Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 9 (28.2.1913)
- Date
- 1913-02-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette ISO Dr. Vkochs Wochenschrift. Nr. 9 vom Jahrmarkt des Lehens. Die Lage der osteuropäischen Juden. Die Lage der osteuropäischen Juden, so lautete das Thema, das aM Montag abends, den - 20. nuar. im Lokalkomitee des Hilfsvereines der Deutlichen Juden in Berlin von Herrn Dr. James Si'mon, Vorsitzenden des genannten Vereines, in einem Lutz,erst stark besuchten Vorträge behandelt wurde. Am schlimmsten — führte der Redner aus — steht es um die 'ruffischen Juden, die, fünf bis sechs MilliM nen an Zahl, 4 Prozent der Gesamtbevölkerung des grotzen Reiches ausmachen, das unter einem Absoluf tismus steht, dessen abschreckende Gestalt nur durch die Korruption gemildert erscheint. Leiden darunter auch alle ruffischen Bürger, so doch am Meisten die Juden, die den Beamten geradezu tributpflichtig sind, wenn sie sich die Möglichkeit erhalten wollen, ihrem Erwerbe nachzugehen. Sie dürfen bekanntlich nur in bestimmten Gebieten wohnen und werden oft unnachsichtlich ausigewiesen, wenn es ihnen gelungen ist, sich anderweit setzhaft Lu machen. Hier spricht die Furcht mit, datz die Juden ihre revolutionären Gedanken in die davon noch freien Gouvernements tragen; Man übersieht aber, datz man sie in die oppositionelle Stellung mit Gewalt drangt, indem Man ihnen alle Rechte raubt. Die lleberfüllung des Änsiedlungsrayons zeitigt die schlimmsten Mihstände, denen nur durchs 'Freizügigkeit abgeholfen werden könnte. Wenn man die Juden als Wucherer bezeichnet, so zeigt sich gerade im Ansiedlungsrayon, datz dort viel weniger Bauern von Haus und Hof getrieben werden, als dies in anderen Gouvernements seitens christlicher Wucherer geschieht. Es ist dies natürlich, denn die Juden dürfen kein Land besitzen^. Sie sind auch sonst vielen gesetzlichen Beschränkungen unterworfen und leiden besonders unter den Hemmnissen, die man ihrem Streben nach Bildung in den Weg legt. Der Besuch aller Schulen bis hinauf zur Universität unterliegt der Prozentnorm, die selbst im Rayon nur 10 Prozent beträgt. Ihre schulpflichtigen Kinder, deren Zahl sich auf ungefähr 770.000 beläuft, sind daher zumeist auf die eigenen Schulen angewiesen, die, trotz grotzer Lasten auf den Kopf des einzelnen Juden, viel zu Wünschen übrig lassen. Die Reform der Schulen ist eine Lebensfrage, kann sich aber nur langsam vorbejreiten, trotzdem Geld für 5000 moderne Schulen vorhanden wäre, das, wie die Sachen jetzt liegen, auf die Stratze geworfen wird. Der Redner gab dann noch einen Ueb erblick über das Hilfswerk, das gegenwärtig in den Balkanländern im Gange ist, und erstattete einen Bericht über die Tätigkeit des Vereines, insbesondere über dessen Schulwerk. Auch der Hilfe gedachte er, die den Auswanderern zuteil wird; aber weit grötzer ist die Zahl der unter schlimmstem Druck Zurückgebliebenen, deren geistige Depreffion körperliche Degeneration zur 'Folge hat. Hier gilt es, die Rot, wenn nicht zu heilen, so doch zu lindern. Em offizieilles Memorandum zur Wahrung der jüdischen Interessen aus dem Balkan. ' Zum ersten Male seit dem Ausbruche des Balkankrieges, der wie kaum em anderer Krieg in der Geschichte der letzten Jahrhunderte bereits auch unverhältmätzig viel jüdisches Gut und Blut gekostet hat, wird den Botschaftern Gelegenheit geboten, auch die jüdischen Interessen in den Bereich ihrer Erwägungen über die politische Neugestaltung in Mazedonien zu ziehen. Wie aus Konstantinopel unter dem 17. d. berichtet wird, hat das Komitee zur Verteidigung der Internen der muselmanischen, israelitischen