Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 8 (21.2.1913)
- Date
- 1913-02-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. & Seite 132 Dl. Blochs Im Jahre 1900 erschien das Trauerspiel „Schloß Arnheim", 1902 „Lukas und Kreszenz". Und in den letzten Jahren entwarf Stern ein Drama, dessen Stofs das Schicksal der Beatrice Cenci bildet und, soviel sich weiß, sich in seinem Nachlaß ziemlich vollständig ausgearbeitet befindet. Ich kenne nur das Thema einer Szene daraus, aber schon diese eine Szene — eine geschäftliche Unterredung des Kardinal-Staatssekretärs mit einem Juden — machte auf mich den Eindruck. des wahrhaft Genialen; ich muß sehr oft an sie denken und bedauerte immer, daß es nicht wenigstens zu einer Aufführung dieser einen Szene gekommen ist. Alle, die Sterns Stücke lasen, anerkennen in ihnen vor allem die wahrhaft daramatische Kraft, das volle Leben, das starke Temperament, die unerbittliche Tragik, di» stimmungsvollen Situationen sowie die mitunter treffende Charakterzeichnung. Und dazu möchte ich noch eine Leistung besonderer Art hervorheben, die nicht jeder Dramatiker trifft: die in seinen Meisten Dramen'enthaltenen großen Szenen oder Situationen, in denen gleichsam der Dämon des tragischen Stoffes in seiner ganzen Größe und Kraft, wie aus einem Brennpunkt hervorschaut, so daß es einem scheint, diese eine Szene ge-' nüge bereits, um alles klar zu machen. Ichmeine hier jenes Detail der Tragödie, das Francisque Sarcey so b^eichnend die Szene a faire nannte. Solche Szenen finden sich im „Valentin", im „Kronenhaus", im „Calas" und nicht minder in dem nachgelassenen Roman „Viktoria", der den vollen Eindruck des bewegtesten Dramas macht. Trotz aller dieser Vorzüge wurden Sterns Dramen der Reihe nach und von einer Theaterleitung nachj der anderen zurückgewiesen. Hieraus zu schließen, diese Dramen seien schlecht und Stern kein Dichter, wäre schon darum unrichtig, weil es in der Abschätzung von Werken der Literatur.und Kunst überhaupt kein abschließendes Urteil, keinen objektiv gültigen Maßstab gibt. Daß dem so sei. weiß nur der nicht, der weder die Literatur der ästhetischen Theorien kennt, noch die seit jeher und tagtäglich erscheinenden kritischen Urteile miteinander verglichen und ihre Unvereinbarkeit, ihre gegenseitigen Widersprüche beobachtet hat. Zum Schlüsse gibt Popper-Lynkeus Anregungen, wie die Dramen Sterns, .deren Sprache mitunter holperig und unmodern ist, modernisiert und aufführungsfähig gemacht werden könnten. Sein „Calas" zum Beispiel könnte ganz gut etwa von der „Freien Volksbühne" aufgeführt werden und dürfte bei dem Stammpublikum dieses Theaters begeisterte Aufnahme finden. Es steht also wirklich in der Macht der Theaterleitungen, einen unbekannten dramatischen Dichter in die Literatur einzuführen und so die Bühne zu bereichern. Es gilt, einen seltenen Schatz zu heben! §tt eigener Sache Wir haben vor einigen Monaten bei Rowohlt in Leipzig eine Anthologie „Jüdische Sprichwörter" erscheinen lassen und im Vorwort als Quellen die Sammlungen von Jg. Bernstein, M. Blaß und Tändlau angegeben. Den Hauptteil hat Herr Blumenthal auf seinen vielfachen Wanderungen und Studienfahrten in Galizien gesammelt, und zwar stammen die markantesten Sprichwörter