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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-02-21 · 8 (21.2.1913) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
8 (21.2.1913)
Date
1913-02-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 134 Dr. Vlvchs Wochenschrift. Nr. 8 der Aborte die Hände zu waschen, um die Verbreitung der Mikrobe auf die Nahrungsmittel, das Geschirr, die Milch usw. zu vermeiden. Wenn alle Franzosen sich! beim Verlassen der Aborte die Hände waschen würden, würde diese Krankheit und viele anderen, die Dissen-; terie und die Cholera z. B.. die im Darm ihren Nährboden finden, aus Frankreich verschwinden." Er empfiehlt dann, daß eine deratige Verordnung den Kindern der Volksschulen, den Leuten in den Kasernen und auf den Kriegsschiffen eingeprägt werde. — Bekanntlich ist diese Vorschrift, sich beim Verlassen des Aborts die Hände zu waschen, uralt, und unser Schulchan Aruch enthalt ein besonderes Kapitel mit der Ueberschrift: „Das Waschen der Hände". Der Jude auf dem Theater. Im Frankfurter Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach dieser Tage Dr. S. Simchowitz, Dramaturg der Vereinigten Stadttheater in Köln, über das Thema: „Der Jude auf dem Theater". — So wie nach Shakespeare das Schauspiel bezweckt, einen Abdruck der Gestalt des Jahrhunderts zu geben, so wie nach Schiller die Bretter die Welt bedeuten, führte der Vortragende aus, so stellt das Theater nicht nur eine künstlerische, sondern eine kulturelle Angelegenheit in des Wortes höchstem Sinne dar. Es spiegelt das Geistesleben der Menschheit, und so bedeutet es die Welt. Die Stellung des Juden innerhalb dieses Geisteslebens ist eng verknüpft mit der Geschichte des Theaters, denn, wie Dingelstedt einmal richtig sagte: „So? lange es ein Theater gibt, hat es Juden auf dem Theater gegeben." Bereits im griechischen Drama finden sich Spuren des Auftretens von Juden, so in einem hellenistischen Fragment, das das Schicksal des Moses behandelt., Im Theater des Mittelalters bat sich infolge der veränderten Zeitanschauung auch die Stellung des Juden auf der Bühne verändert. Er ist in den Passionsspielen ein Gegenstand des Abscheues, in den Schwänken die Zielscheibe des Hohnes und Spottes geworden. So bleibt es jahrhundertelang. Die neuere Zeit steht anfangs dem Sohne Israels nicht minder feindselig gegenüber. Bei Shakespeares Vorläufer Ehristopher Marlowe herrscht zwar noch das Bestreben vor, den Juden als Monstrum zu zeichnen (in dem „Juden von Malta", dessen Vorbild Don Josef, Herzog von Naros, war), doch sind bereits Ansätze zu dichterischer und objektiver Gestaltung vorhanden;. Shakespeare zeigt nun wohl gleichfalls, daß er ein Kind seiner Zeit und deren Anschauungen ist, insofern als er im Drama Shylocks den der Handlung zugrunde liegenden Vor? gang einfach umkehrt, um den Juden als Abscheu erregend^ Person hinzustellen. Aber unter der Hand verändert sich dem Dichter das Problem, und Shylock wird zum Gegenstand des Mitleides, wird ein Typus, ein Symbol des Unterdrückten. Im 17. Jahrhunderte erscheint dann der Jude seltener auf der Bühne. Racine hat wohl in „Esther" und „Athalia" biblische Charaktere behandelt, aber ihnen nicht das spezifisch Jüdische zu geben vermocht. Erst im 18. Jahrhundert beginnt der Jude wieder eine Rolle in der Bühnenliteratur zu spielen. Der Humanitätsgedanke setzt ein. Bereits als Zwanzigjähriger hat Lessing mit größtem Scharfblick die prekäre Lage des Juden erkannt und sie in dem Stück „Die Juden" (1749) zum Ausdruck gebracht; ein Wagnis für die damalige Zeit, Freilich bildet dieses Stück nur eine Art Vorspiel zum „Nathan". In dieser Dichtung hat Lessing mit stärkster dichterischer Kraft und tiefster philosophischer Einsicht ein Bild des Judentums selber gegeben — des Juden, der ganz allein steht, im Leid groß und stark geworden, sich seiner geistigen Kraft bewußt ist und nun, nach dem Verlust der alten Familie, sich eine neue, aber aus rein geistiger Grundlage schafft. Lessing ist mit seinen Anschauungen allerdings seiner und vielleicht auch noch unserer Zeit weit vorausgeeilt. Den Humanitätsgedanken gegenüber dem Juden vertreten dann im 18. Jahrhundert: in Frankreich Mirabeau und Gregoire, in Deutschland Dohm, in England Cumberland, dessen Drama „Der Jude" mit größtem Erfolg, auch im Ausland, gegeben wird. Im 19. Jahrhundert bringen die Jahre 1815 bis 20 eine Reaktion, besonders in Deutschland setzt eine starke judenfeindliche Bewegung ein. In der Posse „Unser Verkehr" wird der gebildete Jude lächerlich gemacht, auch wird das „Mauscheln" in