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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-02-21 · 8 (21.2.1913) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
8 (21.2.1913)
Date
1913-02-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 8 Dr. Blochs Wochenschrift Sette 131 sich aufnahm, aus Deutschland, Italien, Spanien und Portugal, und dieser Mission als Zufluchtsstätte der Iudenheit ist sie auch in der Gegenwart treu geblieben. Mit Recht haben schon die groben Rabbiner der fernen Vergangenheit diese Gemeinde als -l 1 wo-em b ej i s r o e i~, d. h. als die Mutt er stad t Israels, bezeichnet; nicht nur deshalb, weil ihre Zahl immer eine beträchtliche war, auch nicht nur aus dem Grunde, weil in ihr ein kräftiges indisches Leben pulsierte, sondern hauptsächlich deshalb, weil sie gleich einer Mutter immer die Wandernden heimatlosen jüdi.chen Kinder mit offenen, liebevollen Armen bei sich aufnahm. Wenn es eine Stadt - außer Ierusalem — in der Welt gibt, die den Ehrennamen einer jüdischen Mutiergemeinde verdient, ist es gewiß in erster Reihe — Saloniki. Schon der jüdische Dichter und Historiker Samuel U s q u e, in seinem Buche ,.1'onsolaeao es mbulacoes de Israel", in welchem er den Vertriebenen aus Spanien und Portugal durch geschichtliche Rückerinnerungen ünd Daten Trost zusprechen will, nennt diese Stadt „eine Mutter der Iudenheit, gefestigt auf dem tiefen Grunde des Gesetzes" - „wie man sie gegenwärtig auf dem ganzen Erdenrunde nicht findet" — „in ihr hat sich der größte Teil der verfolgten und verbannten Söhne aus Europa und anderen Teilen der Erde gesammelt, und sie nimmt sie mit Liebe und Herzlichkeit auf, wie wenn sie unsere allehrwürdige Mutter Jerusalem wäre". - Der Ausspruck) des Patriarchen Jakob (I. B. M. Kap. XXXII, V. 9) „wenn nun Esau kommt zu dem einen Lager und schlägt es, so soll das übrige Lager eine Zuflucht finden," wurde schon in der Geonimzeit 1600—1040) im Midrasch rabbah z. St. dahin mit den Worten gedeutet: „Mit dem einen Lager sind unsere Brüder, die im Süden wohnen, gemeint; mit dem a n d e r n Läger diejenigen, die im G a l u 1 h leben." Eine Erklärung, deren Hauptgedanke präzis durch die selbsterlebten Erfahrungen der Mischen Geschichte von folgenden zweien groben Männern der Judenheit, wie zur Beruhigung für alle kommenden Zeiten, dargestellt wird. Von N a ch m a n i d e s (1194—1270) in seinem Kommentar zur Bibel. Er sagt: „So ein König über unser Vermögen oder über unser Leben in seinem Lande Böses beschließt, findet sich zur selben Zeit auch immer ein König in einem anderen Lande, der sich unser er?- barmt und die Flüchtenden aufnimmt: dieser Bibelabschnitt ist eine (prophetische) Andeutung für kommende Geschlechter." — Ebenso B achja ben Ascher, Rabbiner zu Saragossa, der 1291 seinen Kommentar zur Thora vollendete — in jüdischen Kreisen unter der vulgären Bezeichnung als „Vechaje" bekannt — den vorher ausgeführten GedankeNgang fast mit denselben einfachen herzergreifenden Worten betonend. Das Spiegelbild dieser beruhigenden Auffassung, die Israel bei den unerträglichen, in der Geschichte unvergleichlichen Verationen durch seine feindlichen Widersacher, Trost und Ermutigung spenden sollte, hat sich nun durch eine Reihe von Jahrhunderten in den Iudengemeinden unter osmanischer Herrschaft in der gefährlichsten Zeit der einzig dastehenden jüdischen Auswanderung aus Spanien gezeigt, und in der Ruhmeshalle jener Gemeinden, die den bedauernswerten heimatlosen Flüchtlingen eine neue Ruhestätte boten, war und blieb die verdienstvollste und hervorragendste — die Judengemeinde Saloniki. (Fortsetzung folgt.) Meder den eben verstorbenen Wiener Dichter Diktor Ktern. In der letzten Sonntagsnummer der „Reuen Freien Presse" veröffentlicht Josef Popper-Lynkeus einen interessanten Aufsatz über den vor einigen Tagen verstorbenen Dichter Leopold Stern, der bekannrlich ein Bruder des Präsidenten der Wiener isr. Kultusghmeinde, Dr. Alfred Stern, war. Wir entnehmen dem Aufsätze die folgenden Daten: Rur wenige Menschen wissen, dab ein Dichter na-, mens Viktor Stern existierte und sein ganzes Leben in Wien verbracht hat. Und doch bezeugen es viele Tatsachen, datz, trotz des Fehlens alles äußeren Erfolges, Sterns Dramen von so manchen sehr bedeuten^ den und achtungswerten Persönlichkeiten, von Schriftstellern, Theaterdirektoren, Dramaturgen wie von sogenannten Laien in Theaterangelegenhellen als in vieler Beziehung hervorstechende Werke angesehen wurden. Schon an dem achtzehnjährigen Stern, der Friedrich Hebbel einzelne Szenen zu projektierten Dramen zeigte, erkannte dieser als Dichter wie als Krittler gleich starke Mann bedeutendes Talent, wenn auch neben manchem Unausgeborenen und Seltsamen. Das erste Drama, das Stern im Jahre 1868, im Alter von einundldreitzig Jahren, publizierte, war das Volksstück „Valentin", das noch heute so viele Leser entzückt, obwohl es, ganz unmodern, sich in den einfachsten Verhältnissen bewegt, frei von allem überflüssigen, sei es noch so geistreichen, tiefsinnigen oder gelehrten Beiwerk und auch ganz frei von autzerdramatischen Anspielungen ist. Für die Wärme, mit der dieses Stück konzipiert wurde und die sich auch dem Leser mitteilt, spricht am besten das Wort, das Leopold Kompert damals zu Stern sprach: „So schreibt man eben, wenn man jung ist!" Aufgeführt, denke ich mir, mutz der „Valentin" in einem auch nur halbwegs empfänglichen Milieu prächtig wirken. Im Jahre 1872 erschien das vielleicht bedeutendste Drama Sterns: „Das Kronenhaus". Wie dieses Werk schon beim blotzen Lesen wirkt, mag die Tatsache zeigen, datz einer unserer bedeutendsten Gelehrten und Denker, dem ich vor Jahren das „Kronenhaus" zum Lesen brachte, mir schon am nächsten Tage mitteilte, es habe ihn so gespannt, datz er die Lektüre, die er abends begann, nicht unterbrechen konnte und die ganze Nacht bis zum Ende des Dramas fortlas. Ein seinerzeit in Wien sehr geschätzter und hochgebildeter Schriftsteller und Kritiker, der Stern gar nicht kannte, veröffentlichte in der damaligen „Deutschen Zeitung" eine begeisterte Besprechung, in der er Sterns Stück über die Anzeugrubers erhob und sogar die tragische Kraft darin mit jener der Sophokleischen Dramen verglich. „Calas" war das nächste Drama, das Stern 1889 publizierte; es behandelt den kulturhistorisch so bedeutungsvollen Fall Calas aus dem achtzehnten Jahrhundert und ist das einzige Stück, in dem Stern große politische und religiöse Themen, aber in ganz objektiver und tendenzloser Art, in das Drama hineinverflocht. Bei einer öffentlichen Vorlesung in Wien erregte dieses Werk einen Sturm von Beifall und der Dichter hoffte daher, datz sein „Calas". zumal zur Jahrhundertfeier der großen französischen Revolution, von den Theatern gern aufgeführt und glänzend ausgenommen werden würde. Aber weder damals, noch später ging diese Hoffnung in Erfüllung. und was für grandiose Szenen, nämlich Volks-- szenen, enthalt doch dieses Stück! Man wird kaum bei einem anderen Dramatiker eine stärkere, tiefer gedachte und lebensvollere Volksszene finden, als jene bei der Hinrichtung des Calas.

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