Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 8 (21.2.1913)
- Date
- 1913-02-21
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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ai:. 8 Dr. Mochs Wochenschrift. VrUe 141 „weilen er mit Beben, Zittern, auch gantz stammelter Zunge sprach". Welch triftige Schuldbeweise! Und aus dem jüdischen Friedhofe wurde dann d'e Leiche Simeles exhumiert und der Bericht der Doktoren und Chirurgen, die damals ebenso im Dienste der Jesuiten standen, wie die anderen Wissenschaften, konstatierte einen — Mord. Der Prager Erzbischof Hans Friedrich beschloß, daß der in „steiffem Fürfatz, ein Christ zu werden" von seinem Vater aus „Haß wider unsere Religion" ermordete Knabe, indem er solchermaßen zur Bluttaufe gelangt, (ln prop io LnnK'nino getaufft"). in festlichem Leichenzuge vom Allstädter Rathaus in die Teinkirche getrage t und allda bestattet werde. Demgemäß berichtete die Kommission an die Statthallerei, daß man „aus der rechten Seiten des Tauff-Steins einen sehr bequemen Orth gesunden, in welchem der todte Leichnahm dieses Knabens nach frommer Intention Ihrer Fürst!. Gnaden des Herrn Ertz-Bischoffen (so da ist, daß derselbe in einem säubern inwendig mit rothem Sammt ausgefüttecten Sarg der Orts eingemauert und nachgehends mit einem Epitapliio von Marmel bedeckt werden solle) wird ruhen können." Welchen Braten sich, die Jesuiten aus dieser Leiche machten, zeigen die Berichte über dir Aufbahrung und Bestattung derselben. Da wird erzählt, „wie viele von denen zugeflossenen Adelichen Personen mit vielen Präsenten, als goldenen Ringen und sehr kostbaren Kräntzen diesen Leichnam auszuzieren bemüht gewesen". „Als hat auch Ihre Excel!. die Hochs- und Wohlgeborene Frau Frau Sylvia Catharina, deß Heil. Rom. Reichs Gräfin Schlukin von Passau, geböhrene Gräfin Kinskg von Dettau auf erhaltene Permision von Jhro Fürstl. Gnaden dem Herrn Ertzbischoffen Seeliger zwei kostbare Kleidungen als ein weißes und rothes, reich mit Gold und Silber gewürktes Ober- und Unterk eid (so die rechte Färb der Jungfräulichen Märtyrer zu seyn pflegt) sammt allen übrigen Zugehören an Strumpf und Schuhen von dergleichen Couleur, auch einen sehr kostbaren Krantz auf das Todten-Haupt verehrten und den Leichnam in eigener hoher Person damit gezieret und geschmücket". „Sechzehn auserlesene Jünglinge, alle in rothen Mänteln, mit schönen Kräntzen auf dem Haupt, haben den Sarg unter dem lieblichen Stimmenschall zweierlei Misikanten auf ihre Achseln genommen und der Theynkirche zugetragen." „In dem Zuge sah man auch viele neugetaufte hebräische Knaben im Alter des Tobten, alle mit rothen. taffeten Binden geschmücket." „Auch Sara, seine Freundin, folgte dem Zuge." „Auf dem Allstädler Ring befand sich eine Estrade für die Würdenträger." „Rach vollenden! Heiligen Ammt aber seynd Ihre Hochwürden Herr Weihbischoff in einen weissen Silberreichen Vesper-Mantel in gewöhnlichem Bischöflichen Zierrath zu dem Altar getreten und haben das Collectam gesprochen, bei welchen so feyerlichen Functionen all' das Volk eine überaus große Andacht mit einer Auferbaulichkeit verspühren lassen." Di: Jesuiten hatten damals das böhmische Volk schon tüchtig bearbeitet. Nach diesem Leichenpomp hielt es der Gang des Prozesses in Atem. Auf diesen nahm Sara den größten Einfluß. Sie war gleichsam der „Kronzeuge". Der Bericht sagt, daß sie „aus freien Stücken" als Zeugin ausgetreten, um zu bestätigen, daß Simele in der Tat „ans Begird des Christlichen und Haß des Jüdischen Glaubens erloffen, nachgehends aber wieder zurückgebracht, einige Tage lang eingesperrt und dieses seines Christlichen Willens halber geschlagen, auch, sehr hart gehalten worden seyn." Sie teilte mit, wie Simele, nachdem er aus der Wohnung des Kafka herausgelockt und zurückgeschleppt worden, jämmerlich geschrien habe, „dazu seynd unterschiedlich, viele Juden gelauffen kommen, und gefraget, was das seyn? Als aber der Datier Lazar Abeles geantwortet, daß