Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-02-21 · 8 (21.2.1913) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
8 (21.2.1913)
Date
1913-02-21
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/3020846-3022035-3022044--21903-3047021
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 8 Gelte 140 wurden. Die Lokalitäten waren bis auf das letzte Plätzchen gefüllt und vereinigten sämtliche Schichten der hiesigen jüdischen Bevölkerung, welche die Darbietungen mit lobender Anerkennung begleitete. Der vor ungefähr einem halben Jahre ins Leben gerufene Gesangsverein, dessen Gründung der beharrlichen Tätigkeit seines Obmannsstellvertreters Herrn Leopold Schindler zu danken ist, hat sich zur Aufgabe gestellt, in der Judenschast, besonders aber in der Jugend, das Interesse für Musik und Gesang zu wecken und zu pflegen und gleichzeitig die Geselligkeit der Ung.- Broder Judengemeinde zu fördern. Eme Gedenktafel auf der Londoner Residenz Benjamin D'ZsvaM's. Die Grafschaft von London hat beschlossen, an dem Wohnhause D'Israeli's in London in der Parklane, nachdem der gegenwärtige Besitzer, der Herzog von Westummster, hiezu seine Einwilligung gegeben hat, eine Gedenktafel anzubringen, deren feierliche Enthüllung demnächst stattfinden soll. Feuilleton. Aus gut«! alter Zeit. (Eine historische Erzählung.) (Fortsetzung.) Kaum graute der Morgen, sprang Simele aus dem Fenster der Kammer, wo sein Bett stand, in den Hof, wartete da, bis Sara sich zeigte, und nachdem er ihr kurz von seiner Züchtigung erzählt hatte, fragte er sie im Tone vollster Enhchlossenheit, wo ihr getaufter Onkel Kafka wohne? tk Adresse dieses vor sich härmurmelnd, eilte er aus dem Hause, in das er nie mehlr zurückzukehren gef dachte, in die Wohnung Kafka's, der eine Art „Judenfänger" bei den Jesuiten machte und für jede Seele seine Provision erhielt. „Herr, ich will mW taufen lassen, fuhrt mich zu den Jesuiten!" sagte der Knabe, und der getaufte Jude lietz sich das nicht zweimal sagen, und führte SimeL ins ClementinuM. Der Rektor P. Andreas Müntzer rief sofort die Patres zusammen, undi im Konsilium kamen sie überein, den Knaben bis zum feierlichen Akt der Taufe, die untergrobem Gepränge stattfinden sollte, dem Kafka zur Obhüt zu übergeben. Simxle hielt sich nun bei dem getauften Juden auf, wo er alle Reize des Christentums gegenüber der asketischen Strenge und Genügsamkeit im jüdischen Hause kennen lernte. Eines Tages kam die Magd des Kafka und raunte Simele ins Ohr, Sara erwarte ihü unten. Der Knabe eilte hinab und sah W seinem Schrecken anstatt seiner Freundin, seinen Vater mit dessen Freund Lob Kurtzhandel, die ihn schnell fahlen und ungeachtet seines Schreiens entführten. Der getaufte Jude hätte schwere Vorwürfe von den Jesuiten zu hören bekommen, aber den Knaben wieder gewaltsam aus dem Hause seines Vaters in den Schob der Kirche zu führen, vermochten sie nich-t. Für Simele kamen nun wieder schwere Zeiten. Er mutzte täglich beten, die Philacterien anlegen, lernen, und wenn er es nicht tat, wurde er mit dem Essen bestraft. Aus dem Haufe durfte er keinen Schritt machen. Sara bekam er auch nich,1 mehr zu seh!en, die hatte indetz Unterkunft bei ihrem Onkel gefunden und die Taufe angenommen. In den verwickelten und verschlungenen Pfaden des Einzeldaseins wie der Völkergeschicke spielt oft jenes Fatum, welches man „Zufall" nennt, eine verhängniÄvolle Rolle. Er wollte es haben, dah der Knabe Simele plötzlich einer schweren Krankheit verfiel und einen raschen Tod fand. Simele war das Verhängnis der Familie Abeles. Der Gram über fein Dafein hatte seiner Mütter das Herz gebrochen, fein Tod wurde zur Katastrophe für die gesamte Familie. Am 25. Februar 