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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-02-28 · 9 (28.2.1913) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
9 (28.2.1913)
Date
1913-02-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 148 Dr. Vlochs Wochenschrift. Sir. 6 spanisch noch sefardisch, sondern „Iudesmo", in eben der Weise, wie wir den Jargon als „jüdisch" bezeichnen. Und noch ein anderes ist hiebei zu erwähnen. Wenn die Spaniolen das Hebräische in ihre Umgangssprache übertragen, seien es biblische oder Lalmudische Terte, oder besonders die hebräischen Gebete, dann nennen sie diese Uebersetzungen in das Spaniolische „Ladino", womit selbstverständlich auf das Lateinische hingewiesen werden soll, das noch auf jene Zeit zurückführt, in der das Spanische — als ein Zweig der lat. Sprache — noch nicht im Volke entwickelt war, sondern Latein als Volkssprache vorherrschte und so von dieser alten Zeit her für Uebersetzungen aus dem Hebräischen die alte Bezeichnung beibehälten worden ist. In der Schrift benützten sie die hebräischen Lettern, selbst für literarische Erzeugnisse, und da die hebräischen Schriftzeichen mit ihrer spanischen Aussprache sich nicht vollkommen deckten, haben sie so manche Punktalionen aus dem Arabischen übernommen, da sie doch unter der vielhundertjährigen Maurenherrschaft sich diese Sprache und Schrift angeeignet hatten. Wie bereits zur Behandlung der jüdischen Gemeinde in Adrianopel erwähnt, waren die jüdischen Ureinwohner der Balkanhalbinsel unter dem Namen der Rumanioten bekannt: ebenso war auch die Rede von den aus Frankreich und aus Ungarn Eingewanderten. Für Saloniki kommen noch ferner in Betracht diejenigen, die aus den italienischen Republiken gekommen waren, besonders aus Genua, Venedig und Ragusa, die von hier aus ihre groben geschäftlichen Unternehmungen ausführten. Als in den Kreuzzügen deutsche Iuden nach dem Balkan kamen, scheinen sie durch den bereits früher erwähnten Aufruf des R. Isak Zarfati in gröberer Menge gekommen zu sein und wurden von den viel später kommenden Sefardim als Tudescos bezeichnet, und in dem mihlichen Verhältnisse, in welchem sie durch ihre verschiedene Art der Tracht, des Benehmens, der Sprache und der ganzen Art und Weise zu einander standen, wurde der Name Tudesc o fast zu einem Schimpfnamen. Ihre Verschiedenheit erstreckte sich auch auf manche rituellen Vorschriften, die zu Streitigkeiten unter den verschiedenen Gelehrten führten, deren vielfache Spuren in den Entscheidungen ihrer zurückgelassenen Responsenbücher erhalten sind. Unter den Häuptern der aschkenasischen Gemeinde in Saloniki ist bHonders hervorragend Rabbi Schimeon Aschkenasi aus Frankfurt — 33exY fasser des bekannten Riesenwerkes „Ialkut Schimeon i", einer Sammlung von Midraschim, die sich auf alle 24 Bücher der h. Schrift erstrecken — und dessen Sohn „Elieser Schimeoni". Dieser war bereits in Saloniki geboren, hatte aber bei den groben deutschen jüdischen Gelehrten sein Wissen bereichert, und trotzdem haben ihn selbst die Sefardim als ihren Hauptrabbiner anerkannt und er wurde von allen Gemeindegruppen gleich hoch geschätzt. Wie aus seiner Grabschrift ersichtlich ist, hat er ein hohes Alter erreicht und starb 1530. Ein Rabbi Benjamin Aschkenasi aus Nürnberg verfabte einen Machsor aschkenasi, der von allen deutsche-jüdischen Gemeinden der Türkei angenommen und mit den dort verzeichnten rituellen! und synagogalen Bräuchen als mahgebend angesehen wurde. Ein Bezalel halevy Aschkenasi war ein Truckereibesitzer in Saloniki, ebenso sein Sohn S a a - d i a, von welcher