er davon geloffen und habe wollen ein Christ werden, haben sie gesagt, er solle ihn nur braff schlagen und seynd wieder davon gegangen: der Bub ist über eine Weil in unser Zimmer hinuntergeloffen, und hat sich versteckt. Darauf ist der Vatter auch zu uns in das Zimmer kommen, und ihn wieder hinaufgeschleppt und eingesperrt, auch so lang ich in diesem Hause war nicht aus der Kammer gelassen." Nach der Konfrontation mit Sara, in welcher Lazar Abeles bei seiner Behauptung blieb, daß er den Knaben nicht mißhandelt und niemals über sein väterliches Züchtigungsrecht hinausgegargm, wurde ec. wie schon mehreremal, wieder auf die Folter gespannt. Des Morgens darauf fand der Gefängniswärter Lazar Abeles in seiner Zelle, „hart an der Uhr de- Rathauses in dem Thurm", tot. In den Akten heißt es. daß er sich mit einem assenen Bande, welches die Juden damals als Umgürtung trugen, erwürgte, und dem Teufel anhermgefallen fei. Wahrscheinlich ist er aber in derselben Nacht den Qualen der Folter erlegen. (Schlutz folgt.) Mrraktr. Die Kunst im Cisenstädter Ghetto. Ein Ausspruch des Gr. Stephan Szechenyi lautet: „ln seiner Sprache lebt ein Volk“. Auch in seiner Wissenschaft und Kunst lebt der Geist eines Volkes. Leider läßt sich diese Wahrheit hinsichtlich des Judentums in bezug auf die Kunst nicht behaupten. In der Wissenschaft hat das Judentum seine Genialität bewährt; auf dem Gebiete der Kunst stand es ganz abseits. Die großen Kunstepochen fanden das Judentum im tiefsten Elend; die glänzende Zeit der Renaissance ging an ihm spurlos vorüber; Geist und Herz blieben unberührt von dem Zauber, welchen die Kunst ausübt. Dies gilt auch von den der Renaissance folgenden späteren Jahrhunderten. Ein berühmter Schriftsteller schildert diese Zeit in ergreifenden Worten: »Der Widerschein der verruchtesten Flammen der Scheiterhaufen, unzähliger niedergebrannter menschlicher Wohnstätten umflackerte zunächst diese Kinder der Welt des ewigen Lichtes, und Jahrhunderte bedurfte es, bis es ihnen vergönnt war, friedlichen Geschlechtern aller Lande von ihrer Heimatwelt zu zeugen.“ Erst in neuerer Zeit, als der Flügelschlag der Freiheit die Seele unseres Volkes berührte und jene grausame Kultur des Mittelalters, der sich auch die Kunst unterordnete, im Erlöschen begriflen war, hat das Judentum die lichten Gefilde der Kunst beschritten, und wenn auch aus jenen traurigen Zeiten keine großen Kunstschöpfungen zu uns sprechen, so zeugen einzelne Produkte der Kleinkunst, welche aus früheren Zeiten stammen, von der künstlerischen Begabung der Juden. Die noch erhaltenen Ueberreste ans Tageslicht zu fördern, ist ein Verdienst, das nicht hoch genug zu bewerten ist. Und wenn das Ghetto auch nur dem Forscher und Denker eine Heimstätte zu bieten schien, da in demselben die wichtigsten Elemente der Kunst, wie Licht und Wärme, ja selbst die Freude an der Katur, dem gepreßten Gemüte fehlten, so kann man doch mit allem Fug behaupten, „daß der Jude jederzeit Sinn für Kunst und Kunstgewerbe hatte und daß dieser Sinn selbst in der dumpfen Luft des Ghettos schöne Früchte zeitigte.< Zeugnis dafür ist eine Schrift, welche die Kunst im Eisenstädter Ghetto zum Gegenstand der Betrachtung gewählt, und deren Verfasser, ein Privatmann, doch ein feinsinniger Kenner und opferfähiger Förderer der jüdischen Kunst, Herr Sändor Wolf in Kismarton ist. In prächtigen Illustrationen und gediegenen Erläuterungen führt uns der Verfasser alle jene Kunstobjekte vor, welche im Eisenstädter Ghetto zu finden sind. Er entwirft in gedrängter Kürze ein Bild von den kostbaren Geräten, welche in den Wohnhäusern und beiden Tempeln, deren einer der Wertheimer Tempel ist, von den kostbaren Paurochet, Thoraschmuck, kunstvollen Grabstätten, deren Wert in die Tausende geht, zumeist Spenden Eisenstädter Bürger, zu finden sind. „Wenn es auch,“ sagt der Verfasser, „aus verschiedenen Gründen, mit Ausnahme der maurisch-jüdischen Kunst in Spanien, seit dem Beginn der Diaspora kaum eine