die Literatur eingeführt. Erst in den 30er Jahren beginnt eine objektivere Bewertung des Juden. Man beschäftigt sich eifrig' mit jüdischer Geschichte und Literatur und der künstlerischen Darstellung des jüdischen Elements (Bendemanns Gemälde, Halevys und Marsch? ners Opern). Von deutschen Dichtern behandelt dann Grillparzer das jüdische Problem in dem Fragment „Esther" und der „Jüdin von Toledo", freilich im Sinne einer Rückkehr zu den mittelalterlichen, feindseligen Anschauungen. Weitaus eindringender und mit großer dichterischer Kraft saßt Hebbel das Problem, wein Schauspiel „Die Juden" atmet den echt jüdischen Geist der Psalmen und Propheten. .Ueberhaupt hat ihn die Geschichte des Judenvolkes sein Leben lang beschäftigt. Auch Otto Ludwig hat in seinen „Makkabäern" gezeigt, daß er den Geist des Judentums begriffen hat. Dagegen kann Eutzkow's „Uriel Acosta" nicht als ein den spezifisch jüdischen Geist repräsentierendes Stück angesehen werden, nur in Einzelheiten ist hier ein Blick in die Seele des Juden getan, insbesondere den „Juden aus Ehrgefühl" hat Gutzkow gut gekennzeichnet. Alle diese Dramen nun sind von Nichtjuden geschrieben. Erst im Jahre 1850 erscheint ein Jude als Verfasser eine Stückes, das das Judenproblem behandelt: Mosenthal, dessen Schauspiel „Deborah" die damals zeitbewegende Idee der Mischehe zum Gegenstand hat. Nach einigen Jahrzehnten erst, in denen das Problem ein »nli me tangere? geworden war, tritt der Jude wieder im Theaterstück auf. Es sind besonders die Zionisten, die gegen die neu erwachte antisemitische Bewegung ankämpfend, mutig die Idee des Judentums in ihren Dramen — die als solche freilich mangelhaft sind — zum Ausdruck bringen. (Herzl: „Das neue Ghetto", Nordau: „Doktor Kohn" u. a.). Von nun an behandeln fast ausschließlich Juden das jüdische Problem im Drama; nur die Art ist eine andere geworden. Der Jude als psychologisches Problem wird gezeigt, seine Stellung zur Umwelt, das Aufeinanderwirken von jüdischer und nichtjüdischer Weltanschauung wird psy? chologisch beleuchtet und vertieft. (Dramen von Heijermanns, Asch, Nathansen usw., auch die „Fünf Frankfurter", diese Verkörperung der „Poesie der Klugheit", gehören hierzu). Aber die Verfasser dieser modernen Stücke sind der Größe und Bedeutung des Problems nicht gewachsen. Noch fehlt der Dichter, der, ähnlich wie Lessing das Kulturelle, heut das Psychologische des Juventums begriffen und in dichterische Formen gegossen hat. A. B. Der neue Oberrabbiner von London. Aus London wird uns, mitgeteilt: Dr. Hertz wurde zum Chefrabbiner von England gewählt. Zur Wahl des neuen Oberrabbiners trafen etwa hundert Delegierte aus allen Teilen des englischen Weltreiches zusammen. Den Vorsitz führte Lord Rothschild. Dr. Hermann Hertz ist im Jahre 1872 in Rebrin in Ungarn geboren. Sein Vater, der einst die Rabbinerschule in Eisenstadt besuchte^ lebt seit mehr als 40 JaMen in New-Dork, wo er sich vieler Sympathien erfreut. Zwei seiner Töchter wirken als Lehrerinnen an den Stadtschulen von New- York. Hertz wurde von 56 der Abgesandten, die eine Stimmenzahl von 298 repräsentierten, gewählt. Aus den zweiten Kandidaten, Hyamson, entfielen 92 Stimmen, die von 27 Abgesandten abgegeben wurden. Dr. Hertz, der zurzeit in New-Dork (als Rabbiner einer streng orthodoren Gemeinde, die kein Mitglied ausnimmt, welches Samstag ein Komptoir öffnet) tätig ist, wurde durch ein Kabeltelegramm von seiner Wahl verständigt. Der neue Rabbiner ist ein hervorragender Theologe. Von seinen Werken sind zu nennen: „Das ethische System des Martineau" und „Vachya, ein jüdischer Thomas a Kempis". Hertz war längere Zeit jüdischer Seelsorger in Südafrika, und es ist noch in lebhafter Erinnerung, daß Präsident Krüger ihn beim Ausbruch des Krieges wegen seiner englischen Sympathien aus dem Lande verwies.;; 1 i Abschaffung des „roten Zettels" in Palästina. Aus Konstantinopel wird der „N. I. K." geschrieben: Der Erotzrabbiner Haim NahüM erhielt von der neuen Regierung die formelle Zusicherung, daß die Einrichtung.des sogenannten „roten Zettels", der den ausländischen Juden bisher bei ihrer Landung in Syrien von den Hafenbehörden überreicht wurde und der den Zweck hat, die Dauer ihres Aufenthaltes im Lande auf drei Monate zu beschränken, in dem neuen Plan für die Verwaltung der syrischen Vilajets nicht mehr vorgesehen ist. Ebenso sind in dem neuen Entwurf die gegenwärtig in Palästina bestehenden Beschränkungen betreffs des Vodenerwerbs der ausländischen Juden fallen gelassen worden.

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