1694 lies bei der böhmischen Statthaltere i folgende anonyme Anzeige ein: „Demnach in den Rechten heylsamlich versehen, datz dem Übel in alle Weise vorzukommdn, das Böse zeitlich gesteuret und die menschliche Uebertretung durch fleissige Nachforsch-, Vermuth- und Anzeigungen offenbar und ans Tagliecht gebracht werden sollen. Nun aber kund und unwidersprechlich war, datz ein Jüdischer Knab, Simon Abeles benahmset, seines Alters ohngefehr 12 bis 13. Iaht, sich tauffen lassen wollen, und dahero sich, verwichenen 1693sten Jahres im Monat Septembri bei dem Wohl-Ehrwürdigen P. Andrea Müntzer Soc. Jesu Collegii, allhier zu Prag bei S. Clemens Rectore derenthalben angegeben, und in Gegenwart noch etlicher andern Patrum als P. Guilielmi Dworski, P. Johannis Eder und Patris Johannis Capeta eyferigst gebethen, im Christlichen Catholischen Glauben unterwiesen zu werden und damit auch diesem seinem billigen Begehren ein Genügen geschehen möchte, man für rathsam erachtet, ihüe Simones besserer Sicherheit willen, dem Frantz Kawka (als welcher vom Judentum abgesfallen und sich zum Heiligen Tauff bequemet hätte, auch würklich unter den Christen schon dazumalen, nemlich im Bürgerlichen Haus des Danielis Benekamp auff der königl. Alten Statt Prag wohnhafft wäre) auff etliche wenige Tage zu verwahren und anzuvertrauen: worzu er Kawka sich auch, ganz willfährig erzeigt, mit Versprechen, selbigen Knaben jedrsMal. auff Begehren, in das Collegium zu liefern: entzwischen sich aber gleichwählen ereignet, datz den andern oder dritten Tag darauff in Abwesenheit des Frantzen Kawka dieser Küab Simon (Zweiffellos ohne autz Anstalt des Lazari Abeles seines Vatters) durch die Christin Barbaram, so bey mehrgemeldetem Kawka in Diensten Ware, listiglich autz obgedachter Wohnung heraus practicirt und bey "der Hand denen ihüre draußen vor der Thür schon aufpassenden Juden überantwortet worden, die in eylends über der Gassen gegen S. Agnes her Juden-Statt zugeführt, ohngeachchet der Knab sich, hefftig gewe'gat, und hin und wieder um einige Hülff sich vergebens umgeschauet, wie dessen ein augenscheinlicher Zeuge ßst Wentzel, König, nechster Nachbar obberührten Danielis Benekaps, autz welchem Haus er Simon entführet worden ist, welcher dieses alles, nicht ohne Verwunderung autz dem Fenster oben hierauf schauend wahrgenom)- men, und auch diesen Juden, was sie fü,r Gewalt an dem armen Knaben verübelen, ernstlich zugeschrien, aber umsonst: müssen sie sich eylfertig aus denk Staube gemacht und, wie gemeldt, der Juden-Statt mit selbem zugeeylet, allwo sie ihn so lange verborgen gehalten, vorgebende, datz er schon anderswohin ausser der Statt Prag verschickt worden seye, bitz er endlich,, wie anjetzo zu vernehmen, am nechst-verwiechenen Sonntag QuiM guagesimae mit.Gifft iM Wein unerbärmlich hingerichtet und durch den Juden Jeruchen nebst Hirsche! Kesseles Krankenwärter (welche der Wolfs Schmeiles berufen und auff des Lazari Abeles begehren hierzu bestellt) heimlich ohne gewöhnliche Autzschreyung begraben worden. Uber welch grausam verübte Mordthat ohne Matzgebung die Gerichtliche Inquisition konte vorgenoMmen werden." Daraufhin wurde Lazar Abeles, seine Frau, Löb Kurtzhandel und noch viele andere in Haft genommen. Von ersterem bemerken die Akten,*) datz „Frons occuli vultus gleich in prima inquisition^ praeleminari bei diesem Juden einen sehr üblen Verdacht machten" und *) Processus Inquisitarius ex wider beyde Prager Juden Lazar Abeles und Löbl Kurtzhandel wegen des o6io Christianae fidei von ihnen ermordeten Jüdischen Knabens Simon Abeles rc. Prag bei Caspar -Zacharias Wussin, Buchhändlern, 1728.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.