und kutzowalcöchischen Bevölkerung ein Memorandum ausgearbeitet und den Botschaftern überreicht. Darin wird betont, datz die Tatsache, datz die Kollektwnote der Botschafter vom 17. Januar nichts über Bürgschaften für das Leben, das Eigentum und die religiöse Freiheit der Bevölkerung, deren Abtretung an die Verbündeten zugestanden sei. enthalte, die muselmanischen, kutzowalachischen und israelitischen Bewohner Mazedoniens sehr beunruhige und deren Vertretern zur Pflicht mache, die wohlwollende Aufmerksamkeit der Botschafter auf diese vom moralischen, sozialen und politischen Standpunkte so hoch bedeutsame Frage zu lenken. Die Denkschrift hebt hervor, datz kein Balkanstaat betreffend Mazedonien Hegemonie-Ansprüche erheben könnte, die durch ethnischer und historische Erwägungen begründet seien, da Mazedonien nicht blotz von Bulgaren, Serben und Griechen bewohnt sei. Neben diesen Bevölkerungselementen leben eine sehr grotze Zahl von Kutzowalachen und Juden im Lande. Angesichts der Rolle, die das Nationalitätenprinzip in dem gegenwärtigen Kriege spiele, sei es eine Forderung der elementarsten Gerechtigkeit, datz Mazedonien nicht unter die Verbündeten verteilt werde, sondern ein autonomes Land bilde, wo die Muselmanen, Kutzowalachen und Israeliten einen ihnen auf Grund ihrer ethnischen, tnbfoir duellen und ihrer numerischen Bedeutung zukomMensden Platz leinnehmen. Diese Lösung sei auch vom humanitären Standpunkt gerecht, da ohne sie keine Bürgschaft für das Leben, das Eigentum und die religiösen Gefühle der drei betreffenden Bevölkerungselemente bestünde. Die Unbill und die Beeinflussung ihrer relijgiösen Freiheit, die sie von Seiten der Verbündeten systematisch zu erleiden gehabt haben und fortgesetzt erleiden, sei ein Beweis für diese Behauptung. „Infolgedessen", heitzt es in dem Memorandum weiter, „bitten wir im Namen der erwähnten Bevölken rungsschichten die Mächte, als Hütern der grundlegenden Prinzipien der Gerechtigkeit, der Menschlichkeit und der Zivilisation, sie möchten ein Einvernehmen dahin pflegen, um diesen Bevölkerungsschichten den freien Genutz ihrer bürgerlichen, politischen und religiösen Rechte durch die Schaffung eines autonomen Mazedoniens zu sichern." — Die Denkschrift gibt der Hoffnung Ausdruck, datz die Mächte die genannten Forderungen günstigaufnehmen werden, und verweist daraus, datz inzwischen bis zum Abschlutz des Friedens die Muselmanen, Kutzowalachen und die Juden in dem' von dm verbündeten Staaten besetzten Gebieten fortgesetzt einem Ausrottungssystem ausgesetzt seien. So weit die Juden in Betracht kommen, werden die Darstellungen des Memorandums durch die Berichte der Delegation der Hilfsorganisationen leider teilweise bestätigt. Ob die gewünschte Autonomie auch für die Juden Mazedoniens das einzig ersehnte Ziel ist, darüber lätzt sich noch streiten. Auf jeden Fall ist es erfreulich, datz Europa auf diese Weise auch, auf die so bitter notleidenden Interessen der Juden im Kriegsgebiete aufmerksam wird. Die Zustände in Saloniki. Aus Saloniki wird uns berichtet: Wenngleich die Massenausschreitungen des griechischen Militärs die Juden, wie sie in den ersten Tagen nach dem Einmärsche der Griechen sich ereignet haben, durch die Strenge und Energie der griechischen Regierung Hintang Halten werden, so mutz doch entgegen den beruhigenden Berichten festgestellt werden, datz die Inden infolge fast täglich sich ereignender Provokationen seitens der Griechen in steter Unruhe leben. Bald ist es ein kranker Jude, der. in einem Spitale Hilfe suchend, von etraUTC griechischen Militärposten tätlich insultiert und wegen seiner Religion