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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-02-28 · 9 (28.2.1913) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
9 (28.2.1913)
Date
1913-02-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 9 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 149 Popper hat eine eigene, gewissermaßen tragische Witterung für das, was man die letzten Wichtigkeiten des Lebens nennen könnte. Wie ein Dichter den Habicht beschreibt, der die Taube aufstört, den Geier, der das Lamm verfolgt, so verspürt seine Pbantasie mit untrüglicher Sicherbeil die Todfeinde, die am Werke sind, uns über diese Wichtigkeiten hinwegzutäuschen, uns den Sinn für sie zu benehmen. Man wird sagen, Schiller, Herwegh und andere haben ja schon die Freiheitslieder gesungen. Aber diese 'Freiheitslieder hatten immer denselben Refrain: Erhebe dich, mache dich frei! und der Unterdrücker, der Tyrann hatte immer für sie das gleiche Gesicht. Aber er hat in Wirklichkeit hundert Formen, hundert Gestalten. Ihn in diesen wechselnden formen zu erkennen, das macht das Spezifikum Vopper'scher Dichtung aus. Sie gibt uns die Naturgeschichte der falschen Ideale, die in geschlossener Reihe komMen. um uns die Ansprüche auf das Leben vor dem Munde wegzuschnappen. Die Natur hat das Leben zu einem Leben voller Leid gestaltet. Unser erster Atemzug ist ein Aufschrei und Schrei folgt auf Schrei durch die Dauer des Lebens. Was wir Glück nennen, ist nur eine kleine Pause. Desto größer ist unser Anspruch an das Leben. Die falschen Ideale, die da künden: Schon das bloße Lachen ist Sünde, oder: Lieben und dem natürlichen Gesetze der Liebe folgen, ist Sünde, öder: Du bist unschön, tritt zurück und du bist schön, tritt hervor, alle religiösen, staatlichen, gesellschaftlichen, ästhetischen und moralischen Absolutismen spürt er auf und zeichnet die ihnen entspringenden furchtbaren Tragödien in verkürzten und unvergeßlichen Bildern, wie keiner vor ihm. Und so gestaltet seine Phantasie rücksichtslos und unbeirrt. Ihr sagt, der Dichter habe die Aufgabe, zu spielen? Er antwortet: Das ist nicht wahr. Die Dinge dieses Lebens sind zu ernst, um zu spielen. Ihr sagt, er habe die Bestimmung, schön zu sein? Das ist nicht wahr. Cr hat zu sehen und sehend zu machen, fremd aller Eitelkeit. Und zu welcher Umwertung aller Werte gelangt er da! Nicht zum Nietze'schen Uebermenschentum. diesem konstruierten Ideal einer bereits zum Wahnwitz angegifteten Phantasie. Stark und gelassen nimmt ihr Pom per die Maske herunter: Seht, was hinter dem Uebermenschen steht. Der Unmensch ist es vielmehr. Nun gibt es noch einen sehr merkwürdigen, ja kardinalen Unterschied zwischen Popper und den anderen Dichtern. Alle, ohne Ausnahme, wenn sie eine Krankheit des öffentlichen Bewußtseins konstatieren, dann verlangen sie stürmisch nach einer Heilung. In Versen machen sich derartige flammende Appells immer hübsch und sind wirkungsvolle Stellen für die Kainze, für die Deklamatoren. Jeder fünfte Akt eines Tendenzdramas schließt mit einer solchen Stelle, aber wie heilen, das sagt es nicht, das kann es nicht sagen. Aber Popper fragt längst nicht mehr, er antwortet, er kennt das Grundübel, den letzten Sitz der Krankheit und auch das Mittel, sie zu heilen. Und wußte es auch schon, bevor er mit seinen „Phantasien" hervortrat. Denn Sie müssen wissen, daß er nur zum allerletzten Teile seines reich begnadeten Wesens auch ein Dichter ist, daß die Dichtung nur eine der hundert Ausstrahlungen seiner Seele ist. Noch eine andere gewaltige Lebensarbeit liegt hinter ihm. Er war einer der Wenigen, die erkannten, was Robert Mayr, der das Gesetz der Erhaltung der Kraft entdeckte und den die deutschen Gelehrten in den Wahnssinn trieben, bedeutete. Dieser große Denker schrieb ihm: „Liebiig, Tyndal und