischen jüdischen Emigranten in die Türkei sich höchstens 7—8000 Seelen hinübergerettet haben. Versteht sich, ist noch, jene Zahl von späteren Einwanderern hinzuzurechnen, die im Laufe von 2 Jahrhunderten nachher aus einwandernden Marannen bestand. Es waren jene Scheinchristen, die in Spanien zu Hunderttausenden zurückgeblieben waren, um iht Vermögen zu retten, die aber bei günstiger Gelegenheit ihren Brüdern nachmanderten, um dann ihr im Stillen bewahrtes Judentum offen zu bekennen. Es waren viele große Gelehrte unter den Ersteren wie unter den Letzteren, die sich in der Türkei niederjgelassen hatten und es ist mit ihnen eine Blütezeit geistiger Entwicklung in diesem Lande angebrochen. Jedoch, an jene Glanzperiode, wie sie in der jüdischen Literatur während der spanisch-arabischen Zeit so unvergleichlich schön und majestätisch weithinleuchtete. hat sie nie hinangereicht. Alle Leistungen, selbst der hervorragendsten Gelehrten in der Türkei, erscheinen uns nur wie solche' von Epifgonen, die sich an ihre großen Vorgänger emporranken. Woher dies wohl gekommen sein mag, da doch die Juden in der Türkei in günstigen bürgerlichen Verhältnissen sich befunden haben!? Die Beantwortung einer fast analog gestellten Frage in der Gegenüberstellung des arabisch-spanischen Gelehrtenkreises. in Verbindung von dem in der Provence und Italien, zu dem von Deutschland und Nordfrankreich, gibt uns Güdemann in seiner Einleitung zu den Quellenschriften, S. XVII. (Berlin 1891) in solch treffender Weise eine Aufklärung, daß der hierauf bezügliche Passus hier wörtliche zitiert werden mag. „Wenn man nun beobachtet, wie das Bildungswesen der Juden im Mittelalter in den verschiedenen Ländern, die in der vorstehenden Skizze besprochen wurden, gestaltet ist, so kann man die Tatsache nicht verkennen, daß es überall gewissermaßen einen lokalen Charakter trägt. Die Juden haben in der Diaspora eine außerordentliche Assimilationsfähigkeit, aber auch, eftne eben solche Impressionabilität bewiesen. Ihre Lebensgewohnheiten, Anschauungen, Neigungen, Umgangsformen spiegeln den Einfluß ihrer Umgebung wieder, dem selbst die Schranken der Religion nicht durchaus haben widerstehen können. Der unter den Arabern wohnende Jude ist Araber, unter Spaniern ist er Spanier, unter Italienern Italiener. Nach Maßgabe dieses Verhältnisses ist es auch mit dem Bildungsgrade bestellt. Derselbe differenziert sich je nach den Staaten und Völkern, in und unter denen Juden wohnen. Wo ein mächtiger Strom geistigen Lebens rauscht, läßt der Jude sich von seinen Wogen fortreiben, und es gelingt ihm überall, das .Bildungsniveau seiner Umgebung zu erreichen, zuweilen sogar, es zu überflügeln." „Hiernach wird'man auch, das vorhin skizzierte Bildungsverhältnis der nordfranzösischen Juden begreifliche finden. Ganz im Gegensätze zu der mächtigen Anregung, welche die Juden in Spanien, in der Provence und in Italien empfingen und welche sie in den Bannkreis wijsenschaftlicher Studien zog, blieben die Juden in Nordfrankreich von jeder derartigen Anregung seitens ihrer christlichen Umgebung unberührt. Nordfrankreich steht im Mittelalter sehr tief auf der Stufenleiter der Bildung. Die dortigen Juden, welche wenigstens in der hebräischen Bibel gut beschlagen waren, denen auch, der Talmud den geistigen Horizont nach, marichen Richtungen hin erweitert h!atte, konnten eher die Lehrmeister als die Schüler ihrer christlichen Umgebung sein." Ein solches bildungsarmes Milieu war es aber auch., das die aus Spanien eingewanderten Juden in der Türkei vorfanden, so daß ihnen die mächtige Anregung fehlte, welche ihnen in Spanien Reiz, Ansporn und Vorbild war. Die gesellschaftliche Regel, die Salomo im'-Allgemeinen .aufstellt (Prov. Cap. XXVII, 17): „Eisen schärft Eisen, des Menschen Einsicht der Freund," und ein Gelehrter des Talmud ins Pädagogische überträgt (Taan. 7.): „Es soll dich lehren, daß Gelehrte im Verkehre m!tf~ einander sich gleich. Eisen an Eisen ihren Geist schärfen", gilt wohl nach den Auseinandersetzungen Güdemanns nicht nur für das beschränkte Innenleben eines in sich abgeschlossenen Kreises, sondern auch, für das hohe Gesamtniveau einer ganzen großen Kulturgeschichte der Menschheit. Selbständige Leistungen, wie von den spanisch-arabischen Gelehrten, sind daher in der Türkei, selbst nach der Einwanderung aus diesem selben Kreise, kaum zu finden. Mit Namen w ie MaiMonides dem'Adler, der mit seinen Schwingen i'M Geistesflug den Rekord für alle Zeiten erzielte, mit einem I u d a H a l e v y, der mit seiner Poesie noch unerreicht dasteht, sind sie gewiß nicht zu messen,- aber auch Männer, wie SaloMo ibn Gabirol, wie Abraham ibn Esra, oder auch nur wie Josef Alba, ragen über sie empor. Immerhin kommen die in Saloniki wirkenden Gelehrtengrößen erst in die zweite Reihe. So ist der noch gegenwärtig bestbekannte populäre Rabbi Jakob b e n Chabib. Verfasser des „En Jakob", welches ein Sammelwerk der Agäda des Talmud ist, mit Erläuterungen eigener und anderer Arbeiten, doch nur ein Sammler', aber kein bahnbrechender Schrittmacher.