aus dem Munde jüdischer Landstreicher, Borysläwer, Leppwäscher und Kleinhändler aus dem Lemberger Judenviertel. Zu unserm Erstaunen erfahren wir, daß wir durch Herausgabe dieses Buches uns eines Plagiats schuldig gemacht haben. Und zwtar begangen an dem geistig:n Wochenschrift. Eigentum Benjamin Segels, der in der Februar-Nummer von „Ost und West" vorzutäuschen sucht, daß er der Autor dieser .Sprüche fei. Dieser Herr versteigt sich dort zu der Behauptung, daß f a st alle unsere Sprüche seiner in „Ost und West" erschienenen Serie entnommen seien. Eine Erwiderung, um die „Ost und West" Herrn Dr. Landsberger anging, wurde verstümmelt. Aber damit nicht genug, zog die übereifrig um Herrn Seg ü bemühte Redaktion gegen diese entstellte Erwiderung vom Leder und — schloß die Diskussion. Das hindert sie aber nicht, zu versichern: „Getreu unserem Grundssatze, allen Parteien die vollste Redefreiheit zu gewähren." — Wahrhaftig! Difficile est, satiram non scribere. In dieser Erwiderung werden einige Sprichwörter in unserer und in Segels 'Fassung einander gegenüber gestellt. Und dabei offenbarie sich dem Propheten Segel das Wunderbare! Es zeigte sich nämlich, baß die gleichen Sprüche, obgleich sie das einemal von Blumenthal, das anderemal von Segel übersetzt wurden, einander ähnelten! Und daraufhin erhob man dreist den Vorwurf des Plagiats! Man sieht, wie hoch Herausgeber und Redakteure von „Ost und West" die Intelligenz ihrer Leser einschätzen. Herr Blumenthal hat sich, um ein für alleMal neuen Täuschung sv ersuchen vorzubeugen, die Mühe genommen, nochmals die Quellen zu obigen Sprichwörtern hervorzusuchen. 1. Wenn der Arme ein Huhn ißt — ist er krank oder das Huhn. „Jüd. Sprichwörter" von Jg. Bernstein, Seite 22. 2. Der Arme hat drei Hoffnungen: entweder wird er so reich sein wie sein Nachbar, oder sein Nachbar wird so arm werden wie er, oder sie werden beide Hungers sterben. - -. „Jüd. Sprichwörter" von Jg. Bernstein, Seite 22. 3. Wenn ein Geizhals leichtsinnig wird, ißt er zur Suppe Torte. (Bei diesem Sprichwort leistet sich Segel folgendes Uebersetzerstückchen: Er übersetzt „Borscht mit Lekech" (Lebkachen) mit „Grütze und Graupen"! „Jüd. Sprichwörter" von- Jg. Bernstein, Seite 230. 4. Zum Traualtar läßt man sich führen, zur Scheidung läuft man selbst. „Jüd. Sprichwörter" von Jg, Bernstein, Seite 65. 5. Eine Mutter mutz eine große Schürze haben, um die Sünden ihrer Kinder verdecken zu können. „Jüd. Sprichwörter" von Jg. Bernstein, Seite 152. Daraus geht hervor, daß obige Sprichwörter, an Hand deren man uns des Plagiats zu überführen suchte, nicht aus „Ost und West", sondern aus einer im Jargon erschienenen Sammlung, die wir ordnungsgemäß als Quelle nannten, entnommen sind. Wie wahrhaftige und vorurteilslose Menschen über unser Sprichwörterbuchdenken, beweist, außer zahlreichen Kritiken der jüdischen Presse, ein an uns ge-, richteter Brief des Sohnes von Ignatz Bernstein. Dieser, gewiß berufen, in dieser Angelegenheit ein Urteil abzugeben, sagt in seinem Briefe, daß unsere Publikation ihn zu Dank verpflichte, und daß er 'Freude darüber empfunden habe. Der wahre Grund für die von Herrn Segel geführte — und wie,geführte — Kampagne aber ist der: Segel sammelt seit' Jahren, wie Blumenthal auch, jü-