Sie, waren die einzigen Stützen in meinem Unglück." Popper ist derselbe, den die Aviatik zu ihren großen wissenschaftlichen Pathen zählt und ist auch derselbe, der vor zirka 40 Jahren, im Jahre 1862, bei der hiesigen Akademie der Wissenschaften eine versiegelte Schrift deponierte und als man sie im Jahre 1887 nach seinem Willen öffnete, fand sich darin genau und bis aufs letzte ausgerechnet, das Prinzip der elektrischen Kraftübertragung. .. Ist dies alles nicht genügend. ihm in der Geschichte der Wissenschaften und des menschlichen Geistes einen Platz zu sichern? Und doch waren aUe diese genialen Schöpfungen nur Teile, nicht der Mittelpunkt seines ganzen Weesens. Im Mittelpunkte seines ganzen Wesens war er Soziologe. Was ist das eigentlich, Soziologe? fuhr der Vortragende fort. Das kann verschieden definiert werden. Ich aber sage Ihnen: Wenn ein junger Herr im schwarzen Frack und im Besitze eines Diplomes daherkommt und erUärt: Ich wurde soeben von sieben Weisen zum Dokter promoviert und ich bin Soziologe, dann seien Sie gewiß, das ist kein Soziologe. Wenn die sieben Herren von der Kommission daherkommen und sagen: Wir sind staatlich anerkannt und haben Bibliotheken studiert und geschrieben und beherrschen alles Ziffernmaterial und sind Soziologen, dann seien Sie gewiß, es sind keine Soziolegen. Man muß sich gewöhnen, den Leuten, die sich Soziologen nennen, mit der bestimmten Frage gegenüberzutreten: 'Fühlst Du mit den Menschen? Hast Du Liebe in Dir und tut Dir ihr Leid weh? Wenn nicht, dann bist Du kein Soziologe. Und die Notwendigkeit, die Verfasser ökonomischer und sozialpolitischer Bücher mit d-eser Frage zu fassen Popper kannte sie schon seit langem. Schon um die 50er und 60er-Iahre Herum: das Wort Soziologie war damals noch unbekannt. Man wußte nur davon, daß in den Jahren 1789 1848 eine Philosophie die Menschen den Weg zu ihren Rechten geführt hatte. Nun sie ihre Aufgabe erfüllt, die Regimente der früher privilegierten Klassen beseitigt waren, kam Popper förmlich mit einem panischen Schrekken zur Erkenntnis, daß in der Welt doch nichts anl ders geworden sei. Noch immer standen Millionen und Millionen in Not und Elend rechtlos da und die be-- törte Poesie vergaß, von diesem Elend zu erzählen, sondern sang nur von Paradiesen. Und eine Philosophie. die an sich selbst Verrat übte, vergaß ihre Aufgabe. den Weg zu den Rechten der Menschheit zu zeigen. Sehen Sie. und die mißratene Tochter der Philosophie wählte sich jetzt den Namen Soziologie und verki'mdete Herbert Spencer'sche Theorien. Und da schrie es in Popper auf: Es ist alles nicht wahr, das sind falsche Lehren. Das Individuum hat sein unverbrüchliches Recht an das Leben, es ist Betrug und Verbrechen, ihm dasselbe abzuschmeicheln. Und er begann mit seiner Soziologie und schreibt im Jahre 1878 die kleine Schrift: „Das Recht zu leben und die Pflicht zu sterben", und vollendete sein Werk, indem er eben jetzt in seinem 75. Lebensjahre das grandiose Buch: „Die allgemeine Nährpflicht" der Oeftentlichkeit übergibt, welches die Durchführung seiner Ideen zeigt, vermöge welcher der Einzelne zumindest vor Hunger und Arbeitslosigkeit, vor Krankheit und Obdachlosigkeit geschützt werden kann .... Im weiteren Verlaufe besprach Adolf Gelber im letzten Teile seiner Rede den Inhalt dieses grandiosen Werkes, worauf er auf das Orientalische in Popper und auf den Zug der Selbstlosigkeit, der Abkehr von allen Aeußerlichkeiten und den Drang. Wunden zu verbinden. hinwies. Für die Besucher der Toynbeehalle. die schon viele prächtige Vorträge arrangiert hat, war bieder Abend geradezu ein Ereignis. Der Vortragende wurde oft durch minutenlangen Beifall unterbrochen, und nach Schluß des Vortrages bereitete das Publikum Adolf Gelber begeisterte Ovationen.

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