Familie als besonders interessant hervorzuheben ist, dab sich diese Druckerei in der Familie vererbte und unter den Nachkommen derselben sich noch gegenwärtig ein Saadia halevy in Saloniki befindet, der Besitzer dieser Druckerei ist und sogar ein jüdisches Wochenblatt redigiert und dort erscheinen läbt. Ehe wir zu dem Kern der sefardischen Gemeintden in Saloniki übergehen, ist zu erwähnen, dab weder aus den Slavenreichen, noch aus den arabischen, syrischen, egyptischen und den nordafrikanischen Ländern so viele Iuden nach Saloniki gekommen waren, um besondere Gemeindegruppen bilden zu können. Die Einzelnen, die aus denselben früher oder später hie und da kamen, waren zusammen nie so zahlreich, dab sie sich selbständig organisieren oder behaupten konnten. Erst mit dem Jahre 1492 und in den folgenden Iahren kam der grohe Umschwung, der den Iuden der europäischen Türkei und unter diesen — wenn auch erst in zweiter Reihe —, da es auch darin vor der noch berühmteren Iudengemeinde Konstantinopel zurücktritt, die in einem besonderen Kapitel ihre Besprechung finden soll — der Iudengemeinde Saloniki ihr besonderes und bisher erhaltenes eigenes Gepräge geben sollte. (Fortsetzung folgt.) Ern Kynkeus-Abrrrd in der ToynbeehaUe Adolf Gelber über Lynkeus. Sonntag, den 16. Februar sprach Adolf Gelber in der Toynbeehälle über Iosef Popper—Lynkeus, dessen 75. Geburtstag der ganzen zivilisierten Welt Gelegenheit gab, diesem außerordentlichen Manne ihre Huldigung darzubringen. Der Vortrag, der über fünf Viertelstunden das zahlreiche Publikum in seinem Bann hielt, behandelte die Persönlichkeit Lynkeus und keiner ist wohl so wie Adolf Gelber berufen, über Lynkeus' Schaffen zu urteilen, da ihn jahrelange intime Freundschaft an diesen groben Mann fesselt und symptomatische Züge seines eigenen Schaffens auf ganz ungewöhnliche seelische Beziehungen hindeuten. Aus dem reichen Inhalte des Vortrages, der eine meisterhafte Charakteristik Lynkeus' schuf, sei nur folgendes kurz Wiedergegeben: Was ist die lebendige Kraft in Popper, was der Motor in seiner Seele, der alles schafft? Wenn wir seine eigenartige Phantasie mit der Phantasie anderer Schaffender vergleichen, so kömMen wir auf die Spur dieses schöpferischen Quells. Phantasie läbt sich nicht reglementieren, läht sich nach bestimmten Gesetzen überhaupt nicht' beurteilen. Dessenungeachtet ist sie kein unberechenbares Spiel der Gedanken. Und die Pole, innerhalb deren sie sich bewegt, die lassen sich feststellen. Wir Missen, dab beispielsweise die Bahr'sche Phantasie mit Paradoxen arbeitet und durch die Hinejinziehung von Aktuellem zu interessieren sucht. Dab Gerhart Hauptmann, wenn er heute realistisch war. Morgen zu erinnern trachtet, wie innig er doch dem Goetheschen Stamme angehöre. Auch Schnitzler's Phantasie ist psychologisch determiniert, ob unverhüllt oder in der Maske spricht da die Seele der neuen Wiener Kultur zu uns. Aber die Phantasie dieser Dichter ist n-iemals so ganz Kind aus dem unbekannten Lande, dab sie nicht zu allermeist dazu dienen sollte, deM Dichter selbst ein bunter schimmernder Mantel zu sein, der ihn gut kleidet. Bestimmt, der Schönheit zu dienen, aber auch die Fähigkeiten ihres Dichters zu erweisen, macht sie den Schaffenden in Wahrheit zum Professional der Kunst. Popper's Phantasie ist anders. Sie war nie darum bekümmert, durch den Glanz von Pfauenschönheil zu blenden und dem Dichter Ruf und NaMen einzubringen. Zugleich ist ihr das rein ästhetische Tart pour l’art so fern, wie vielleicht keinem sonst in unserer Zeit.

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